Ein Burnout ist oft die Lösung. Die Probleme liegen meist ganz woanders.

Von Roland Kopp-Wichmann. Vor ein paar Wochen fragte ich einen Teilnehmer meines Zeitmanagement-Seminars, wann er abends nach Hause käme. Er antwortete: „Wenn ich früh fertig werde um 21 Uhr.“ Auf meine Frage: „Und wenn es spät wird?“ war seine Antwort: „Um drei.“ Er meinte, drei Uhr morgens.

Für viele Führungskräfte ab dem mittleren Management sind Vierzehnstunden-Tage keine Ausnahme, sondern die Regel. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten wie zur Zeit stehen oder setzen sich viele Angestellte noch mehr unter Druck. Aus Angst, bei der nächsten Kündigungswelle entbehrlich geworden zu sein.

Dass zu lange Arbeitszeiten oder zusätzliches Arbeiten auf die Dauer nicht gesund ist, wissen die meisten. Denn Menschen brauchen, um gute Leistungen vollbringen zu können, Zeiten der Regeneration. Kein Bundesligatrainer würde seine Mannschaft jeden Tag ein Spiel absolvieren lassen, weil dies der sicherste Weg zum Leistungsabfall und Abstieg wäre.

Die Anzeichen für einen Burnout werden oft übersehen oder verharmlost:

  • chronische Müdigkeit
  • Energiemangel
  • zunehmende Fehlzeiten
  • Konzentrationsstörungen
  • Aggressionen
  • ständige Kopf- und Rückenschmerzen

Doch was bedeutet die Überschrift: „Burnout ist die Lösung. Das Problem liegt ganz woanders“?

In meiner Arbeit betrachte ich die Probleme, die die Menschen schildern, nicht als die Ursache, sondern als die Lösung – für einen inneren Konflikt. Wer sich über Jahre einen Burnout erarbeitet, das kommt ja nicht von allein, schafft sich unbewusst eine Auszeit. Er kommt in eine Klinik und anschließend meist noch in eine Reha-Maßnahme oder eine Kur. Dort kümmern sich ganz viele Menschen (Ärzte, Therapeuten, Pflegekräfte) um den Patienten, der sonst meist Probleme hat, Hilfe anzunehmen. Man schirmt ihn von der Arbeit ab und er hat plötzlich viel Zeit. Zeit zum Spazierengehen, Teetrinken, gesunde Sachen essen, Bücherlesen, Sport treiben, mit anderen Menschen über Gott und die Welt plaudern, über sein Leben nachdenken. Kurz: sich auszuruhen und sich nur um sich selbst kümmern.

Natürlich ginge das auch ohne Burnout. Viele Menschen leisten ja auch viel und achten dabei jedoch auf eine gute Work-Life-Balance. Auf deutsch: sie verschaffen sich Zeiten der Erholung und Regeneration. Menschen, die burnout-gefährdet sind, können das schlecht. Auch wenn ihnen der Partner, der Chef oder der Hausarzt ihnen das immer mal wieder nahelegt. Sie tun es nicht.

Deshalb passiert ja vielen Menschen ein Burnout auch nicht nur einmal. Manche nehmen diesen Schuß vor den Bug ernst und ändern ihre Einstellung und ihr Verhalten. Aber die meisten spüren nach einer erfolgten Reha-Maßnahme wieder neue Kräfte – und machen gerade so weiter.

Denn die Probleme, wenn Sie einen Burnout erleiden – oder sich erarbeiten – liegen woanders. Es ist nicht vor allem der Arbeitsdruck, der Chef, die Finanzkrise usw. Das mögen wichtige Faktoren sein. Aber die Ursache ist nicht außen. Die Ursache ist in Ihnen.

Diese Diagnose hört mancher nicht gern. Weil es viel leichter ist, die Schuld für den eigenen Zusammenbruch anderen oder den Umständen zuzuschieben. Der Nachteil dieser Sichtweise: Sie können vermutlich nichts daran ändern. Der Arbeitsdruck, Ihr Chef, wirtschaftliche Umstände werden sich nicht ändern, wenn Sie diesen die Schuld geben.

