(Un)glaube: Zwei Grabreden im Vergleich!

Ostersamstag

Prolog: Josef von Arimathäa wälzte einen Stein vor des Grabes Tür (Mk,15,46). Vorbei alle Anstrengung, alle Zweifel, alle Hoffnung auf eine Wendung zum Besseren, vorbei der innere und äussere Kampf, der Einsatz für das Gute, das Leben und für den Glauben an den Menschen liebenden Gott. Unterstützung braucht es nicht mehr, Enttäuschung und Verrat waren gestern und sind nicht mehr rückgängig zu machen. Es bleibt noch dem Toten die letzte Ehre zu erweisen, ihm ein würdiges Begräbnis zukommen zu lassen.

Schnitt, erste Szene. Oxford im Distrikt Oxfordshire, es ist Ostersamstag um das Jahr 2022. Wir befinden uns am Friedhof Mountbatton, unweit der ehrwürdigen Universität. Er war Professor für Biologie und einer der bekanntesten Wissenschaftler seiner Zeit.

Ein wahrer Jünger seiner Zunft, der angetreten ist, abseits naturwissenschaftlicher Erkenntnisse die Menschen aus ihrer religiösen Unmündigkeit zu befreien. Seine Frau, The Honourable Sarah W., steht an der Spitze einer grossen Zahl Trauernder vor seinem Grab. Sie hört die von ihrem Mann für sein eigenes Begräbnis verfassten Abschiedsworte:

„Wir alle müssen sterben, das heisst, wir haben Glück gehabt. Die meisten Menschen sterben nie, weil sie nie geboren werden. Die Männer und Frauen, die es rein theoretisch an meiner Statt geben könnte und in Wirklichkeit nie das Licht der Welt erblicken werden, sind zahlreicher als die Sandkörner in der Sahara. Und unter diesen ungeborenen Geistwesen sind mit Sicherheit grössere Dichter als Keates, grössere Wissenschaftler als Newton. Das wissen wir, weil die Menge an Menschen, die aus unserer DNA entstehen könnten, bei weitem grösser ist als die Menge der tatsächlichen Menschen. Und entgegen dieser gewaltigen Wahrscheinlichkeit gibt es gerade sie und mich in all unserer Gewöhnlichkeit.“ 1)

Schnitt, zweite Szene. Bridgeport, eine kleine katholische Enklave in Chester, Grafschaft Cheshire. Auf dem Friedhof der kleinen, etwas ärmlichen Kirche, trotzt eine Schar Trauernder typisch britischem Wetter. Steven C. steht am Grab seiner Frau Elizabeth, die drei Kinder mit ihm grossgezogen hat, und in der Pfarre viel mitgearbeitet hat. Ein langes Leben in der Nachfolge Christi, dessen sich kein Jünger geschämt hätte. Steven blickt in die Gesichter der Angehörigen, der Freunde und der Bekannten, und spricht:

„Wir alle müssen sterben und dürfen dies in tiefem Dank tun, denn durch Dich, mein Gott, und Deinen Sohn Jesus Christus wissen wir um das Geschenk des ewigen Lebens, das in Deiner Barmherzigkeit Vollendung finden wird. Tief empfundene Dankbarkeit erfült mich angesichts Deiner Liebe und der einzigartigen Freundschaft, die Du allen Menschen durch Jesus Christus anbietest. Du hast uns eine unermessliche Freiheit geschenkt, für oder wider Dich, für oder wider die Menschen und die Natur zu handeln. Danke für diese unendlichen Chancen, die mich letztlich Dir geöffnet haben. Deine Gnade wird uns auch angesichts all der Versäumnisse und Verfehlungen unserer Liebe zu Dir, Deinem Sohn und unseren Nächsten zuteil werden. Du bist es, der jeden Einzelnen von uns Menschen in seiner Einzigartigkeit geliebt hat, noch bevor diese Welt erschaffen wurde – als wir schon Gedanken in Deinem Bewusstsein waren.“

Schnitt, dritte Szene. Ein Redaktionsraum, kaltes Licht, Stimmengewirr. Zigarettenrauch und die Aromen der Nespressomaschine liefern sich einen ungleichen Kampf. Kann man einen atheistischen und einen gläubigen Lebensentwurf sinnvoll nebeneinanderstellen? Gehen die Dimensionen der Lebensinhalte nicht verloren, in dieser überspitzten Gegenüberstellung? Die Meinungen sind geteilt.

Ein Teil der Redakteure stellt heraus, wie sehr Quantitäten und Wahrscheinlichkeiten die atheistisch geprägte Grabesrede bestimmen. Der Respekt am Ende dieses gesellschaftlich bedeutenden Lebens gilt vor allem einer grossen Zahl: der unermesslichen Anzahl möglicher und doch nicht entstandener Leben, die noch viel bedeutendere Künstler und Wissenschaftler beinhalten mögen, als wir sie kennen oder gar selbst darstellen.

