Man wundert sich sehr, wie wenig die westlichen Medien überhaupt über die Ereignisse in Kiew berichten und wie unkundig sie im Detail sind. Mittlerweile herrscht dort der Ausnahmezustand. Regierungskritiker wurden entführt, die Spezialeinheit der Polizei, Berkut, erschießt Demonstranten, die Gesetzgebung wurde innerhalb von 20 Minuten geändert, ohne im Parlament überhaupt gelesen zu werden. Die Bürgerrechte wurden dadurch massiv eingeschränkt und grenzen nun an ein diktatorisches Regime. Die Polizei der Regierung ist dazu angehalten, Journalisten am Berichten zu hindern.
Viele Menschen in der Ukraine sind zudem von der EU enttäuscht, die nichts als ein paar warme Worte findet. Immerhin hat sich EU-Kommissionspräsident Baroso dazu durchgerungen, im Falle des Falles eventuell vielleicht möglicherweise Maßnahmen zu ergreifen.
Viele Menschen in der Ukraine wissen: eine Änderung ist nicht in Sicht, weil der mehrfach vorbestrafte Präsident Janukowytsch alles will, nur eines nicht: zurücktreten. Und vermutlich wird er auch bei den nächsten Wahlen keine Anstalten machen, sich abwählen zu lassen. Vielmehr wird er wohl im Vorfeld dafür sorgen, dass die nächsten Wahlen eine Farce werden. Das Schicksal der Ukraine entscheidet sich in diesen Tagen. Und es sieht düster aus. Verlassen vom Westen, dem eine Diktatur an der Ostgrenze irgendwie nur ein Schulterzucken abringt. Die Ukraine steht kurz vor dem Bürgerkrieg. Völlig scheinheilig heute die Meldung, dass Russland sich deswegen Sorgen mache, wo doch gerade die Abkehr des Präsidenten Janukowytsch von dem Westen hin zu Russland und seiner Finanzspritze den Menschen jegliche Hoffnung auf Freiheit, Demokratie und wirtschaftliche Genesung nahm.
Der Leiter des medizinischen Dienstes der Demonstranten auf dem Maidan gab eben in der ukrainischen Pravda folgendes Interwiew: ein Arzt, mit weißem T-shirt und rotem Kreuz darauf, wurde von einem Berkut-Polizisten angeschossen, mit einem Gummigeschoss, direkt auf das rote Kreuz – in den Rücken. Der Arzt behandelte gerade einen Verletzten (der ebenfalls ein Opfer der Berkut war und mittlerweile verstorben ist). Kein Wunder, dass die Berkut-Einheiten nun den Finger locker am Abzug ihrer Waffen haben, wurde ihnen doch in den jüngst geänderten Gesetzen Straffreiheit garantiert – egal, was sie tun.
Der für einen Tag entführte Regimekritiker Ihor Luzenko kam glücklicherweise wieder frei, nachdem er in die Wälder verschleppt worden war. Vermummte Männer hatten ihn ergriffen, als er einen Verletzten ins Krankenhaus gebracht hatte und hatten ihn verschleppt. Einem anderen erging es schlimmer:
(22:57) +++ Ein Todesopfer in Kiew ist der Journalist und prominente Aktivist Yuriy Verbytsky. Unbekannte verschleppten ihn gestern morgen. Am heutigen Abend sei seine Leiche in einem Wald außerhalb von Kiew gefunden worden, berichtet der ukrainische Sender TVI. +++
Quelle> http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-01/ukraine-proteste-kiew
Der aktuelle Stand der Toten in Kiew ist: 5 Tote. Ärzte konnten zwei davon nicht medizinisch versorgen, weil die Berkut sie daran hinderte.
Mittlerweile gibt es drei Brennpunkte, an denen demonstriert wird. An einem dieser Punkte sprengte eine Berkut-Einheit das medizinische Zentrum in die Luft.
Die Regierung derweil führt einen Medienkrieg und setzt alles daran, die Informationen zu verzerren und die Situation herunterzuspielen. Das Treffen mit der Opposition, das nun der Präsident Janukowitsch endlich wahrgenommen hatte, war wohl ergebnislos geblieben, weil die Oppositionsführer kein Interview geben wollten. Logisch, denn die einzig sinnvolle Forderung ist der Rücktritt des Präsidenten und Neuwahlen. Alles andere führt in die Diktatur. Will Europa einen Diktator als Nachbarn ? Das ist die Frage, die die geruhsame EU sich allmählich einmal stellen müsste, anstatt mit besorgten Blicken und traurigen Worten entsetzt und beunruhigt zu sein. In Polen, das direkt an die Ukraine angrenzt, liegen die Nerven bereits blank.
Lesen Sie auch den > Kiew-Live-Blog der Zeit.
Quellen:
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