Wenn Sie jedoch es für möglich halten, dass die Ursache vor allem etwas mit Ihnen zu tun hat, mit Ihren Werten, Ihrer Einstellung, Ihren Verhaltensweisen, hat das einen enormen Vorteil: dann können Sie allein auch etwas daran ändern. (Dass an dieser Sichtweise viel dran ist, sehen Sie ja auch daran, dass nicht alle Ihre Kollegen einen Burnout bekommen, obwohl diese in der ähnlichen Situation sind).

Welche Gründe können es nun sein, dass jemand auf einen Burnout hin arbeitet?

Aus meiner Erfahrung mit vielen Seminarteilnehmern sind dies die häufigsten:

  1. Übertriebener Perfektionismus.
    In manchen Bereichen sind hundertprozentige Ergebnisse notwendig. Bei einer Operation, wenn jemand ein Flugzeug steuert, wenn der Restaurantkritiker das Lokal betritt.
    Doch für die meisten Bereiche des Lebens reichen achtzigprozentige Lösungen völlig aus. Das wird zwar nirgends laut gesagt aber es ist trotzdem so. Selbst die Bundesregierung erlässt Gesetze, die öfters nachgebessert werden müssen. Nach der Paretoregel brauchen sie aber für eine achtzigprozentige Lösung nur zwanzig Prozent der Zeit. Lesen Sie hier nach …
    Übertriebener Perfektionismus hat meist mit dem Gefühl, noch etwas beweisen müssen zu tun. Dass man klug ist, mithalten kann, Außerordentliches leisten kann, etwas wert ist etc. Letztlich hat es mit der Unsicherheiten und unbewussten Ängsten zu tun. Lesen Sie hier …
  2. Die Verleugnung von Grenzen.
    Wir leben in einer Zeit, wo Grenzen keinen guten Ruf haben. „Geht nicht, gibt’s nicht!“ oder „Nichts ist unmöglich!“ sind Slogans, die wir oft hören und bei manchen Menschen zur inneren Richtschnur geworden sind.
    Doch alles hat Grenzen. Selbst das Universum soll ja nicht unendlich sein. Aber alles was auf der Erde existiert, hat Grenzen und Menschen allemal. Grenzen der Kraft, der Energie, der Zeit, der Lust, der Motivation. Menschen mit der Tendenz zu Burnout empfinden Signale auf eigene Grenzen nicht als nützliche Information oder Erlaubnis, sondern als Kränkung. Und versuchen zu zeigen, dass das nicht stimmt. Selbst wenn der Körper dann nach Jahren Erschöpfungssymptome oder Verschleisssymptome zeigt, wird dies oft nicht als Hinweis auf eine gefährliche Überlastung verstanden, sondern als persönliches Versagen, das tapfer verschwiegen oder repariert werden muss.
  3. Ein mechanistisches Bild von sich selbst.
    Die Stärke von Vielarbeitern ist, dass sie jahrelang klaglos funktionieren. Wie eine Maschine. Wenn Maschinen Ausfälle zeigen oder kaputt gehen, werden sie repariert. Und die moderne Medizin kann ja tatsächlich heute vieles „reparieren“. Doch für wen sein Herz nur eine Pumpe, sein Knie nur ein Scharnier und seine Bandscheibe nur ein Knorpel ist, neigt dazu, diesen Teil des eigenen Körpers eben auch nur zu reparieren oder zu ersetzen, anstatt sich Gedanken zu machen, wie es dazu kam.
