Die immer lacht

Na, kennen Sie solche Gesellschaften, in denen Sie irgendwie mit dabei sind und ein automatisches Lächeln aufsetzen? Man kommt irgendwie nicht ins Gespräch, will aber auch nicht anecken, also macht man gute Miene zum langweiligen Spiel.

Kennt wahrscheinlich jeder, hat auch vermutlich jeder jeder schon mal erlebt, und viele machen es immer noch.

Lawrence Kohlberg, US-amerikanischer Psychologe, hatte einmal eine Theorie. Seiner Meinung nach verläuft die moralische Entwicklung in Stufen und man kann auch keine Stufe überspringen.

Stufe 3 gehört zum konventionellen Niveau und meint die Stufe, in der man sich in die Erwartungen anderer Menschen hineinversetzen kann und ihnen nach Möglichkeit entsprechen möchte. Sie wird deshalb auch als die good girl und good boy Stufe bezeichnet, weil man eben ein good girl oder good boy sein möchte, die anderen sollen einen eben auch schätzen, und zwar deswegen, weil man so handelt, wie sie es erwarten. Anecken darf man in dieser Stufe lieber nicht, weil man dies für moralisch irgendwie falsch hält.

Viele Jugendliche und einige Erwachsene sind in dieser Stufe.

Es ist nicht so, dass man auf der Stufenleiter der moralischen Entwicklung zwangsläufig immer weiter nach oben käme, aber dennoch ist es gut, auch für einen selber, wenn man zumindest auf der Stufe 3 nicht dauerhaft stehen bleibt.

Warum nicht? Weil man sonst nämlich immer lacht, obwohl einem überhaupt nicht danach ist. Weil man immer lächelt, nur, weil man meint, die anderen würden es so wollen. Dabei verleugnet man sich selbst.

Den Nächsten lieben wie sich selbst, so lautet ein Teil des Doppelgebots der Liebe. Den Nächsten lieben heißt auf der Moralstufe 3, dessen Erwartungen entsprechen zu wollen. Sich selbst lieben heißt aber, auch einmal Nein zu sagen und nicht zu lächeln, auch, obwohl der andere das womöglich erwartet. Und sich einzugestehen, dass man überhaupt nicht wissen kann, was der andere denn eigentlich erwarten könnte. Vielleicht denkt er ja ganz anders als man selbst.

„Die immer lacht“ ist also nicht zu beneiden. Hoffentlich kann sie sich auf Dauer einen anderen Blick zulegen.

Und hier im Folgenden das Ganze noch etwas volkstümlicher, als Schlagerversion. Ich bin mir gar nicht sicher, welche die Originalversion ist, vermutlich aber dann wahrscheinlich der Schlager.


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