Olympia als Religionsersatz

Im Februar und März finden in Mailand die Olympischen und Paralympischen Winterspiele statt. Anlass für eine kurze Intervention.

von Josef Bordat

Religion und Sport – nichts scheint weiter auseinander zu liegen. Doch es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Körper und Kult, zwischen Sport und Spiritualität. Ganz allgemein liegt die religiöse Bedeutung des Sports in dessen anthropologischer Funktion als besonderes Element der Kultur menschlicher Körperlichkeit. Sport ist Körperkultur und damit Kultur und damit – im weitesten Sinne – religiöser Akt, soweit damit die Absicht verbunden ist, im menschlichen Handeln über den Menschen hinauszuweisen. Das verbindet Formen der Kultur im engeren Sinne (Musik, Kunst, auch den Sport) mit der Religion. Sport hat eine besondere Nähe zur Religion, weil es dabei darum geht, das Wesen menschlicher Körperlichkeit zu erfahren und dessen intrinsische Hemmnisse als Herausforderungen zu begreifen und schließlich zu überwinden. Im Sport werden Grenzen überschritten, eigene Grenzen und (scheinbar) menschliche Grenzen schlechthin. Das ist der erste Schritt in Richtung Selbsttranszendierung und Glückseligkeit als klassische Anliegen der Religion. In der Geschichte des Sports zeigt sich dessen Nähe zur Religion sehr deutlich – bis hin zu dem Umstand, dass er heute selbst ins Religiöse hinein verklärt wird. Der Sport wird zur Ersatzreligion.

Die religiöse Dimension des antiken Olympia

Alles begann – wie jede Manifestation menschlicher Kultur – mit dem religiösen Glauben an Gott. Oder an Götter. Der Olymp ist der Sitz der hellenischen Götter, die Olympischen Spiele im antiken Griechenland Feiern zu ihren Ehren, insbesondere zu Ehren des Zeus. So war es ab 776 vor Christus. Olympia war wichtig – die Griechen teilten ihre Zeit danach ein: eine Olympiade war der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen. Jesus Christus wird – so hören wir es im Martyrologium in der Weihnachtsliturgie – „in der 194. Olympiade“ geboren. Voraussetzung für ein unbeschwertes Fest und nicht zuletzt, um den Athleten überhaupt die sichere An- und Abreise zu den Wettkampfstätten in Olympia zu ermöglichen, war die olympische Waffenruhe, die als ausdrücklicher Gottesfriede in einem Abkommen griechischer Stämme bereits 884 v. Chr. vereinbart wurde. Olympia macht‘s möglich. Für die Athleten selbst gab es eine besondere Qualifikationsbedingung: „An den Spielen darf teilnehmen jeder Grieche, sofern er frei geboren, von keiner Bluttat befleckt und nicht beladen ist mit dem Fluch der Götter“. Religiöse Wettkämpfe zu Ehren der Götter waren dabei nicht auf Olympia beschränkt, sondern fanden in vielen Teilen Griechenlands regelmäßig statt. Ein Ende hatte dies erst im Jahr 393 – oder: am Ende der 293. Olympiade: Kaiser Theodosius I. verbot alle heidnischen Kulte. Das betraf auch die Wettkämpfe in Olympia. Theodosius II. schuf dann 426 mit der Schließung des Zeustempels endgültig Fakten. The Games must not go on – obwohl sie im Verborgenen noch bis ins 6. Jahrhundert hinein stattgefunden haben sollen. Das Verbot der Spiele aus religionspolitischen Gründen ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Sport und Religion in der Antike untrennbar miteinander verbunden waren.

