Trump, Putin und die Verdrehung der Schuldfrage

Symbolbild: Trump und Putin

Donald Trump ist zurück im Weißen Haus – und mit ihm eine Außenpolitik, die alte Muster wieder aufleben lässt. Auf einer Pressekonferenz in Florida erklärte der US-Präsident, ein Treffen mit Wladimir Putin sei noch in diesem Monat wahrscheinlich. Während Außenminister Marco Rubio kurz zuvor betont hatte, dass es für ein Gipfeltreffen zwischen den USA und Russland keinerlei feste Vereinbarung gebe, gab sich Trump siegessicher. Warum er von einer baldigen Begegnung ausgeht, bleibt unklar. Fest steht jedoch: Seine Worte passen in ein Muster.

Seit seinem Amtsantritt vor gut vier Wochen hat Trump die Ukraine-Politik seines Vorgängers Joe Biden radikal verändert. Trump behauptet, dass der Krieg „niemals hätte beginnen dürfen“. Wer nach einer klaren Verurteilung des russischen Angriffs sucht, wird enttäuscht. Stattdessen macht Trump den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj für die Dauer des Krieges verantwortlich.

„Ihr hättet es nie anfangen sollen“, sagte er über die ukrainische Führung. Sie habe einen Krieg zugelassen, „den es nie hätte geben dürfen“. Die Aussage ist mehr als eine politische Randbemerkung. Sie offenbart ein grundlegendes Missverständnis – oder eine bewusste Verdrehung der Tatsachen. Nicht die Ukraine hat diesen Krieg begonnen, sondern Russland. Nicht Selenskyj hat die russischen Panzer auf Kiew losgeschickt, sondern Putin. Dennoch bedient Trump die Logik des Kremls, wonach der Krieg durch Verhandlungen frühzeitig hätte beendet werden können. Dass es Russland ist, das bislang jegliche ernsthaften Friedensgespräche blockiert und weiterhin Territorien annektiert, bleibt unerwähnt.

Das Muster ist bekannt. Schon während seiner ersten Amtszeit zeigte Trump eine auffallende Nachsicht gegenüber Russland. 2018, nach einem Treffen mit Putin in Helsinki, stellte er die Erkenntnisse der eigenen Geheimdienste infrage und erklärte, er sehe keinen Grund, warum Moskau sich in die US-Wahlen eingemischt haben sollte. Nun, sechs Jahre später, wiederholt sich das Spiel – mit neuen geopolitischen Risiken.

Auch Trumps Spott über die diplomatische Marginalisierung der Ukraine in Saudi-Arabien zeigt, auf welcher Seite der Präsident steht. „Oh, wir waren nicht eingeladen“, höhnte er über Selenskyjs Kritik. Dass über das Schicksal der Ukraine ohne die Ukraine verhandelt wurde, scheint für ihn nicht weiter problematisch zu sein. Der Tenor: Die Ukraine sei inzwischen ohnehin zu lange in diesen Krieg verwickelt, anstatt ihn endlich zu beenden.

Die Realität ist eine andere. Russland führt seit 2014 Krieg gegen die Ukraine, erst mit der Annexion der Krim, dann mit der Destabilisierung des Donbass und schließlich mit der großflächigen Invasion im Februar 2022. Ein schneller Frieden wäre für die Ukraine nur um den Preis der Kapitulation zu haben. Trumps Forderung nach einem „Deal“ scheint nichts anderes zu sein als die Forderung nach einer ukrainischen Niederlage.

Dass Trump sich als Vermittler zwischen Russland und der Ukraine inszeniert, könnte unangenehme Folgen haben. Denn seine bisherigen Äußerungen lassen erahnen, dass er nicht sonderlich gewillt ist, der Ukraine weiter zu helfen. Er könnte den Druck auf Selenskyj erhöhen, sich mit Putin zu arrangieren – unabhängig davon, was das für die ukrainische Bevölkerung bedeutet.

Trump ist seit gut vier Wochen wieder im Amt. Doch seine Worte haben Gewicht. Sie zeigen, dass er bereit zu sein scheint, die Geschichte umzuschreiben, die Schuld zu verschieben, Russland in Schutz zu nehmen.

Quelle ZEIT ONLINE


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Kommentare

4 Kommentare zu „Trump, Putin und die Verdrehung der Schuldfrage“

  1. What he doesn’t understand is that giving in to Russia is first and foremost a defeat for America. I know you liked America, and so did I. But that’s it.

  2. Yes, the USA is a great country in terms of landscape, nature and many people.
    But times could be difficult with the Trump administration…

  3. Avatar von Agricola
    Agricola

    Unser Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder behauptet, es habe unter seiner Vermittlung nach den Verhandlungen in Istanbul im April 2022 einen unterschriftsreifen Vertrag zur Beendigung der russischen Invasion gegeben, der dann aber von Mächtigeren (wahrscheinlich Johnson) verhindert worden sei.
    Unabhängig vom russischen Völkerrechtsbruch halte ich es für durchaus plausibel, daß der eine oder andere im Westen – dazu gehört auch die USA unter Biden – damals geglaubt hat, daß sich die Russen bei ihrer Invasion eine blutige Nase holen und entschieden geschwächt aus dem Krieg herausgehen würden. Dazu kam noch das Gefühl moralischer Überlegenheit.

