Russland, alter neuer Feind?

Die Leute meines Jahrgangs und eines ähnlichen Jahrgangs erinnern sich sicher noch gut. Freitags um 12 Uhr ging die Sirene. Jeden Freitag in Deutschland. Jeweils Probealarm, glücklicherweise nur Probealarm. Es war Kalter Krieg und man wollte, zumindest in Bezug auf die Sirenen, gewappnet sein, falls die Russen angreifen würden. Die 70er Jahre.

In den 90er Jahren entspannte sich die Situation und man glaubte, mit Russland auf neue Art und Weise und freundschaftlich umgehen zu können. Im Jahr 2014 musste die Ukraine jedoch die Erfahrung machen, dass Russland nicht so friedliebend ist, wie manche in Deutschland dies gerne hätten. Im Jahr 2014 eroberte Russland durch hybride Kriegsführung die Halbinsel Krim, bis dahin ukrainisch, nach russischer Lesart neuerdings angeblich russisch. Und seit 2014 hält Russland die Ostukraine in einem hybriden Angriffskrieg gefangen, in dem von russischer Seite aus Kämpfer mit Waffen und sogar mit Soldaten unterstützt wurden und werden.

Parallel dazu hat Belarus, Weißrussland, offensichtlich mindestens mit Billigung des Kremls, womöglich sogar auf dessen Antrieb hin, tausende Flüchtlinge mit Flugzeugen ins eigene Land geholt, und versucht nun seit Wochen, diese an der polnischen Grenze in die EU zu schleusen. Hybride Kriegsführung mit menschlichem Einsatz. Menschliches Drama. Politische Destabilisierung der EU.

Im April 2020 hielt die EU den Atem an, ganz besonders aber hielt die Ukraine den Atem an. Im Osten der Ukraine, in Russland, war die russische Armee mit tausenden Soldaten und schwerem Gerät aufgefahren. Längere Zeit war unklar, was daraus werden sollte, dann aber zog die russische Armee unverrichteter Dinge wieder ab. Unvermutet friedlich.

Ein ähnliches Szenario wiederholt sich gerade an der Ostflanke der Ukraine, nur scheint es diesmal anders zu sein. Strategen der NATO befürchten diesmal, dass es tatsächlich einen russischen Angriff auf die Ukraine geben könnte, möglicherweise im Januar. Gut 100.000 russische Soldaten und schweres militärisches Gerät sollen nach Angabe der NATO auf russischer Seite nahe der ukrainischen Grenze bereits stationiert sein.

Deutschland derweil und der Rest der EU sind mit sich selbst beschäftigt, Pandemie nun schon im zweiten Jahr. Und Deutschland, dessen wahrscheinliche neue Regierung ihren Koalitionsvertrag noch nicht einmal geschlossen hat, beschränkt sich des Weiteren bislang darauf, günstiges russisches Gas über die neu gebaute Ostseepipeline Nord Stream 2 beziehen zu wollen, wenn diese Pipeline denn endlich einmal ihre Zulassung haben sollte. Dies würde dann Devisen für Russland bedeuten, deutsches Geld also auch für russisches Militär. Doch Deutschland gibt sich prinzipiell friedlich, sofern es nichts kostet. Wenn das russische Gas billig ist, muss man es doch kaufen, oder. Kann doch keiner was dafür in Deutschland, wenn Russland unter anderem mit diesem Geld dann vielleicht wieder einen Angriffskrieg finanziert.

Nord Stream 2 ist mittlerweile fertiggestellt, was fehlt, ist eben nur noch die Lizenz der EU. Das russische Gas müsste, wenn diese Lizenz erst einmal vorliegt, dann künftig also nicht mehr durch die Ukraine bis nach Deutschland fließen. Dementsprechend wäre es aus russischer Sicht wohl auch unproblematisch, falls durch einen Angriffskrieg in der Ukraine die Gasinfrastruktur zerstört werden sollte. Es wäre vielleicht sogar eine Win-Win-Situation für Russland. Denn Deutschland bräuchte ja Gas. Es ist kalter Winter. Und woher könnte man dieses Gas denn beziehen, wenn dummerweise die Gasleitungen durch die Ukraine beschädigt wären, andererseits aber eine gerade noch nicht genehmigte Gaspipeline fertig und betriebsbereit in der Ostsee liegt?

Die Ukraine, so denken einige in Deutschland, ist doch weit weg. Und die deutschen Ausgaben für die NATO, die Ausgaben also für den einzigen militärisch wirksamen Schutz Deutschlands, welches vielleicht gerade mal einen funktionierenden Panzer und ein Segelschulschiff einsatzbereit hat, will man in Deutschland nicht so richtig erhöhen. Zu unbequem. Zu teuer. Nicht so preiswert wie russisches Gas. Vielleicht sollte man in Deutschland aber zumindest die Sirenen wieder einsatzbereit machen.

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