Wie können wir mit Trauernden und Notleidenden umgehen?
Es war Dienstag. Jana machte sich auf dem Weg zum Kreis Junger Erwachsener. Ihr war mulmig zu Mute. Wie würden die anderen wohl auf sie reagieren? Wie würden sie mit ihr und ihrer Situation umgehen? Jana hatte sich am Wochenende von ihrem Freund getrennt.
Ein paar Freundinnen hatte sie es erzählt. Und so viel war klar: solche Nachrichten verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Sie konnte sicher sein, dass nun, zwei Tage später, alle Bescheid wüssten.
Als sie das Gemeindehaus betrat, standen die Leute schon in kleinen Grüppchen zusammen. So wie immer. Da waren sie, ihre Freundinnen. Mit einigen hatte sie noch nicht wieder gesprochen, seitdem…
Rien ne va plus. Keiner regt sich. Ein paar mitleidige Blicke trafen sie. Keine Geste, kein Wort. Schweigen und Ignorieren. Auch Sabrina. Auch Sina. Und Lisa.
Dann kam Martin auf sie zu. Eigentlich hatte sie so viel gar nicht mit ihm zu tun. Es ging bestimmt wieder um etwas Organisatorisches. „Ich wollte Dir nur sagen, dass meine Frau und ich für Dich beten.“ Eigentlich hätte sie so ein Verhalten von ihren Freundinnen erwartet.
Später am Abend. Gebetsgrüppchen. Einzelne Gebetsanliegen werden genannt. Jana erzählt kurz von ihrer Situation: „Ich habe mich am Wochenende von meinem Freund getrennt.“ Betretenes Schweigen. Schließlich wurde gebetet. Diese und jene konkreten Anliegen werden genannt, und es wird ganz allgemein gebetet für „die, die es schwer haben“ und „die, die gerade traurig sind.“ Es bleibt im Allgemeinen. Nach zehn Minuten fasst Tamara sich ein Herz: „Ich bitte Dich für Jana….“
Als Jana an diesem Abend nach Hause geht, ist sie traurig. Nicht nur wegen der Trennung. Sondern auch – oder sogar vor allem – , weil kaum einer echtes Mitleid gezeigt hatte. Freundinnen…. Und das wollen Christen sein? Komisch, dass ihre nichtchristlichen Arbeitskollegen viel einfühlsamer und offensiver waren: „Das tut mir echt leid. Wenn Du jemanden zum Reden brauchst, sag Bescheid.“
Was haben wir falsch gemacht?
Diese Geschichte ist zwar verfremdet und stilisiert, doch erfunden ist sie nicht. Leider. Und ein Einzelfall ist es auch nicht. Immer wieder machen Christen die Erfahrung, dass sie in den wirklichen Krisen des Lebens allein gelassen und auf sich selbst gestellt sind. Die Frage drängt sich auf: Wie können wir mit Trauernden und Notleidenden umgehen? Und: Was haben wir in unseren Gemeinden falsch gemacht, dass gerade Christen in solchen Situationen regelrecht versagen?
Krisen gehören zum Leben dazu. Das ist eine Binsenweisheit. Menschen erleben in ihrem Leben unterschiedliche Tiefpunkte, sei es Trennung von dem Partner, Trauer über einen Verstorbenen, eine nichtbestandene Abschlussprüfung, der Verlust des Arbeitsplatzes etc.p.p.
Als Christen wissen wir, dass der Glaube Lebenshilfe sein will, dass er uns Kraft für den Alltag geben will. Wir wissen, dass der gute Hirte mit durchs finstere Tal wandert. Und wir wissen, dass wir mit den Trauernden trauern sollten.
Nur wissen die wenigsten, was das konkret bedeutet. Genau da liegt das Problem.
Viele Menschen sind erst mal verunsichert. Sie wissen gar nicht so recht, wie man mit Trauernden umgehen soll, was sie bewegt und was sie brauchen. Schließlich erlebt jeder Mensch so etwas anders und auf seine Weise. Während der eine sich unbedingt alles von der Seele reden muss, braucht ein anderer erst einmal Ruhe und Zeit für sich. Und ein Dritter hat noch andere Bedürfnisse. Diese Vielfalt der Krisenbewältigung bewirkt bei den Nichtbetroffenen Verunsicherung darüber, wie wir nun angemessen und richtig reagieren können. Diese Verunsicherung ist so groß, dass es sie lähmt. Keiner rührt sich. Rien ne va plus.
