Zur Würde: Natürlicher Tod oder lieber Suizid?

exit-peminumkopi-flickr.jpgNichts ist einer hedonistischen Gesellschaft ärgerlicher als das Kreuz. Wenn es stets darum geht, Spass zu haben, das Glück als käuflich und den Frieden als machbar erscheinen zu lassen, dann kann die Devise nur heissen: Holt Jesus vom Kreuz !

Unsere säkularisierten Gesellschaften sind eifrig dabei, diese Grundeinstellung Wirklichkeit werden zu lassen. Die Würde des Menschen wird zunehmend so interpretiert, dass wir das Recht haben, uns noch vor Alterskrankheiten und grösseren Schmerzen nach freiem Willen den Tod zu geben.

Die Schweizer Organisationen DIGNITAS und EXIT sind keine Unbekannten mehr. Sie ermöglichen den begleiteten Freitod unter ärztlicher Aufsicht und Mitwirkung. Voraussetzung sind (derzeit noch) unheilbare Krankheiten. Das Schweizer Parlament hat diese Art des Sterbens unter Berufung auf die Europäischen Menschenrechte legalisiert.

In Zapateros Spanien ist ein radikaler gesellschaftlicher Umbau aktuelle Realität. Rechtfertigung und Rückhalt gibt die Europäische Menschenrechtskonvention. Für viele Christen wird immer offensichtlicher, dass diese hart erkämpften und wichtigen europäischen Rechte nicht ausreichend sind, um eine christlich orientierte Gesellschaft zu fördern.

Schweigt die Kirche zu diesen Themen? Ganz und gar nicht. Stellvertretend für viele Initiativen und Stellungnahmen können wir die Worte von Papst Benedikt XVI. nachlesen (Ansprache des Papstes Frühjahr 2007 in der Hofburg, Wien):

„Mit großer Sorge erfüllt mich auch die Debatte über eine aktive Sterbehilfe. Es ist zu befürchten, dass eines Tages ein unterschwelliger oder auch erklärter Druck auf schwer kranke und alte Menschen ausgeübt werden könnte, um den Tod zu bitten oder ihn sich selber zu geben.

Die richtige Antwort auf das Leid am Ende des Lebens ist Zuwendung, Sterbebegleitung – besonders auch mit Hilfe der Palliativmedizin – und nicht “aktive Sterbehilfe”. Um eine humane Sterbebegleitung durchzusetzen, bedürfte es freilich struktureller Reformen in allen Bereichen des Medizin- und Sozialsystems und des Aufbaus palliativer Versorgungssysteme. Es bedarf aber auch konkreter Schritte: in der psychischen und seelsorglichen Begleitung schwer Kranker und Sterbender, der Familienangehörigen, der Ärzte und des Pflegepersonals.

Die Hospizbewegung leistet hier Großartiges. Jedoch kann nicht das ganze Bündel solcher Aufgaben an sie delegiert werden. Viele andere Menschen müssen bereit sein bzw. in ihrer Bereitschaft ermutigt werden, sich die Zuwendung zu schwer Kranken und Sterbenden Zeit und auch Geld kosten zu lassen.

In der Tat setzt sich unser Glaube entschieden der Resignation entgegen, die den Menschen als der Wahrheit unfähig ansieht – sie sei zu groß für ihn. Diese Resignation der Wahrheit gegenüber ist meiner Überzeugung nach der Kern der Krise des Westens, Europas. Wenn es Wahrheit für den Menschen nicht gibt, dann kann er auch nicht letztlich Gut und Böse unterscheiden.“

Wie kann nun eine christliche Antwort für die gesellschaftliche Umsetzung aussehen? Sehen wir uns an, was Landesbischöfin M. Käßmann einzubringen hat:

Vom Osterglauben her können wir den Mut haben, uns ganz offen mit dem Tod auseinanderzusetzen. Wir leben in einer Zeit, die geradezu panische Angst vor dem Tod hat. Bloß weg mit dem Tod aus meinem Gesicht… Jeder möchte schnell und zügig sterben. So befürworten 78% der Deutschen Sterbehilfe.