Die quasireligiöse Dimension des modernen Olympia

Der Bezug zur Sphäre des Religiösen wird jedoch auch bei den Spielen der Moderne deutlich, die ab 1896 regelmäßig stattfinden – „olympischer Friede“ vorausgesetzt: 1916 sowie 1940 und 1944 fiel Olympia den Weltkriegen zum Opfer. Der Begründer der neuzeitlichen Olympischen Spiele, Baron Pierre de Coubertin, griff bewusst den religiösen Aspekt der antiken Wettkämpfe auf. Dabei ging es ihm weniger um den Kern des Religiösen, den Transzendenzbezug und die Rituale kultischer Verehrung, sondern um religiöse Sprache und die Fähigkeit der Religion, ein stabiles Wertegerüst aufzurichten und zu sichern. Der Pädagoge Coubertin ist ein Streiter gegen die Nebenwirkungen der Moderne, den Egoismus, das Gewinnstreben, den Zerfall familiärer Bindungen und traditioneller Wertvorstellungen. Gegen die Dekadenz will er die Tugenden einer „Athletenreligion“ setzen: Leistungsbereitschaft, Gemeinschaftssinn, Chancengleichheit, Globalitätsbewusstsein, Fairness. Das Bild der Religion wählt Coubertin also nicht mit der Absicht, christliche Glaubensinhalte zu vermitteln, sondern um seiner Idee den Glanz „kultischer Rituale“ zu geben, um Olympische Spiele „mittels der Pracht machtvoller Symbolik von der einfachen Serie von Weltmeisterschaften“ unterscheidbar zu machen und mit ihnen eine „philosophische und historische Lehre gewaltiger Reichweite“ zu begründen, wie der Sportwissenschaftler Elk Franke schreibt.

Die olympische Liturgie wird weiterentwickelt (seit 1920 gibt es den Eid, seit 1928 tragen die Goldmedaillen das Bild der griechischen Siegesgöttin Nike), um kurz vor Coubertins Tod (1937) bei den Nazi-Spielen 1936 in Berlin auf ein neues Niveau gehoben zu werden, mit bis heute gültigen Symbolen und Ritualen, etwa dem Fackellauf. Hier ergibt sich wiederum eine Brücke in die Antike: Bis heute wird die Fackel im heiligen Hain von Olympia von einer als Hohepriesterin verkleideten Frau entzündet, von dort macht sie sich auf den Weg durch die Welt. Athen und der Erdkreis – Olympische Spiele haben ihr ganz eigenes „urbi et orbi“. 

Dabei sein ist alles? Religion bei Olympia

Der amerikanische Unternehmer Avery Brundage, der nach dem Krieg die Führung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) übernahm, sah in den Athleten „eine Art Priester und Diener der Religion der Muskelkraft“. 1964 gab er zu Protokoll: „Die olympische Bewegung ist eine Religion des 20. Jahrhunderts, eine Religion mit universalem Anspruch, die in sich die Grundwerte anderer Religionen vereinigt. Eine moderne, dynamische Religion, attraktiv für die Jugend, und wir vom Internationalen Olympischen Komitee sind seine Jünger“. Es gab zu Beginn der Olympischen Bewegung den Versuch, das Christentum mit der neuen „Religion der Muskelkraft“ zu versöhnen. Bei den Spielen in Stockholm 1912 gab es auf Anweisung Coubertins einen zehnminütigen Gottesdienst mit einem Psalm und zwei Gebeten, eins auf Schwedisch, eins auf Englisch. Später hat der Baron Zweifel an diesem Schritt. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Wenn wir wie in Stockholm die Wettbewerbe durch einen öffentlichen Gottesdienst begannen, zwangen wir die Athleten, daran teilzunehmen. Es waren aber zum Teil reife Männer, denen das missfallen konnte. Das ganze dauerte zehn Minuten, aber es lag etwas Erhabenes in dem tiefen Schweigen dieser Tausenden von Zusehern und Athleten. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass wir unsere Rechte überschritten“. Zukünftig blieb es dem jeweiligen Veranstalter überlassen, eine kurze religiöse Feier von maximal drei Minuten abzuhalten. In den offiziellen olympischen Statuten war hierfür ein Platz unmittelbar vor dem Eid der Athleten (seit 1972 auch der Wettkampfrichter) vorgesehen. Seit 1980 – seit den Boykott-Spielen von Moskau – fehlt ein derartiger Hinweis in der Olympischen Charta. Das Christentum steht also der „Ersatzreligion Sport“ nicht mehr im Weg.