    Funktionieren müssen ist eine unbewusste Strategie, die man in der Kindheit entwickelt. Meist in einem Elternhaus, in dem nur Leistung zählte, Beschwerden und Unlust als „Schwäche“ oder „Gejammer“ abgetan wurden. Da lernte man, hart zu sich selbst zu werden und alle „weichen“ Gefühle zu unterdrücken. Für diese Entfremdung von sich selbst zahlt man meist irgendwann einen hohen Preis.
  4. Probleme im Privatleben.
    Beruf und Privatleben beeinflussen sich gegenseitig. Zuviel Arbeit und dadurch Zeitmangel wirken sich als fehlende Zeit für die Partnerschaft und die Familie aus. Umgekehrt kann ein glückliches Privatleben der Anlaß sein, seine Werte bezüglich Leistungsbereitschaft und Überstunden zu überdenken.
    Bei vielen Menschen mit Neigung zum Burnout gibt es Probleme im Privaten. Ungelöste Konflikte in der Partnerschaft bezüglich Aufgabenteilung, gegenseitiger Respekt oder Sexualität sind die wichtigsten. d
    Doch das Symptom ist die Lösung. Wer viel arbeitet und Überstunden sich heranzieht anstatt sie zu verweigern, kommt spät nach Hause. Dann schläft der Partner schon oder man ist zu müde für eine notwendige Auseinandersetzung. Am Wochenende wäre theoretisch Zeit, doch wer beim Samstagmorgen-frühstück mit einem Auge auf den Blackberry schielt, zeigt, wie sehr er sich bereits aus der Familie verabschiedet hat. Aber den herangezogenen Gründen („Wichtige Präsentation am Montagmorgen!“) wird eine höhere Priorität eingeräumt als die eigene Präsenz in der Beziehung.
  5. Geringes Selbstwertgefühl.
    Menschen, die aufgrund vieler Beziehungserfahrungen in ihrem Leben innerlich überzeugt sind, dass sie wertvoll und liebenswert sind, können sich gegen zu belastendende Arbeitsbedingungen wehren. Sie können sich abgrenzen, indem sie öfters „nein“ sagen. Konflikte können sie angemessen ansprechen und klären. Wenn die Konflikte nicht lösbar sind, können sie dies akzeptieren oder sich auch einen anderen Arbeitsplatz suchen.
    Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl haben diese inneren Freiraum oft nicht. Sie glauben unbewusst, sich Anerkennung, Sympathie und Zuneigung verdienen zu müssen. Als Folge können sie schlecht mit Bitten oder Forderungen von anderen umgehen. Sie neigen dazu, sich ausnutzen zu lassen. Vor Konflikten haben Sie Angst und versuchen eher, durch Wohlverhalten und Nettsein Konflikte gar nicht aufkommen zu lassen.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: ich habe nichts gegen eine verstärkte Anstrengung für eine begrenzte Zeit, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Wenn aber hinter der Ziellinie schon das nächste Ziel wartet, sollte man aufpassen. Ich unterschätze auch nicht die Bedeutung von hohem Leistungsdruck, einem vielleicht drohenden Arbeitsplatzabbau oder schwierigen Kollegen oder einem tyrannischen Chef. Doch es kommt immer auch darauf an, wie man solche Schwierigkeiten wahrnimmt, interpretiert und welche Handlungsmöglichkeiten man für sich sieht und entwickelt.