Vor kurzem habe ich mit Dr. Admiraal, einem holländischen Arzt diskutiert, der schon über hundert Menschen aktiv Sterbehilfe geleistet hat…. Am Ende des Interviews wurden wir beide gefragt, wie wir sterben möchten. Herr Admiraal antwortete: ‚Ich möchte bei vollem Bewusstsein sterben. Damit ich mich verabschieden kann. Dann kommt gar nichts mehr. Es gibt keine Existenz nach dem Tod. Das ist das Ende. Das Leben ist zwecklos und sinnlos.’

Ich glaube, dass Lebensmut und Todesmut im positiven Sinn zusammengehören. Wenn ich glauben kann, dass Gott meine Leben hält und trägt über den Tod hinaus, dann muss ich dem Tod nicht ausweichen. Dass Menschen dabei durchaus Angst vor dem Sterben haben, das ist ganz verständlich: Wir kennen das Sterben nicht, und alles Unbekannte macht zunächst Angst. Aber das soviele Menschen aktive Sterbehilfe befürworten, drängt uns viererlei zu tun:

Die Palliativmedizin stärken… , die Hospizbewegung fördern…, deutlich machen, dass in den Niederlanden ein Viertel aller Euthanasieopfer ohne ihre persönliche Einwilligung getötet werden… , die christlichen Patientenverfügungen, Patientenverfügungen überhaupt, sind anzuerkennen. In der Verfügung, die wir als Kirchen herausgegeben haben, heisst es:

‚An mir sollen keine lebensverlängernden Massnahmen vorgenommen werden, wenn medizinisch festgestellt ist, dass ich mich im unmittelbaren Sterbeprozess befinde oder es zu einem nicht behebbaren Ausfall lebenswichtiger Funktionen meines Körpers kommt. Ärztliche Begleitung sowie sorgsame Pflege sollen in diesen Fällen auf die Linderung von Schmerzen, Unruhe und Angst gerichtet sein, selbst wenn durch die notwendige Schmerzbehandlung eine Lebensverkürzung nicht auszuschliessen ist. Ich möchte in Würde und in Frieden sterben können.’

Kaum zu glauben ist, dass dieses „Käßmann’sche Massnahmenpaket“ von atheistisch motivierten Kommentatoren abgelehnt wird, weil es angeblich Nichtgläubige ausschliesst. Sie sagen, die Tatsache, dass diese Punkte von Gläubigen vorgebracht werden, schliesst die Glaubenspositionen der Proponenten mit ein (ja, das kann ich unterschreiben), wodurch ein Akzeptanzproblem für Atheisten gegeben sei (nein, dass geht über mein Fassungsvermögen hinaus). Was sagt man dazu?

Aus meiner Erfahrung ist der vorgeschlagene Massnahmenkatalog gut und umsetzenswert. Jetzt liegt es an uns, an unserem Engagement, an unserem persönlichen Handeln, an unserem Wahlverhalten, dabei mitzuhelfen, diesen Weg auch Realität werden zu lassen.

Aus dem Stundengebet zum Karfeitag:

Herr, erbarme dich.
Christus, erbarme dich.
Jesus, Mann der Schmerzen, erbarme dich.

Danach, als Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die Schrift erfüllte: Mich dürstet. Ein Gefäss mit Essig stand da. Sie steckten einen Schwamm mit Essig auf einen Ysopzweig und hielten ihn an seinen Mund. Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.

Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt.
Erbarme dich unser.

Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir bis du kommst in Herrlichkeit.
Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, amen.

www.dignitas.ch
Zum Selbstbestimmungsrecht im Sinne von Art. 8 Ziff. 1 EMRK gehört auch das Recht, über Art und Zeitpunkt der Beendigung des eigenen Lebens zu entscheiden.

http://www.zeit.de/2005/50/Sterbehilfe
Urban ist 46, ihn erwartet ein qualvoller Tod. Er wählt die Sterbehilfe und lässt sich nach Zürich fahren. In den letzten Stunden gibt er den Geschwistern Kraft und bittet sie, seine Geschichte aufzuschreiben.

