
Heute ist der Morgen danach. Während die Stadtreinigungen in den Karnevalshochburgen noch die klebrigen Überreste der gestrigen Exzesse von den Straßen kratzen, herrscht in den Kirchen eine fast schon schmerzhafte Stille. Es ist Aschermittwoch, der 18. Februar 2026, und das graue Kreuz auf der Stirn erinnert uns wenig subtil daran, dass wir am Ende doch nur Sternenstaub mit befristetem Mietvertrag sind. Doch in diesem Jahr ist die spirituelle Taktung weltweit so dicht wie selten zuvor: Fast zeitgleich mit dem christlichen Fastenbeginn bereiten sich Muslime auf den Ramadan vor. Ein globaler Synchron-Verzicht, der die Frage aufwirft, ob die Menschheit gemeinsam den Gürtel enger schnallt – oder sich nur gegenseitig beim Hungern zuschaut.
Von der Härte zur Herzensbildung
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) startet heute ihre Aktion „7 Wochen Ohne“ unter dem bezeichnenden Motto „Ohne Härte“. In einer Zeit, in der politische Debatten oft mit der Subtilität eines Vorschlaghammers geführt werden, wirkt der Aufruf zur inneren Sanftmut fast wie eine Provokation. Theologisch gesehen ist das ein kluger Schachzug: Fasten wird hier nicht als bloßer Verzicht auf Schokolade oder Wein verstanden, sondern als Entgiftung der Seele von Zynismus und Bitterkeit. Es ist der Versuch, das „hörende Herz“ wiederzuentdecken, während die Welt draußen immer lauter brüllt.
Dass diese Sehnsucht nach Milde ein rares Gut ist, zeigt ein Blick über den Atlantik. In den USA formiert sich pünktlich zur Fastenzeit eine religiöse Rhetorik, die wenig mit Verzicht, aber viel mit Macht zu tun hat. Führende Stimmen des christlichen Nationalismus instrumentalisieren die biblische Fastensymbolik derzeit als „geistlichen Kampf“ für eine isolationistische Agenda. Wenn das Gebet zum politischen Kampfbegriff wird, verliert die Asche ihren reinigenden Charakter und wird zum Tarnanstrich für imperiale Ambitionen. Papst Leo XIV. hat dazu in seiner Botschaft eine klare Grenze gezogen: Er warnt vor einer „Theologie der Ausgrenzung“ und betont, dass das Kreuz kein Feldzeichen, sondern ein Zeichen der Solidarität mit den Verwundbaren ist.
Spiritueller Widerstand im Schatten der Drohnen
Besonders deutlich wird diese Verwundbarkeit in Kyjiw. Während die Glocken der Sophienkathedrale den Fastenbeginn einläuten, bleibt die Lage der orthodoxen Kirchen in der Ukraine hochexplosiv. Die ukrainische Regierung hat vor wenigen Tagen neue Sicherheitsbestimmungen für das Kyjiwer Höhlenkloster erlassen, nachdem russische Angriffe die historische Bausubstanz weiter destabilisiert haben. In Kyjiw ist das Fasten keine freiwillige Übung in Selbstdisziplin, sondern oft bittere Realität durch Versorgungsengpässe.
Die theologische Abnabelung von Moskau ist hier längst vollzogen, doch der juristische Streit um die Loyalität der Priester schwelt weiter. Es ist eine bittere Ironie der Kirchengeschichte, dass ausgerechnet die Wiege der slawischen Orthodoxie zum Schauplatz einer derartigen Zerreißprobe wird. Ethisch betrachtet stellt sich hier die Frage, wie man Vergebung predigen kann, wenn die Ruinen der eigenen Kirchen noch rauchen. Der christliche Friedensauftrag wird in den Schützengräben vor Kyjiw einer Belastungsprobe unterzogen, die mit wohlfeilen westlichen Ratschlägen kaum zu erfassen ist.
Zwischen Ozean und Gebetsteppich
Auch jenseits der christlichen Welt ist die religiöse Dynamik heute spürbar. In den jüdischen Gemeinden wächst die Sorge über einen weltweit erstarkenden Antisemitismus, was die Vorbereitungen auf das kommende Purim-Fest überschattet. Gleichzeitig beobachten wir in Indien eine zunehmende religiöse Aufladung des öffentlichen Raums, die Minderheiten zunehmend unter Druck setzt.
Dass Religion auch im Jahr 2026 noch die Massen bewegt – sei es im Gebet, im Protest oder in der Selbstoptimierung –, zeigt, dass die Suche nach Transzendenz nicht wegzurationalisieren ist. Wenn wir uns heute die Asche auf das Haupt streuen lassen, dann ist das hoffentlich mehr als nur ein traditioneller Kater-Killer nach der Fastnacht. Es ist die Erinnerung daran, dass wir als Gesellschaft eine ethische Abrüstung brauchen. Vielleicht hilft der Hunger im Magen ja tatsächlich dabei, den Hunger nach Gerechtigkeit wiederzuentdecken. Und falls nicht, bleibt zumindest die Hoffnung, dass nach 40 Tagen nicht nur die Pfunde gepurzelt sind, sondern auch ein paar Vorurteile.
Verwendete Quellen:
- Vatican News: Fastenbotschaft von Papst Leo XIV. zum Aschermittwoch 2026
- Chrismon Magazin: „7 Wochen Ohne Härte“ – Hintergrundbericht zum Fastenmotto
- Religionswissenschaftlicher Mediendienst (REMID): Daten zur zeitlichen Überschneidung von Fastenzeit und Ramadan
- The Tablet / National Catholic Reporter: Analysen zum christlichen Nationalismus in den USA
- Orthodox Times / NÖK: Aktuelle Lageberichte aus Kyjiw und zur ukrainischen Religionspolitik
- Qantara.de: Berichte zum Beginn des Ramadan und interreligiösem Dialog
- Evangelischer Pressedienst (epd): Meldungen zur weltweiten Lage verfolgter Christen und religiöser Minderheiten



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