Frieden ist was für Anfänger

Es ist die Gretchenfrage unserer Zeit, gestellt in den Gängen der Macht und den Bunkern der Entschlossenen: Braucht die Welt, in ihrer unendlichen Weisheit, nicht einfach ein bisschen mehr Krieg? Visionäre Führungspersönlichkeiten wie die Herren Putin und Kim Jong Un, die man getrost als die Influencer der Geopolitik bezeichnen kann, scheinen eine klare Antwort gefunden zu haben. Während der Rest der Welt noch an dem hoffnungslos veralteten Konzept des Friedens kaut, haben diese Praktiker längst die Vorteile einer robusten, kinetischen Außenpolitik erkannt.

Schauen wir uns die Fakten doch einmal nüchtern an. Frieden ist, seien wir ehrlich, entsetzlich langweilig. Er führt zu Wohlstandsverwahrlosung, ausufernden Debatten über die korrekte Mülltrennung und gibt den Menschen ungesund viel Zeit, über ihre eigenen, belanglosen Gefühle nachzudenken. Ein Zustand permanenter Harmonie ist ökonomisch betrachtet eine Katastrophe. Ganze Industriezweige würden kollabieren. Wer braucht schon Panzer, wenn alle nur Händchen halten? Wer kauft noch Kurzstreckenraketen, wenn die größte Bedrohung der Nachbar ist, der sonntags den Rasen mäht? Krieg hingegen ist ein verlässliches Konjunkturprogramm. Alte Bestände an Kriegsgerät werden aufgebraucht, neue müssen produziert werden. Das schafft Arbeitsplätze. Städte, die unglücklicherweise im Weg stehen, bieten anschließend fantastische Investitionsmöglichkeiten für die Bauindustrie. Ein wahrer Kreislauf der Schöpfung – durch Zerstörung.

Herr Putin beispielsweise hat das Prinzip der „Spezialoperation“ zur Perfektion geführt. Es ist quasi die Disruption des klassischen Krieges. Man löst nicht nur territoriale Fragen, sondern kurbelt gleichzeitig die heimische Wirtschaft an und lenkt von lästigen innenpolitischen Problemen ab. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum in Nordkorea nie jemand über Rentenreformen diskutiert? Weil sie Wichtigeres zu tun haben. Zum Beispiel der Welt mit dem nächsten Raketentest zu beweisen, dass sie noch da sind. Das schafft nationalen Zusammenhalt. Nichts schweißt ein Volk so sehr zusammen wie ein klar definierter, externer Feind – oder zumindest einer, der als solcher verkauft wird.

Frieden hingegen fördert Individualismus und kritisches Denken. Beides extrem anstrengende Eigenschaften für jede Regierung. Menschen in Friedenszeiten fangen an, Fragen zu stellen. Warum ist die Internetverbindung so langsam? Warum muss ich Steuern zahlen? Brauchen wir wirklich eine weitere Reality-TV-Show? In einem zünftigen Konflikt stellt niemand solche Fragen. Die Prioritäten sind klar: Nicht von einer Drohne getroffen werden. Das vereinfacht den Alltag ungemein.

Man könnte also zu dem Schluss kommen, dass der Wunsch nach Frieden ein Luxusproblem einer Gesellschaft ist, die vergessen hat, wie man effizient Probleme löst. Sicher, Frieden hat seine Nischen. Er ist nett für Urlaubskataloge und Sonntagsreden. Aber für die große Bühne der Weltgeschichte, für echte, spürbare Veränderung und zur nachhaltigen Reduzierung der Überbevölkerung bleibt ein gut geführter Krieg einfach unschlagbar pragmatisch. Man muss den Hut ziehen vor dem Mut derer, die bereit sind, diesen unkonventionellen, aber geradlinigen Weg zu gehen. Der Rest kann ja weiter im Stuhlkreis über seine Gefühle reden.

Nicht ganz unwichtig bei der ganzen Sache ist übrigens, dass diejenigen, die einen Krieg beginnen, aber nie diejenigen sind, die in irgendeinem Schützengraben sitzen. Sondern sicher zu Hause in ihrem Bunker und mit viel Aktienanteilen an der Rüstungsindustrie.

Ein Schelm, wer diesen uneigennützigen Machthabern etwas Unaufrichtiges unterstellen will.


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