Was können Sie tun?

Die schlechte Nachricht zuerst: es gibt keine schnellen Tipps gegen Burnout-Gefährdung. Zwar gibt es jede Menge Bücher, die genau das versprechen. Aber ich glaube nicht an die Wirksamkeit von schnellen Rezepten (außer beim Kochen). Die Tipps sind zwar gut und hilfreich. Aber an der Umsetzung hapert es meist.Glauben Sie nicht? Also gut. Ich gebe Ihnen hier kostenlos meinen besten Tipp für Workaholics und Burnout-Aspiranten. Er lautet: „Gehen Sie vier Wochen lang jeden Tag eine halbe Stunde allein spazieren.“

Die gute Nachricht: Wenn Sie sich mit den Ursachen auseinandersetzen, können Sie Ihre Probleme auch lösen. Ganz sicher. Wenn Sie nur anderen oder den Umständen die Schuld geben oder an den Symptomen herumdoktern, werden Sie nichts ändern. Ganz sicher.

Sind Sie burnout-gefährdet?
Prüfen Sie es hier nach.

Bitte beantworten Sie nach Ihrem ersten Impuls, bleiben Sie bei Ihrem Gefühl – seien Sie ehrlich mit sich selbst. gestresster mann hält ohren zu

  1. Ich habe allgemein zuviel Stress in meinem Leben.
  2. Durch meine Arbeit muss ich auf private Kontakte und Freizeitaktivitaten fast völlig verzichten.
  3. Auf meinen Schultern lastet zu viel.
  4. Ich leide an chronischer Müdigkeit.
  5. Ich habe das Interesse an meiner Arbeit verloren.
  6. Ich handle manchmal, so als wre ich eine Maschine. Ich bin mir selbst fremd.
  7. Früher habe ich mich um meine Mitarbeiter und Kunden gekümmert, heute interessieren sie mich kaum noch.
  8. Ich mache zynische Bemerkungen über Kunden/Mitarbeiter/das Unternehmen.
  9. Wenn ich morgens aufstehe und an meine Arbeit denke, bin ich gleich wieder müde und antriebslos.
  10. Ich fühle mich machtlos, meine Arbeitssituation zu verändern.
  11. Ich bekomme zu wenig Anerkennung, für das was ich leiste.
  12. Auf meine Kollegen und Mitarbeiter kann ich mich nicht verlassen, ich arbeite über weite Bereiche für mich allein.
  13. Durch meine Arbeit bin ich emotional ausgehöhlt.
  14. Ich bin oft krank, anfällig für körperliche Krankheiten, bzw. Schmerzen.
  15. Ich schlafe schlecht, besonders vor Beginn einer neuen Arbeitsperiode.
  16. Ich fühle mich frustriert in meiner Arbeit.
  17. Eine oder mehrere der folgenden Eigenschaften trifft auf mich zu: nervös, ängstlich, reizbar, ruhelos.
  18. Meine eigenen körperlichen Bedürfnisse (Essen, Trinken, WC) muss ich hinter die Arbeit stellen.
  19. Ich habe das Gefühl, ich werde im Regen stehen gelassen.
  20. Meine Kollegen sagen mir nicht die Wahrheit.
  21. Der Wert meiner Arbeit wird nicht wahrgenommen.

Auswertung:

Null bis drei Fragen mit ja beantwortet: geringes Burn-Out Risiko.

Vier bis fünf Fragen mit ja beantwortet: beginnende Burn-Out Situation.

Mehr als fünf Fragen mit ja beantwortet: es wird dringend Zeit, etwas zu tun!

PS: Wie wäre es jetzt mit einer halben Stunde Spazierengehen?

Wie sieht Ihre Work-Life-Balance aus?

Was tun Sie dafür, nicht auszubrennen?

Schreiben Sie hier Ihre Meinung.

> zum Persönlichkeitsblog / Originalartikel

Photos: photocase.com

Ein Gedanke zu “Ein Burnout ist oft die Lösung. Die Probleme liegen meist ganz woanders.

  1. Das ist ja ganz toll was Sie da brav zusammengestellt haben.
    Ich habe mir allerdings gespart alles zu lesen, weil ich seit einem Jahr in einer Selbsthilfegruppe mit diesem Symptom befinde.
    Heute und nach den Ergebnissen des letzten Treffens, leiden die Mitglieder in meiner Gruppe und ich ebenfalls, eigentlich nur an einem Mangel. Der bedeutet zu wenig Anerkennung und Bestätigung für ihre Leistungen .
    Das ist völlig egal, wann das eingesetzt hat. Meist findet es man letztendlich in der frühen Kindheit.
    Die Heilung kann sofort und gezielt eingesetzt werden, indem man den Menschen erst einmal für seine enormen Bemühungen und seine Liebe für die Arbeit oder, oder anerkennt. Und oder in dem zweiten Schritt, sein eigenes Unverständnis zu geben kann, für dass was gerade von einem verlangt wird.
    So habe ich mit Ihnen in einem Telefonat lediglich den Ratschlag bekommen ich müsse loslassen. Meine Bitte an Sie mir in der Angelegenheit zu helfen, haben Sie abgeschoben und gesagt: „Ich habe dazu keinen Auftrag!“
    Damit haben Sie sich geschickt aus der Affäre gezogen. Anstatt mir fairer Weise zu sagen: „Ich sehe mich nicht in der Lage Ihnen zu helfen.“
    So bleiben Sie lediglich mir in der Erinnerung wie einer der wie Pilatus die Hände in Unschuld wäscht und die Hoffnung auf eine menschlichere Welt ganz schnell im Keime erstickt.

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