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Bild: peminumkopi , flickr.com


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Kommentare

34 Kommentare zu „Zur Würde: Natürlicher Tod oder lieber Suizid?“

  1. Avatar von Eva Sandkühler
    Eva Sandkühler

    Jawohl, holt Jesus endlich vom Kreuz!!! Er war ein Prophet, der kraftvolle Worte für dir Menschen hatte. Eine neue Lehre, der die Menschen befreien sollte. Er ist bis heute ein Licht für viele – aber sicher nicht leidend am Kreuz, sondern kraftvoll im Leben stehend, ihr notorischen Allesverdreher.
    Sterbt doch wie ihr wollt – und lasst die, die das für sich anders regeln, in Ruhe. Hat denn euer Drang, ständig zu wissen, was für andere gut ist, nicht schon genug Schaden angerichtet ? Kümmert euch ganz alleine um euer Seelenheil und seid gewiss, wir anderen können gut für uns selber sorgen.
    Übrigens: einen größeren Kontrast zwischen Jesus, wie er uns das Leben vorgelebt hat, und dem Leben des Papstes, besonders, wenn er sich in seinem lächerlichen Auto durch die Menge bewegt, gibt es auch nicht.

  2. Avatar von Eva Sandkühler
    Eva Sandkühler

    Ein Geschenk kann man annehmen, oder man lässt es sein. Wir werden geboren, und keiner hat uns zu sagen, dass wir nicht auch wieder gehen dürfen. Das kann nur jeder für sich selber entscheiden und niemand muss ein schlechtes Gewissen haben, seine eigene Entscheidung zu treffen.

  3. Sehe ich anders. Wir haben keine Ahnung, wovon wir sprechen, wenn wir vom „Leben“ sprechen.
    Von daher muss man m.E. sehr vorsichtig sein, wenn man das Leben beenden will.
    Hier gehts um das Thema „Leben“:
    http://theolounge.wordpress.com/2007/07/24/wunder-des-lebens-2/

    und hier:
    http://theolounge.wordpress.com/2007/07/23/transzendenz-als-wurzel-des-intelligent-design/

  4. Avatar von Eva Sandkühler
    Eva Sandkühler

    Das ist Rechtsverdrehung. Es ist gar nicht verboten, sich umzubringen. Kümmert euch doch erst einmal um bestehendes Recht, bevor ihr loslegt. Suizid ist nicht strafbar. Selbst Beihilfe zum Suizid ist nur bedingt strafbar. Das Besorgen eines Medikamentes kann nicht unter Strafe gestellt werden wohl aber die Verabreichung. Und das ist ja auch gut so, weil das vor Missbrauch schützt.
    Wer umfassend über bestehendes recht und Möglichkeiten informiert werden will, besucht am Besten die Hompage von Dignitas.
    http://www.dignitas.ch

  5. Ich bin selbst evangelisch, drum reagier ich hier mal nicht auf diese Papstrhetorik.

    Ob Jesus ein Prophet war, ist sicher Ansichtssache. Die Moslems sehen ihn als Prophet.

    Für die Christen ist er Gott selbst, der sich den Menschen zeigt. Deshalb kann der Mensch überhaupt etwas wissen – also überhaupt etwas wissen darüber, warum alles ist, woher alles kommt.

    Es sind die Fragen, die im Weitergehen in folgende Fragen münden können:

    – was ist das Bewußtsein ? (wer ist das, der da aus meinen Augen rausschaut ?)

    – woher kommt der Urknall (wie kann es sein, dass das Gesamte Universum zu Beginn auf einer Nadelspitze Platz hatte ) ?

    – was ist Wirklichkeit ? (ist der Materialismus wahr, gibt es einen Dualismus von Materie und Geist, oder ist alles nur Geist ?)

  6. Avatar von Eva Sandkühler
    Eva Sandkühler

    Wir? immer dieses wir! Hast du eine Ahnung, wenn du davon sprichst, keine Ahnung zu haben. Lass doch die in Ruhe, die eine Ahnung haben. Verstehst du? Rette du dich auf deine Weise, und sei Gewiss, nicht jeder, der anders denkt und handelt als du, ist verloren.

  7. Avatar von Eva Sandkühler
    Eva Sandkühler

    Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Ich glaube nicht, dass Jesus sein Leid so hoch gehängt hätte, wie die Institution Kirche das tut.

  8. Avatar von Eva Sandkühler
    Eva Sandkühler

    Palliativmedizin und besonders das Lindern der Schmerzen am Schluss funktionieren zum Leid Vieler nicht so, wie es vorher versprochen wird.

