Vorerst amtlich: Nur  ungesichert rechtsextrem

​Gute Nachrichten für alle, die gerne am Abgrund tanzen, aber dabei nicht als Bergsteiger bezeichnet werden wollen: Das Verwaltungsgericht Köln hat entschieden, dass die AfD vorerst nicht als „gesichert rechtsextrem“ bezeichnet werden darf. Ein triumphaler Sieg für die Semantik und ein herber Schlag für alle, die Dinge gerne beim Namen nennen, bevor der letzte Aktenordner offiziell abgestempelt wurde.

​Das Gericht hat sich heldenhaft durch 1,5 Terabyte an Material gewühlt. Um das einzuordnen: Das sind so viele Daten, dass man damit ganze Bibliotheken mit „besorgten Bürgerbriefen“ füllen könnte. Das Ergebnis dieser digitalen Odyssee? Man habe zwar „hinreichende Gewissheit“, dass innerhalb der Partei fleißig gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gearbeitet wird, aber – und hier wird es juristisch feinsinnig – das reiche noch nicht aus, um das Gesamtbild der Partei zu prägen.

​Es ist ein bisschen so, als würde man in einer Kanne Kaffee eine ordentliche Portion Salz finden. Das Gericht stellt fest: Ja, da ist eindeutig Salz drin, und ja, das gehört da nicht hin, aber solange die Flüssigkeit noch braun ist und in einer Tasse serviert wird, darf man sie vorerst nicht als „untrinkbare Salzlauge“ bezeichnen. Es bleibt im Kern erst einmal ein Heißgetränk mit interessanter Note.

Alice Weidel feiert das Urteil bereits als „großen Sieg für den Rechtsstaat“. Es ist immer wieder rührend zu sehen, wie sehr die AfD jenen Rechtsstaat ins Herz schließt, den sie an ungeraden Wochentagen am liebsten grundlegend „reformieren“ würde. Für den Moment darf die Partei also weiterhin im juristischen Niemandsland siedeln: Zu verdächtig für den Kaffeeklatsch mit dem Verfassungsschutz, aber noch zu „bürgerlich“, um mit dem offiziellen Extremisten-Stempel die Wähler zu verschrecken.

​Der Verfassungsschutz muss nun also die Füße stillhalten und seine Adjektive sortieren. Das Hauptsacheverfahren steht noch aus. Bis dahin bleibt die AfD eine Art Schrödingers Verfassungsfeind: Man weiß, dass etwas im Karton ziemlich unangenehm riecht, aber solange das Gericht den Deckel nicht endgültig zunagelt, gilt die Partei offiziell als „vielleicht-ein-bisschen-demokratie-kritisch“.

​In Münster geht es demnächst in die nächste Instanz. Bis dahin dürfen wir uns alle darauf freuen, dass die Diskussionen darüber, ob ein Systemsturz eine bloße Meinungsäußerung oder eine Absichtserklärung ist, in die nächste Runde gehen.

Quelle ZEIT


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Kommentare

4 Kommentare zu „Vorerst amtlich: Nur  ungesichert rechtsextrem“

  1. Avatar von Sabine M.
    Sabine M.

    In diesen Zeiten, in denen Gerichte zuweilen eher der politischen Gesinnung der Richter, als dem Grundgedanken des unparteiischen Rechts folgen, Juristen zuweilen den Eindruck erwecken, als neigten sie eher dem Obrigkeitsstaat als der Freiheit zu, wenn man beispielsweise an das berüchtigte Klimaschutz-Urteil des Bundesverfassungsgerichts oder an den Beschluß des OVG Rheinland-Pfalz gegen Joachim Paul denkt, ist der Beschluß des Verwaltungsgerichts (VG) Köln vom 26.02.2026 (Az. 13 L 1109/25) eine kleine Sensation.
    Wenn dieses Urteil Bestand hat, müßten die anderen Parteien nun den mühsamen Weg gehen, ihre Macht zu erhalten: Sie müßten für statt gegen die Wähler Politik machen. Ich befürchte aber, damit sind deren Funktionäre hoffnungslos überfordert. Deshalb ist in der Frage eines möglichen Oppositionsverbotes wohl noch nicht das letzte Wort gesprochen.

  2. Na ja, die AfD bleibt auf jeden Fall weiterhin ein extremistischer Verdachtsfall.

  3. Avatar von Sabine M.
    Sabine M.

    Es gibt in der AfD eine Menge schräger Typen, die dort die durch den Aderlaß von 2015 entstandenen freien Räume ausnutzten. Als damals Lucke und mit ihm viele bürgerliche Mitglieder die Partei verließen, war deren Stunde gekommen. Hinzu kam, daß wegen der erfolgreichen Stigmatisierung der Partei durch das linke Establishment, die personelle Auffrischung der Partei durch bürgerliche Mitglieder erschwert wurde. Folglich hätte die Partei bald wieder in der Versenkung verschwinden müssen.
    Es kam aber anders. Merkels Politik trieb ihr einen Großteil der Unionwähler zu und die ideologische Ausrichtung der Sozialisten die deutschen Arbeiter. Diese Wähler wird man nicht durch das Schüren von Verdachtsfällen oder Verbotsphantasien zurückgewinnen. Dazu wäre eine Politikwende erforderlich, die nicht in Sicht ist.
    Im Gegenteil: Merz versprach, daß der Sozialismus vorbei ist und erzielte daraufhin ein beachtliches Wahlergebnis. Nun läßt er sich von Grünen und Sozialisten am Nasenring vor der Brandmauer herziehen und verschafft deren Politik die Mehrheiten in den Parlamenten.
    Eine Strategie zur Rückgewinnung an die AfD verlorener Wähler sieht anders aus. In einer Woche werden ihm die Wähler im Südwesten dafür die Quittung geben. Wen die grünwoke Politik der Bundesregierung anwidert, wird AfD wählen, wer ihr zustimmt, wählt gleich die Grünen.

  4. Wir werden sehen. Ach so, Sie wollten ja mal noch erklären, was Sie eigentlich unter woke verstehen.

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