Die Illusion der Gewöhnung: Russlands imperiale Aggression

Es ist zutiefst verstörend, wie schnell sich die menschliche Psyche an Schrecken anpassen kann. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine – und ja, es ist ein Krieg, keine „Spezialoperation“, kein „Konflikt“ – fordert täglich unzählige Opfer. Städte werden dem Erdboden gleichgemacht, Zivilisten getötet, Infrastruktur zerstört. Und doch verliert die Tragödie in den Nachrichten oft an Schärfe, wird zu einer weiteren Meldung in der Flut des Alltags. Dies ist genau das, worauf Wladimir Putin setzt: die Ermüdung der westlichen Welt, die Hoffnung, dass die Unterstützung für die Ukraine mit der Zeit nachlässt.

Wie Außenminister Johann Wadephul bei seinem Besuch in Kyjiw deutlich machte, will Putin keinen Frieden, sondern „Eroberung und Unterwerfung“. Seine imperialistische Ideologie ist die größte Bedrohung für die Sicherheit in Deutschland und ganz Europa. Wer jetzt von Verhandlungen spricht, ohne Russlands vollständigen Rückzug und die Wiederherstellung der territorialen Integrität der Ukraine zur Bedingung zu machen, ignoriert die brutale Realität und spielt dem Aggressor in die Hände.

Die Rolle des Westens: Zwischen Unterstützung und Zögerlichkeit

Die Informationen zeigen klar, dass die Ukraine dringend weitere Unterstützung benötigt. Präsident Selenskyj fordert dringend weitere Sanktionen gegen Russland, um dessen „strategische Entwicklungsmöglichkeiten“ und die „Fähigkeit, diesen Krieg fortzusetzen“, einzuschränken. Es ist unbegreiflich, wie ein Sanktionspaket am Widerstand einzelner EU-Staaten scheitern kann, während in der Ukraine täglich Menschen sterben. Die Einigkeit des Westens ist hier kein Luxus, sondern eine absolute Notwendigkeit.

Verteidigungsminister Boris Pistorius betonte auf dem SPD-Parteitag, dass Putin nicht verhandeln will, sondern auf Kriegswirtschaft umgestellt hat und seine Armee verdoppelt. Es geht nicht um Aufrüstung, sondern um das Nachholen dessen, was versäumt wurde. Die Sprache, die Putin versteht, ist die der Stärke. Das bedeutet: mehr moderne Luftverteidigung, mehr Waffen, mehr humanitäre und wirtschaftliche Hilfe für die Ukraine. Es bedeutet auch, sich nicht von Drohungen oder der russischen Propaganda einschüchtern zu lassen, die westliche Militärhilfen als „destabilisierend“ darstellt. Die wahre Destabilisierung kommt von Putins Aggression.

Die Meldungen über den ukrainischen Austritt aus dem Landminenabkommen, um sich besser verteidigen zu können, zeigen die verzweifelte Lage des Landes. Während Russland, das die Konvention nie unterzeichnet hat, massiv Minen einsetzt, muss die Ukraine zu solchen Schritten greifen, um sich gegen den überlegenen Aggressor zu wehren. Das ist ein Zeichen der Existenzenge, in der sich die Ukraine befindet.

Warum wir nicht abstumpfen dürfen: Ein Angriff auf unsere Werte

Dieser Krieg ist nicht nur eine lokale Auseinandersetzung. Er ist ein Angriff auf die gesamte europäische Sicherheitsarchitektur und auf die Grundfesten der internationalen Ordnung. Wenn ein Land ungestraft die Grenzen eines souveränen Nachbarn verschieben, dessen Bevölkerung terrorisieren und sich völkerrechtswidrig Territorien einverleiben kann, dann ist kein Land in Europa sicher. Der völkische Imperialismus Russlands, wie ihn der SPD-Politiker Stephan Weil treffend bezeichnete, muss mit aller Entschiedenheit bekämpft werden.

Die Zahlen der Vereinten Nationen, die einen Anstieg der zivilen Opfer um 50 Prozent in den ersten fünf Monaten des Jahres 2025 melden, sind ein Weckruf. Angriffe auf Schulen, Wohnhäuser und medizinische Einrichtungen, oft tagsüber durchgeführt, sind Kriegsverbrechen. Sie zeigen die zunehmende Brutalität der russischen Kriegsführung und die eiskalte Absicht, der Zivilbevölkerung maximalen Schaden zuzufügen.

Wir dürfen uns nicht an diesen Horror gewöhnen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Ukraine in Vergessenheit gerät oder die Unterstützung nachlässt. Die Freiheit und Zukunft der Ukraine ist die wichtigste Aufgabe unserer Außen- und Sicherheitspolitik, wie Außenminister Wadephul feststellte. Es geht um unsere eigenen Werte, unsere Sicherheit und unsere Zukunft in einem freien und demokratischen Europa. Die Ukraine verteidigt nicht nur sich selbst, sondern auch uns.

Wie können wir sicherstellen, dass die erschreckende Realität dieses Krieges uns wachrüttelt und zu noch entschlossenerem Handeln motiviert, anstatt uns in einer trügerischen Normalität zu verlieren?

Quelle ZEIT ONLINE


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