Die Liebe Jesu und Waffenlieferungen ? Dem Feind mit Liebe begegnen ?

Es gibt Menschen, die aus der deutschen Sicherheit heraus argumentieren, man dürfe der Ukraine keine Waffen zur Verteidigung gegen den russischen Vernichtungskrieg liefern. Das würde doch angeblich das Leid der Menschen nur verlängern.

Manche von diesen Menschen argumentieren dann völlig emotionslos und empathielos aus der deutschen Sicherheit heraus, dass man dem Angriffskrieg doch mit Liebe begegnen müsse, dass man ihm Liebe entgegensetzen solle. Sie sehen nicht das unendliche Leid, gegen das die Menschen in der Ukraine sich wehren wollen, sondern es steht der Verdacht im Raum, dass diese deutschen Menschen einfach möglichst schnell zurück in ihre deutsche Komfortzone kriechen wollen, in ihre scheinbar heile Welt, dass sie einfach keine Lust mehr auf diese bedrückenden Bilder haben. Kopf in den Sand, die böse Welt soll draußen bleiben. Bekämpft mit der deutschen großen Liebe aus dem deutschen Hafen der Sicherheit heraus und mit dem Leben der Ukrainer*innen.

Gerne untermauern sie derlei dann noch mit einem theologischen Deckmäntelchen, Jesus sei ja auch rein pazifistisch gewesen. Dass Jesus dafür in den Tod ging, klammern sie aus. Denn das hieße es ja auch für die Menschen in der Ukraine, wenn sie sich nicht verteidigen können. Sie würden unter der faschistischen russischen Diktatur verschwinden, unter der Diktatur mit ihren Todeslisten, mit den Vergewaltigungen durch russische Soldaten, mit den Hinrichtungen ukrainischer Männer und deren Verscharrung in Massengräbern, mit der Verschleppung von Kindern irgendwo nach Russland und deren Zwangsadoption, mit den Massakern, die man aus vielen Orten mittlerweile schmerzhaft kennenlernen musste, Bucha und Irpin beispielsweise, um nur zwei zu nennen, mit der Auslöschung ganzer ukrainischer Städte und der Vertreibung von Millionen ukrainischer Menschen.

Und diese deutschen Menschen argumentieren dann gerne auch in Unkenntnis oder Ausblendung von Luthers Zwei-Reiche-Lehre, ebenso in Unkenntnis oder Ausblendung der Theologie Dietrich Bonhoeffers, der aktiv dem Rad in die Speichen fallen wollte, der also aktiv durch seine Beteiligung an einem Attentat Hitler daran hindern wollte, dass dieser Millionen Menschen tötet.

Soweit muss man nicht gehen, dass man sich gedanklich irgendwie an einem Attentat beteiligt, dies sei ferne. Aber das Naheliegende ist, und das würde auch Martin Luther so sehen und das hat er auch in seiner Zwei-Reiche-Lehre so formuliert, dass im Reich der Welt andere Realitäten zu finden sind, als im Reich Gottes. Im Reich Gottes gelten die hohen Maßstäbe der Bergpredigt, im Reich der Welt aber das Regiment des Schwertes, was bedeutet, dass die Obrigkeit Chaos verhindern muss und notfalls auch mit Waffengewalt für Frieden sorgen muss. Denn auch dies ist ein theologisch sowie biblisch nachvollziehbarer Gedanke: Gott schuf aus Chaos Kosmos. Es entspricht daher kaum dem Willen Gottes, dass Chaos in seiner Welt herrscht, also auch nicht das Chaos des Krieges.

Wer also argumentiert, wie eingangs beschrieben, kennt beide Entwürfe nicht oder will sie, entgegen besserem Wissen, nicht wahrnehmen. Zu Lasten der Menschen in der Ukraine, die alles verlieren. Und zugunsten der eigenen deutschen Komfortzone.

Wenn dereinst die Menschen in der Ukraine nicht mehr durch russische Soldaten sterben müssen, dann könnte die Bergpredigt mit ihrer pazifistischen Botschaft eine gute Grundlage werden, dann könnte Jesus mit seiner für Menschen fast unerfüllbaren Forderung nach Feindesliebe ein Thema werden. Aber im Moment geht es um das bloße Überleben. Wer in dieser ganz existenziellen Krise der Ukraine statt Waffen Liebe liefern will, sollte seine eigenen Motive einmal genau überprüfen. Und wenn er ehrlich ist, wird er wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, das es ihm viel mehr um ihn selber geht, als um das Leben der ukrainischen Menschen – und ein solches Verhalten nennt man dann Selbstliebe. Das Gegenteil, von dem, was Jesus hauptsächlich predigte, nämlich die Nächstenliebe.

Gehen wir gedanklich kurz einmal in die Antike zurück, in die Zeit der Christenverfolgungen durch das römische Imperium. Damals gab es Christen, die ihren Glauben an den einen Gott nicht verleugnen wollten, andererseits aber den radikalen Pazifismus, den Jesus gepredigt hatte, leben wollten. Für ihren Glauben und ihre Überzeugung nahmen sie den Märtyrertod durch die Römer auf sich, sie fielen zu tausenden und zu zehntausenden den römischen Christenverfolgungen zum Opfer. Aber es war sicherlich in vielen Fällen ihre eigene Entscheidung, diesen pazifistischen Weg zu gehen (vergleiche Plinius, Briefe X,96/97).

Und heute? Heute raten oben genannte Deutsche Ukrainer*innen, diesen pazifistischen Weg zu gehen und dafür ihren Tod in Kauf zu nehmen. Diese Deutschen entscheiden also für jemand anderen, nicht etwa für sich selbst. Das ist ein Unterschied. Das macht allen Unterschied.

Den christlichen Weg des Pazifismus kann man für sich selber wählen, wenn man ihn aber anderen Menschen aufdrängt, ist es kein Pazifismus mehr. Es ist Bigotterie.

Foto: Yulia Matvienko, Opfer eines russischen Angriffs.

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