    Wie dem auch sei: Damals hätte man ein deutlich besseres Ergebnis für die Ukraine erzielen können als heute. Und das mit ein paar hunderttausend Toten weniger.
    Es gibt also keinen Grund, über Trump zu schimpfen.

  4. 1. **Schröders Behauptung eines unterschriftsreifen Friedensvertrags**
    Gerhard Schröder hat in mehreren Interviews behauptet, dass es im April 2022 in Istanbul eine weitgehende Einigung gegeben habe, die dann von westlicher Seite verhindert worden sei. Diese Darstellung wird jedoch von mehreren direkten Beteiligten zurückgewiesen. Vertreter der Ukraine, darunter Mychajlo Podoljak (Berater des ukrainischen Präsidenten), haben klargestellt, dass Russland selbst keine ernsthaften Garantien geboten habe und weiterhin auf Maximalforderungen bestand, die für die Ukraine inakzeptabel waren – insbesondere eine faktische Kapitulation in Form von Gebietsverlusten und Neutralitätsverpflichtungen ohne ausreichende Sicherheitsgarantien.

    Zudem ist unklar, inwiefern Schröder tatsächlich eine maßgebliche Rolle in den Verhandlungen spielte. Sein enger Bezug zu russischen Interessen, insbesondere seine langjährige Tätigkeit für russische Staatskonzerne wie Gazprom und Rosneft, lässt Zweifel an seiner Neutralität aufkommen.

    2. **Die Rolle westlicher Staaten und die angebliche Verhinderung eines Friedensschlusses**

    Die These, dass Boris Johnson oder andere westliche Staaten einen möglichen Frieden verhindert hätten, basiert auf unbelegten Behauptungen. Johnson besuchte Kiew im April 2022, doch es gibt keine stichhaltigen Beweise dafür, dass er explizit einen Friedensschluss blockierte. Vielmehr hat die Ukraine selbst klargestellt, dass sie unter den damaligen Bedingungen nicht bereit war, ein Abkommen zu unterzeichnen, da Russland weiterhin ukrainisches Territorium besetzt hielt und keine glaubwürdigen Sicherheitsgarantien abgeben wollte.

    3. **Die Annahme, dass sich Russland eine „blutige Nase“ holen sollte**

    Die Vorstellung, dass der Westen bewusst eine Fortsetzung des Krieges provozierte, um Russland zu schwächen, verkennt die Dynamik der russischen Kriegsführung. Russland hatte bereits zu Beginn der Invasion massive Kriegsverbrechen begangen (z. B. in Butscha) und zeigte wenig Interesse an einem echten Friedensschluss. Die Ukraine kämpfte nicht, weil der Westen dies wünschte, sondern weil sie sich gegen einen völkerrechtswidrigen Angriff verteidigen musste. Hätte die Ukraine im April 2022 einen Nachteilfrieden geschlossen, hätte dies kaum eine langfristige Sicherheit gewährleistet, sondern wahrscheinlich nur eine erneute Eskalation zu einem späteren Zeitpunkt ermöglicht.

    4. **Die Annahme, dass damals ein besseres Ergebnis für die Ukraine möglich gewesen wäre**

    Diese Annahme ist spekulativ. Ein Abkommen unter den damaligen Umständen hätte möglicherweise zur Anerkennung russischer Gebietsgewinne geführt, was für die Ukraine einen geopolitischen und sicherheitspolitischen Nachteil bedeutet hätte. Zudem zeigt der Verlauf des Krieges, dass Russland seine ursprünglichen Ziele – die Unterwerfung der gesamten Ukraine – nicht aufgegeben hat. Ein ungesicherter „Frieden“ hätte daher nicht unbedingt zu weniger Opfern geführt, sondern möglicherweise zu einem erneuten Krieg mit noch schlechteren Ausgangsbedingungen für die Ukraine.

    5. **Der Vergleich mit Trump**

    Die Kritik an Donald Trump bezieht sich in der Regel auf seine Haltung gegenüber Russland und der Ukraine, insbesondere seine wiederholten Aussagen, er würde die Unterstützung für die Ukraine möglicherweise einstellen oder einen „Frieden“ erzwingen, der der Ukraine große Gebietsverluste aufzwingen könnte. Während es legitim ist, über verschiedene diplomatische Ansätze zu diskutieren, bleibt die Frage, ob ein von Trump forcierter „Frieden“ tatsächlich stabil und gerecht wäre oder nur eine kurzfristige Lösung zugunsten Russlands darstellte.

    Es gibt keine stichhaltigen Beweise dafür, dass ein unterschriftsreifer Friedensvertrag existierte und von westlicher Seite verhindert wurde. Die Ukraine hat sich aus eigenem Interesse weiter verteidigt, da ein Abkommen unter den damaligen Bedingungen keine langfristige Sicherheit gebracht hätte. Die Behauptung, der Westen habe den Krieg verlängert, um Russland zu schwächen, ignoriert die Verantwortung Russlands für den Kriegsverlauf und die Kriegsverbrechen. Ein „besseres“ Verhandlungsergebnis ist aus heutiger Sicht nicht belegt, und die Kritik an Trump bleibt eine separate Diskussion, die mit dem Kriegsverlauf differenziert betrachtet werden muss.

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