Am See dachte ich heute darüber nach, was es heisst, dass der Glaube sich immer wieder neu erfinden muss. Persönlich glaube ich, dass wir in unserer geistlichen Entwicklung nie hundertprozentig ankommen werden. Das ist nicht etwa negativ gemeint, wir müssen nicht mit einem Loch im Leben herumlaufen, das uns permanent schmerzt und für das wir eine (er)Füllung suchen. Jesus hat uns schon satt gemacht (Johannes 4,14). Dennoch heisst glauben in Bewegung bleiben. Vielleicht in unserer Zeit mehr als in früheren. In dem Masse in dem unser Leben sich verändert wird unser Glauben, unsere Art zu glauben, sich verändern müssen.
Hier ist der Unterschied zwischen Menschen in der Postmoderne und den Menschen früher: unser Leben weist mehr Veränderungen auf und ist “schneller” als das früher der Fall gewesen ist. Früher hatte man eigentlich nur drei Phasen: Kindheit, Erwachsenheit und Alter. Oft stand schon mit der Geburt das komplette Leben fest und es war klar, was das Kind beruflich machen würde, wen es heiraten würde, wo es wohnen würde usw.
Heute ist das Leben (zum Glück!) dynamischer. Aber diese Dynamik hat einen Preis: unsere Leben büssen viel an Konstanz ein. Man kann nicht mehr sagen ob und wie lange man in dem Beruf, den man gerlernt hat arbeiten will. Partnerschaften und Freundschaften ändern sich, ebenso wie Wohnorte. Durch Medien und die immer besseren Reisemöglichkeiten strömen mehr Eindrücke auf uns ein als auf die Menschen anderer Zeitalter. Ich habe mal gehört, dass bei Männern die erste Lebenskrise um die dreissig kommt. Das ist die Zeit in der man merkt, dass Weichen gestellt werden, die unter Umständen das Leben lange Zeit in eine bestimmte Richtung fahren lassen. Man stellt sich Fragen wie “ist das wirklich die Frau mit der ich alt werden will? Ist das wirklich der Job, den ich mein Leben lang machen werde? usw.” Ich habe das Gefühl, dass es mittlerweile mehr solcher Krisenpunkte gibt. An jedem dieser Punkte, und noch mehr wenn das Leben sich gravierend verändert, wird auch der Glaube hinterfragt. Gott wird in unseren Überlegungen immer eine Rolle spielen und wir werden den Glauben ebenso wie unser gesamtes Leben immer wieder neu erfinden müssen wenn wir wollen, dass er relevant bleibt.
Als ich über diese Sachen nachdachte erinnerte ich mich an die Schlange, in dem Landschulheim wohnte in dem wir bei Willo übernachtet haben. Es war eine recht grosse, vielleicht ein Python. Sie lang träge da und neben ihr an einen Pin hingen wie an einer Garderobe ihre Häute. Schlangen häuten sich bei jedem Wachstumsschritt, den sie tun. Für kurze Zeit kann es so aussehen, als hätte man zwei Schlangen im Terrarium. Dann vertrocknet die Haut und wird farblos. Vielleicht verstösst es gegen die Regeln des guten christlichen Geschmacks ausgerechnet von Schlangen zu lernen, aber ich finde, dass das ein schönes Bild dafür ist, wie wir im Glauben wachsen. Hinter jedem von uns liegen wie Schlangenhäute alte Arten den Glauben zu leben. Die Häute sind längst verblichen, nur Erinnerungen zu denen man nicht mehr zurück kann. Ich könnte nicht mehr meinen Glauben in einer hyper-charismatischen Gemeinde leben wie mit 23. Ich könnte auch nicht mehr zurück zu der Zeit als ich in einer grossen Gemeinde Publikum war. Alle Phasen waren gut und haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Ich blicke dankbar zurück, aber letztlich sind es Häute, in die ich nicht mehr passe.
Bild: © bellmers | pixelio.de



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