Erste Hilfe an der Seele
Wie reagieren wir wohl, wenn wir an einen Unfallort kommen und keiner da ist, der hier Erste Hilfe leisten könnte? Dann bin ich gefragt. Instinktiv wird der Verletzte versorgt. Wie geht es ihm? Ist er bei Bewusstsein? Braucht er Hilfe? Ganz schnell wird nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Schnell. Es geht vielleicht um Leben oder Tod. Vielleicht auch nicht. Aber wer weiß das schon? Erst mal handeln. Erste Hilfe. Schnell reagieren.
Mit der Ersten Hilfe an der Seele sieht es anders aus. Weil man nichts sieht, fühlt sich auch keiner zur Eile genötigt. Man geht vorbei an dem, was man nicht sieht. Es scheint die eigene Hilfe nicht nötig. Und wer will sich schon aufdrängen?
Gegenfrage: Könnte es nicht sein, dass viele Menschen so was wie eine „heilige Scheu vor der Seele des anderen“ haben? Die Seele des anderen ist tabu. Bloß nicht zu nahe treten. Das geht mich ja auch nichts an. Wenn der meine Hilfe braucht, wird er sich schon melden. Der Spieß wird umgedreht. Die Bringschuld wird zur Hohlschuld.
Was können wir denn tun?
Für den bzw. die Notleidenden zu beten ist für viele Menschen eine Selbstverständlichkeit, und das zu Recht. Die Not der Menschen vor Gott zu bringen und vor Gott für sie einzustehen, ist das Mindeste, was Christen für andere tun können. Viele Menschen wissen dann auch zu berichten, dass sie sich in solchen Zeiten getragen gefühlt haben.
Wie tröstet Gott? Sehr oft durch andere Menschen. Da kommen wir dann wieder ins Spiel. Die Fürbitte für die anderen mag eine Selbstverständlichkeit sein, doch ist es zu wenig, wenn man meint, damit seine „Schuldigkeit getan“ zu haben. Fürbitte darf nicht zum Alibi verkommen. Wir können das Trösten nicht schlicht an Gott delegieren.
Menschen in Krisen brauchen reale Menschen, die ihnen signalisieren: Du bist nicht allein.
Doch, was genau kann ich tun, wenn ich gar nicht weiß, wie der andere gerade fühlt, was er denkt und braucht bzw. gerade nicht braucht? Vier Aspekte dazu möchte ich kurz nennen. Sie sind kein Leitfaden für eine erfolgreiche Gesprächsführung, sondern eher kurze Hinweise, die helfen können, andere besser zu verstehen. Denn erst wenn wir den anderen verstehen, können wir empathisch handeln.
1. Dem anderen zeigen, dass wir für ihn da sind
In einer Krisensituation ist es schlimm, das Gefühl zu haben, allein gelassen zu sein. Das macht die Situation nur noch schlimmer. Es erzeugt das Gefühl, von „Gott und der Welt“ verraten und verlassen zu sein. Deshalb ist es gerade dann wichtig, für den Leidenden da zu sein und Nähe zu zeigen.
Wie genau das geschehen kann, das ist abhängig vom Typ und von der Beziehung zur jeweiligen Person. Vielleicht ein Klopfen auf die Schulter mit den Worten „Ich bete für Dich“. Oder „Das tut mir leid. Kann ich was für Dich tun?“ Das reicht oft schon. Der andere fühlt sich wahr- und ernstgenommen. Das tut ihm gut. Das ist das Mindeste, was wir tun können. Manchmal ist das genug.
Mehr ist manchmal gar nicht nötig. Gerade, wenn man spürt, dass der Betroffene eher Zeit für sich braucht und keinen Gesprächsbedarf hat, reicht das. Gönnen wir ihm diese Zeit, anstatt ein Gespräch aufzuzwingen. Vielleicht sind wir einfach auch nicht die richtige Person für ein persönliches Gespräch.
Aber versagen wir auch niemandem ein Gespräch, wenn es von uns erwartet wird. Doch was der andere erwartet und was nicht, können wir nur im direkten Kontakt herausfinden. Nicht durch Spekulation und schon gar nicht durch ein elegantes Ignorieren. Es führt kein Weg daran vorbei, mit dem Betroffenen in Kontakt zu treten, bevor ich dann evtl. wieder auf Distanz gehe.
2. Zuhören
Ein Mensch hat zwei Ohren und nur einen Mund. Wir müssen und sollen nicht große Worte schwingen. Im Gegenteil: oft können viele Worte vieles verschlimmern.
Empathie setzt Verstehen voraus. Und dazu muss man zunächst zuhören. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Dabei meint Schweigen nicht ignorieren, also so zu tun, als wenn nichts gewesen wäre. Schweigen meint, zusammen schweigen, bzw. zu schweigen, wenn der andere zu reden hat.