Die Olympische Bewegung sah sich also immer als mehr an denn nur als Organisationsform sportlicher Wettkämpfe. Ihr liegt ein Ethos zugrunde, der den modernen Gedanken des Fortschritts mit dem der Fairness zu vermitteln sucht. Sie wird dementsprechend von zwei ganz unterschiedlichen, ja, gegensätzlichen Ideen getragen. Einerseits von dem versöhnlichen, fast demütigen „Dabeisein ist alles“ (eigentlich: „Wichtig ist nicht zu siegen, sondern teilzunehmen“), andererseits vom kompetitiven und progressistischen „Citius, altius, fortius“ (zu deutsch: „Schneller, höher, stärker“). Beide Leitmotive gehen auf Geistliche zurück. Das Citius-Motiv stammt vom französischen Dominikanerpater Henri Didon, der es zuerst auf einem Schulsportfest in Arcueil formulierte, bei dem auch Pierre de Coubertin anwesend war. Dieser schlug es beim IOC-Gründungskongress 1894 als Devise des Olympischen Sports vor. Erstmals trat es dann 1924 bei den Spielen in Paris als Motto in Erscheinung; 1949 wurde es als olympische Leitidee in die IOC-Satzung aufgenommen: „Diese Ringe [gemeint sind die fünf ineinander verschlungenen Ringe der olympischen Fahne] und die Devise ‚Citius, Altius, Fortius‘ konstituieren das olympische Emblem“. Und in einer Ansprache bei den Spielen in London (1908) zitierte Pierre de Coubertin den Anglikaner-Bischof Ethelbert Talbot mit den Worten: „The important thing in the Olympic Games is not winning but taking part“. Daraus wurde – etwas zugespitzt – das berühmte „Dabeisein ist alles“.

Die Eröffnungsfeier als Inszenierung eines pseudoreligiös-pathetischen Humanismus‘

Dabei sein ist jedoch längst nicht mehr alles in der Kommerzmaschine Olympia. Zudem sind Olympische Spiele heute in erster Linie gigantische Show-Veranstaltungen, die auf Stimmungserzeugung ausgerichtet sind, wie Sportphilosoph Gunter Gebauer meint. Er weist darauf hin, dass Pierre de Coubertin ein großer Anhänger Richard Wagners war. Die olympische Inszenierung erlaubt es den Medien, die Sportler als Heilige zu präsentieren, deren Taten nicht das Produkt von Talent und harter Arbeit sind, sondern ein „Wunder“, eine „unglaubliche Leistung“. Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann warnt angesichts dieser Entwicklung: „In Olympia feiert der Mensch sich selbst. Eine Religion ohne Gott führt zur Vergötterung der Menschen und ihrer Leistung“. Was diese Pseudoreligiösität eines pathetischen Humanismus‘ ausmacht, ist die Zurschaustellung des Sportlers, aber auch eine ergreifende Liturgie.

Die Rituale einer Eröffnungsfeier haben durchaus einen quasireligiösen Charakter. Es ist ein „heiliges“ Ritual, jener „Einmarsch der Nationen“, das hineintragen der Olympischen Fahne, die Hymnen, das Entzünden des Feuers. Die Eröffnungszeremonie habe den Charakter einer Friedenswallfahrt, hat der ehemalige österreichische Olympia-Kaplan Bernhard Maier einmal gesagt. Der „Einmarsch der Nationen“ erinnere ihn an die Verheißung der alttestamentlichen Propheten von der Völkerwallfahrt nach Jerusalem und dem verheißenen Reich des Friedens: „Wenn 200 Nationen einmarschieren, sind im Stadion praktisch alle Völker der Welt versammelt“. 

Und dann ist da der Eid, eine Art „Glaubensbekenntnis“ der „Muskelreligion“: „Im Namen aller Athleten verspreche ich“, so einer der Sportler stellvertretend für die „Gemeinde“, die Hand an der Fahne mit den fünf Ringen, „dass wir an den Olympischen Spielen teilnehmen und dabei die gültigen Regeln respektieren und befolgen und uns dabei einem Sport ohne Doping und ohne Drogen verpflichten, im wahren Geist der Sportlichkeit, für den Ruhm des Sports und die Ehre unserer Mannschaft“. Seit den Olympischen Sommerspielen in Sydney 2000 enthält der olympische Eid die Antidopingklausel. Wer fortan erwischt wird, ist – voilà: ein „Dopingsünder“. Er wird als Ketzer ausgeschlossen. Auch im negativen Modus bleibt sich der Sport als Ersatzreligion treu.


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Kommentare

Ein Kommentar zu „Olympia als Religionsersatz“

  1. Avatar von Agricola
    Agricola

    Wie Vergötterung der Menschen die Menschen selbst und deren Körper zur Ware werden läßt, kann man in der aktuellen Playboyausgabe bewundern.
    Olympia hat mit Idealen nicht mehr zu tun. Olympia ist Geschäft.

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