Ars longa, vita brevis

Die Kunst ist lang, das Leben kurz – und ich bin trotzdem zu spät dran

Hippokrates hatte eine schöne Idee: „Ars longa, vita brevis“ – die Kunst ist lang, das Leben kurz. Ein poetischer Gedanke, der seit Jahrhunderten durch die Salons und Seminarräume wandelt und dabei stets ehrfürchtiges Nicken erntet. Wie tief! Wie wahr! Wie… unpraktisch.

Denn seien wir ehrlich: Was nützt mir die Unsterblichkeit der Kunst, wenn ich selbst vergänglich bin wie ein Butterbrot in der Sommerhitze? Da hängt die Mona Lisa noch in hundert Jahren im Louvre und lächelt ihr rätselhaftes Lächeln – nur leider werde ich nicht mehr da sein, um zurückzulächeln. Pech gehabt, Leonardo.

Die Sache mit der ewigen Kunst ist nämlich ein bisschen wie mit einem guten Wein: Theoretisch wird er immer besser, aber praktisch hilft das wenig, wenn man bereits unter der Erde liegt. „Schau mal, dein Lieblingsbuch steht immer noch im Regal!“, wird niemand zu meinem Grabstein sagen. Erstens, weil Grabsteine notorisch schlechte Zuhörer sind, und zweitens, weil ich dann andere Sorgen habe – oder eben gar keine mehr.

Natürlich könnte man argumentieren: „Aber die anderen Menschen! Die Nachwelt! Die Kultur!“ Stimmt schon. Während ich mich in meine wohlverdiente Nicht-Existenz verabschiede, werden andere weiterhin vor Gemälden stehen, Gedichte rezitieren und über die Bedeutung von Beethovens Neunter philosophieren. Wie schön für sie. Wie irrelevant für mich.

Es ist ein wenig, als würde man eine Party planen, die erst nach dem eigenen Ableben stattfindet. Man kann sich zwar denken, dass es großartig wird, aber die Einladung kommt leider zu spät. Die Kunst mag ewig sein – das Publikum wechselt in regelmäßigen Abständen komplett durch.

Vielleicht ist der wahre Trick nicht, darauf zu hoffen, dass die Kunst uns überlebt, sondern darauf, dass wir die Kunst überleben. Oder wenigstens zeitgleich mit ihr den Löffel abgeben. Synchroner Verfall hat auch etwas Poetisches.

Am Ende bleibt die ernüchternde Erkenntnis: Die Kunst ist tatsächlich lang, das Leben wirklich kurz – und die Ironie daran ist, dass wir trotz dieser Weisheit immer noch zu wenig Zeit haben, um darüber angemessen zu lamentieren.

Aber hey, wenigstens haben wir jetzt einen Artikel darüber geschrieben. Der ist zwar nicht ewig, aber immerhin lang genug, um die Zeit bis zum nächsten existenziellen Dilemma zu überbrücken.


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