Ist das wirklich alles, am Ende eines freien, „befreiten“ atheistischen Lebens? Keine sozialen und zukunftsgerichteten Dimensionen? Der Tod als endgültiges Aus, ausgerechnet am Ostersamstag, an dem seit bald 2000 Jahren in jeder christlichen Kirche die Schöpfungsgeschichte aus dem Buch Genesis gelesen wird? Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut (Gen, 1,1).

Wie ausdrucksstark doch die Gegensätze sind! Die Gestalt des Steven C. spricht aus der Fülle eines glaubwürdigen und erfüllten christlichen Lebens. Dieser Weg begreift gerade die Handlungsmöglichkeiten für oder wider die Schöpfung als die eigentliche Freiheit. Die Liebe als die eigentliche soziale Dimension macht den Sinn des menschlichen Lebens aus, in der Hoffnung auf das ewige Leben aller Menschen mit ihrem Schöpfer. Bei allen Differenzen: Es kann ganz sicher nicht um ein Abwägen gehen, welches nun der bessere Weg sei. Derartige Urteile stehen keinem Menschen zu, jedenfalls nicht nach christlicher Lesart.

Nachdenklich machen darf es trotzdem, dass die Fassungen I bis III des „Manifest des säkularen Humanismus“ innerhalb von nur zwei Generationen so gravierende inhaltliche Kehrtwendungen durchgemacht haben, von einer toleranten Haltung gegenüber den Kirchen bis hin zu einer radikalen Abwendung von jeglicher Religion: Wie glaubwürdig ist also die Bibel der Atheisten?

Nachwort: Hoffnung und unermessliche Freude bestimmen die Osternacht. Der Schöpfer lässt seinen Menschensohn auferstehen, das wohl grösste Zeichen der Liebe und Hoffnung, das wir seit Anbeginn der Zeiten kennen. Schliessen wir alle Menschen in diese Freude und Hoffnung ein: „Klagemauer Nacht, von dem Blitze eines Gebetes kannst du zertrümmert werden und alle, die Gott verschlafen haben, wachen hinter deinen stürzenden Mauern zu ihm auf“ (Nelly Sachs, 1891-1970).

1) Die Grabesrede wird zitiert in Richard Dawkins „Der Gotteswahn“, S.533f. Diese Rede hat der Autor für sein eigenes Begräbnis vorgesehen.

PS: Empfinden Christen den atheistischen Weg als perspektivlos? Atheismus als eine sich stärker formierende Bewegung, die sich ausschliesslich aus der Bewegung gegen Gott rechtfertigt? Wie stehen Agnostiker und Atheisten zu den Fragen am Ende ihres Lebens, konkret zum Tod? Zum Weiterbestand der Erde und der Menschen, zur Familie? Ostern ist der unwahrscheinlich spannende und tiefe Anlass, über diese Fragen nachzudenken: der Scheideweg zwischen atheistischem Sterben und christlichem Leben.

bild: stefan888


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Kommentare

2 Kommentare zu „(Un)glaube: Zwei Grabreden im Vergleich!“

  1. Avatar von anoasis

    Wie schon beim anderen Beitrag von kroski angedeutet: Atheisten und andere Nichtgläubige haben unendlich viel zu erzählen, wenn es darum geht, dass Christentum und andere Religionen zu verdammen (Gläubige sind nur Gehorsamserfüller, die einem erfundenen Volksmärchen gefolgen, das sie an der wahren Freiheit hindert…)

    aber sobald es um die konkrete persönliche Stellungnahme zum Tod und seiner Konsequenzen geht, werden sie auffallend ruhig und still…

    und schlimmere Gummiparagraphen als im „Manifest des säkularen Humanismus“, die alle naselang umgearbeitet werden müssen, gibt es wohl kaum – wahrscheinlich folgt demnächst die goldene Zapatero-Edition !

  2. Das angesprochene Manifest ibesteht nicht nur aus Gummiparagraphen, aber es zeigt die Halt- und Hilflosigkeit der atheistischen Autoren:

    Sie sagen selbst dass es sich bei den Manifesten des säkularen Humanismus bestenfalls um Arbeitsgrundlagen handelt, die in den letzten 80 Jahren zahlreiche gravierende Kehrtwendungen durchlaufen haben…

    Die christliche Bibel steht seit 2000 Jahren ! Positiv anzumerken ist, dass durch die permanente Exegese der Sinn für jede Zeit erschlossen wird, OHNE die Grundsätze zu ändern!

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