
Mit seinem neuesten Streifen „Die Odyssee“ hat Regisseur Christopher Nolan mal wieder ein riesiges Spektakel auf die Kinoleinwände gezaubert. Wer die klassische Geschichte von Homer aus der Schulzeit kennt, fragt sich natürlich sofort: Wie gut passt dieses moderne Action-Epos eigentlich zum antiken Original? Wir haben den Film unter die Lupe genommen und geschaut, wo Nolan dem Dichter treu bleibt – und wo er völlig eigene Wege geht.
Die verschachtelte Erzählweise: Ein typischer Nolan-Kniff
Homer hat seine Geschichte damals nicht einfach von vorne nach hinten erzählt. Er sprang mitten hinein ins Geschehen, während Odysseus’ Erlebnisse vor allem durch Rückblenden lebendig wurden. Nolan greift genau diesen Kniff auf, biegt ihn aber in seine ganz eigene, typische Richtung.
Der Film beginnt erst acht Jahre nach dem Trojanischen Krieg. Ein vom Kampf gezeichneter Odysseus (gespielt von Matt Damon) strandet völlig ohne Erinnerungen auf der Insel der Nymphe Kalypso (Charlize Theron). Erst als er seine spezielle Diät aus Lotusblüten absetzt, kehrt sein Gedächtnis langsam zurück. Die bekannten Abenteuer wie das Treffen mit dem riesigen Kyklopen Polyphem oder der Zauberin Kirke erleben wir im Kino also als bruchstückhafte Erinnerungen und traumatische Rückblenden. Das ist zwar eine ziemlich verwickelte Erzählweise, aber sie passt überraschend gut zu Homers Idee, die Geschichte aus der persönlichen Sicht des Helden aufzurollen.
Der Held: Vom schlauen König zum gebrochenen Soldaten
Hier zeigt sich der wohl größte Unterschied zum antiken Text. Bei Homer ist Odysseus der überaus schlaue Taktiker, der am Ende glorreich und mit dem Segen der Götter nach Hause zurückkehrt. Nolan zeichnet ein ganz anderes, weitaus düsteres Bild.
Matt Damons Odysseus ist kein stolzer Gewinner, sondern ein schwer traumatisierter Kriegsveteran. Besonders der berühmte Trick mit dem Trojanischen Pferd wird im Film keineswegs als geniale Meisterleistung gefeiert. Das Drehbuch beleuchtet stattdessen die schrecklichen Folgen dieser List: das brutale Abschlachten der schutzlosen Menschen in der eroberten Stadt. Odysseus wird im Kino von den Geistern seiner Vergangenheit gejagt, und seine Heimreise wird zu einer schmerzvollen Suche nach innerem Frieden und Vergebung.
Götter und Monster: Dreckige Realität statt bunter Fantasy
Wer auf spektakuläre Zauberkräfte und schwebende Göttergestalten hofft, wird überrascht sein. Nolan verzichtet fast komplett auf bunte Computereffekte und setzt stattdessen auf einen rauen, staubigen Realismus.
Die Fabelwesen wirken im Film extrem unheimlich und lebensecht, fast schon wie fleischgewordene Albträume. Auch die Götter verhalten sich anders: Die Kriegsgöttin Athene (Zendaya) schwebt nicht in einer Lichtwolke herab. Sie agiert eher als kühle, im Hintergrund die Fäden ziehende Strategin. Das passt zwar zu ihrer Rolle als Schutzgöttin der Klugheit im antiken Epos, wirkt auf der Leinwand aber viel moderner und erinnert eher an eine politische Beraterin.
Das geänderte Ende: Ein radikaler Bruch mit der Tradition
Beim großen Finale weicht der Film am stärksten vom klassischen Mythos ab. Das antike Original endet in einem beispiellosen Blutbad, bei dem Odysseus alle frechen Eindringlinge im Palast gnadenlos niedermetzelt und seine Herrschaft über Ithaka sichert.
Nolans Version wählt einen völlig anderen Weg:
- Es kommt zwar auch hier zum Kampf, doch am Ende bricht ein schwer verletzter Odysseus in den Armen seiner Frau Penelope (Anne Hathaway) zusammen.
- Anstatt den Thron wieder zu besteigen, verzichtet er freiwillig auf die Macht.
- Er übergibt die Herrschaft an seinen Sohn Telemachos (Tom Holland) und verlässt die Insel gemeinsam mit Penelope, um im Unbekannten endlich zur Ruhe zu kommen.
Dieser Schritt bricht komplett mit der antiken Pflicht des Königs, die eigene Familie und das Reich um jeden Preis zu verteidigen. Für das moderne Kinopublikum liefert dieser emotionale Verzicht jedoch ein starkes Statement gegen den ewigen Kreislauf der Gewalt.
Ein zeitloses Epos für die heutige Zeit
Christopher Nolans „Die Odyssee“ ist gewiss keine brave Eins-zu-eins-Verfilmung des alten Schulstoffs. Er hat die Geschichte kräftig umgekrempelt, um sie für heutige Sehgewohnheiten spannend zu machen.
Trotz der vielen Änderungen fängt das Werk den eigentlichen Kern der griechischen Vorlage hervorragend ein. Am Ende geht es nämlich damals wie heute um die ganz großen, menschlichen Fragen: die Sehnsucht nach einem sicheren Zuhause, den Umgang mit schwerer Schuld und den Versuch, nach schrecklichen Erlebnissen wieder zu sich selbst zu finden. Nolan hat daraus ein bildgewaltiges, tiefgründiges Abenteuer gemacht, das man unbedingt auf der größten Leinwand erleben sollte.



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