Und wenn er nicht gesprächig ist? Ihn zum Reden bringen? Nein. Es gibt in so einer Situation nichts Anstrengenderes als „Seelsorger“, die einem alles „aus der Nase ziehen“ wollen, die es ganz genau wissen wollen. Die Details der Sachlage interessieren doch gar nicht. Es geht nicht um Lösungen. Es geht um die Gefühle, die sich mit der Situation verbinden. Wer den Mut hat, den anderen auf seine Trauer, Angst, Wut etc. anzusprechen, wird wahrscheinlich viel zum Zuhören haben. Hiobs Freunde haben einfach nur dagesessen und geschwiegen, weil sie gemerkt haben, wie groß der Schmerz ist (Hiob 2,13). Schweigen ist Gold.
3. Sparsam sein mit gutgemeinten Ratschlägen
Und wenn es doch zum Gespräch kommt? Was sagen wir da? Haben wir mehr zu sagen als fromme Plattitüden? Besonders am Ende des Zusammenseins (bzw. Gesprächs) möchten wir gerne noch etwas sagen, das Gewicht hat, das den Betroffenen weiter bringt.
„Ich weiß genau, wie Du Dich fühlst.“ – Nein. Woher denn? Niemand weiß genau, wie der andere sich fühlt. Man kann es höchstens erahnen, wenn man zuvor zugehört hat. Durch so eine oberflächliche Aussage fühlt sich niemand wirklich ernst genommen bzw. verstanden.
„Das war bei mir damals auch so.“ – Solche Einfälle mögen einem im Gespräch kommen. Aber sie lenken ab von der aktuellen Situation des Betroffenen. Zudem sind Situationen nie identisch. Und vermeintliche Lösungen sind fast nie übertragbar.
„Wer weiß, wofür es gut ist.“ – Gute Frage. Und die Antwort? Niemand weiß es. Der Ertrag dieses Satzes ist Null. Und vielleicht ist manch eine Situation auch zu nichts gut. Gott sieht weiter als wir. Das stimmt. Aber das ferne und unbekannte Gute kann die aktuelle Situation nicht beschönigen. Es ist jetzt erst mal schlimm. Und das gilt ernst zu nehmen. Trauern hat seine Zeit.
„Das Leben geht weiter. Es kommen auch wieder bessere Zeiten.“ – Auch das ist keine neue Erkenntnis. Natürlich geht das Leben weiter. Wahrscheinlich wird es einem auch mal wieder besser gehen. Doch was hilft das jetzt?
Die Liste solcher Standartsätze ließe sich beliebig fortsetzen. Es gibt so viele vermeintlich schlaue Sprüche, hinter denen man sich verstecken kann. Es ist besser, hier eigene Worte zu finden, die ausdrücken, was man auch wirklich meint und was der Situation auch angemessen ist. Wer nichts zu sagen hat, soll lieber schweigen.
4. Die Situation aushalten
Niemand erwartet von mir die Lösung des Problems. Das wird in den meisten Fällen auch gar nicht möglich sein. Besonders bei emotionalen Problemen, wie dem Verlust eines geliebten Menschen durch Tod oder Trennung, gibt es zunächst keine Lösung. Man kann Emotionen nicht behandeln wie einen Materialschaden.
Alles hat seine Zeit, heißt es sehr weise in Prediger 3. Da werden die positiven Seiten des Lebens genannt: lachen, tanzen, lieben. Aber dann werden auch die negativen Seiten genannt: weinen, klagen und „aufhören zu herzen“. Auch das Negative hat seine Zeit. Gerade wenn man gute Zeiten hinter sich lassen muss, hat gerade die Trauer über den Verlust ihren berechtigen Platz. Es muss Zeit bleiben, den Verlust auch zu betrauern. Es braucht Zeit. Da kann man nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen.
Seelsorge heißt: mit dem anderen die Situation aushalten.
Keine Rezepte
Es gibt für den Umgang mit Menschen in Krisensituationen keine Rezepte. Diese vier Hinweise können nur Schlaglichter sein. Jede Situation ist anders. Mir geht es hier darum, eine Sensibilität zu entwickeln für den Umgang mit Betroffenen.
Hiobs Freunde „saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.“ (Hiob 2,13)
Sie waren da. Sie haben gehört. Sie haben sich (zumindest am Anfang) mit großen Reden zurückgehalten, und sie haben mit Hiob diese Situation ausgesessen. Mehr können wir vielleicht auch nicht tun. Manchmal ist das schon genug.
Foto: Hartmut910 | pixelio.de



Kommentar verfassen