  9. Avatar von Eva Sandkühler
    Eva Sandkühler

    Tja, so ist das Gott sei Dank mit der Mehrheit in einer Demokratie. Dir wird ja nicht entgangen sein, dass gerade die Millitante Einstellung von Christen zur Rettung von „Ungläubigen“ bereits unzähligen Menschen das Leben gekostet hat. Aber hier ein kleiner Trost: Die, die nicht an das glauben, was du vertrittst , sind in der Regel tolerant und zwingen dir nichts auf, was du nicht willst. Was übrigens auch eher der Lehre Jesus entspricht, als deine Kampfansage.

  10. Avatar von Eva Sandkühler
    Eva Sandkühler

    Leidet ihr unter Verfolgungswahn? Sterbehilfegesetze dienen denen, die diese Hilfe für sich einfordern möchten. Wer das nicht will, braucht sich ihrer nicht zu bedienen. Es geht hier doch wohl eher darum, dass es euch unerträglich ist, andere handeln zu sehen, wie ihr nicht handeln wollt! Sogesehen habt ihr in einem demokratischen rechtsstaat gar nichts verloren, denn inzwischen befürworten 70% der Bevölkerung eben diese Sterbehilfe.

  11. Was zb die EKD befürwortet heißt Sterbebegleitung, also Palliativmedizin.

    Sterbehilfe dagegen wird abgelehnt.

    Ob die indirekte Sterbehilfe (jemandem Schmerzen nehmen, dafür aber eine Verkürzung des Lebens in Kauf nehmen) auch abgelehnt wird, weiß ich momentan nicht aus dem Stegreif. Ich vermute, dass dies im Sinne der Palliativmedizin gesehen wird, dass es sinnvoll ist, Schmerzen zu nehmen, auch, wenn dies evtl. das Leben verkürzt.

    Aktive und passive Sterbehilfe dagegen werden abgelehnt. Aktiv heißt: jemanden zb zu Tode spritzen.

    Passiv heißt: jemandem die nötige Versorgung zu entziehen, ihn zb Verhungern oder Verdursten lassen, wie es zb mit der im Koma liegenden Eluana Englaro in Italien geschehen ist.

  12. Du projezierst hier einiges auf mich, das ich so gar nicht gesagt habe.

    Ich lasse Dich übrigens in Ruhe. Du hast den Dialog gesucht.

    Nach der christlichen Dogmatik geht es darum, dass Gott sich gezeigt hat, also sein Wesen gezeigt hat, in Jesus. Von daher kann man Aussagen darüber treffen, wie Gott beschaffen ist.

    Wenn es darum geht, ob jemand verloren ist, dann kann man das auch so sehen: nur durch Jesus kommt man zu Gott – die anderen Wege führen zu Götzen.

    Gut, das ist natürlich recht radikal gesagt. Man kann auch den Standpunkt vertreten, dass auch andere Religionen Gotteserkenntnis haben, was ich ganz sinnvoll finde.

    Aber wenn Du von „verloren“ sprichst, so würde ich das zunächst einmal so interpretieren, dass es die Frage ist, was hinter allem steht. Die Christen meinen, dass es Gott ist.
    Verloren ist insofern in seiner Weltbetrachtung derjenige, der das nicht wahrnimmt.

    Ob er tatsächlich verloren ist, ist eine andere Frage.

    Wie gesagt, auch andere Religionen haben sicher Gotteserkenntnis .

    Und schon Paulus macht sich Gedanken darüber, was mit Menschen geschieht, die von Gott nie etwas gehört haben.

    Und zudem gibt es auch noch die Ansicht, dass Gott selber – also der sog. Heilige Geist – den Glauben bewirkt. Was ist also mit denen, die nicht glauben können ? Will Gott dann vielleicht, dass sie nicht glauben können ?

    Das hier nur mal als ein paar Denkanstöße.
    Es muss nicht zwangsläufig so sein, dass jemand „verloren“ ist, wie Du es schreibst.
    Aber wenn man sich in der christlichen Theologie strukturell bewegt, dann geht es eben darum, dass wir Aussagen über das Wesen Gottes machen könne, EBEN WEIL er sich gezeigt hat.

  13. so, ich muss mich für heute mal verabschieden…
    schönes Wochenende erstmal…

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