
Stell dir vor, dein Land wird angegriffen, die Heizung fällt bei minus 20 Grad aus und deine engsten Freunde schauen erst mal zu, was der unberechenbare Nachbar macht. Genau das ist die Stimmung, mit der der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gerade beim Weltwirtschaftsforum in Davos aufgeschlagen ist. Aber anstatt sich über Donald Trump auszulassen, der die US-Hilfen gestoppt hat, gab es eine ordentliche Ansage für die Europäische Union.
Die „Koalition der Wartenden“
Selenskyj ist sichtlich bedient. Sein Vorwurf: Europa verhält sich wie ein Statist in seinem eigenen Film. Während die USA unter Trump ihren eigenen Kurs fahren – und die Ukraine dabei oft wie eine bloße Verhandlungsmasse behandeln –, bekommt die EU laut Selenskyj nichts Eigenes auf die Kette.
Er nennt die europäischen Staaten eine „Koalition der Wartenden“. Alle warten darauf, dass Amerika sich beruhigt oder endlich mal den ersten Schritt macht. Ob es um Sicherheitsgarantien, den Umgang mit dem Iran oder sogar um die neuen Forderungen der USA zu Grönland geht: Ohne das Okay aus Washington scheint in Europa kaum etwas zu passieren.
Harte Worte für Merz, Macron und Co.
Besonders deutlich wurde Selenskyj gegenüber den Schwergewichten der EU. Zwar gab es ein kurzes „Danke“ an Emmanuel Macron und den britischen Premier Keir Starmer für die Bereitschaft, einen Waffenstillstand zu überwachen. Aber das war nur das Vorgeplänkel.
Danach wurde es ungemütlich:
- Fehlende Stärke: Warum kann Trump russische Öltanker stoppen, aber die EU nicht?
- Zögerlichkeit: Das eingefrorene russische Staatsvermögen wurde immer noch nicht für die Ukraine freigegeben.
Sogar Bundeskanzler Friedrich Merz bekam indirekt sein Fett weg. Während Merz in Davos vor einer gefährlichen „Ära der Großmächte“ warnte, forderte er gleichzeitig, man solle das Bündnis mit den USA nicht abschreiben. Für Selenskyj klingt das nach einer schwachen Antwort auf ein Amerika, das Europa eigentlich schon längst den Rücken gekehrt hat.
Überleben im Dunkeln: Der härteste Winter
Während in Davos in luxuriöser Atmosphäre diskutiert wird, sieht die Realität in Kyjiw düster aus. Fast alle Kraftwerke sind durch russische Angriffe plattgemacht worden. Über eine Million Menschen sitzen in der Hauptstadt bei bis zu minus 20 Grad ohne Strom und Heizung fest.
Dieser krasse Druck ist genau das, was Wladimir Putin will. Er setzt darauf, dass die Ukraine durch die humanitäre Katastrophe mürbe wird und bei den jetzt startenden Friedensgesprächen alles unterschreibt.
Was jetzt auf dem Spiel steht
In den Vereinigten Arabischen Emiraten haben gerade Verhandlungen zwischen den USA, Russland und der Ukraine begonnen. Es ist das erste Mal, dass wirklich die Geheimdienstchefs auf Augenhöhe am Tisch sitzen.
Die Gerüchteküche brodelt:
- Russland will, dass die Ukraine die Region Donezk komplett aufgibt.
- Im Gegenzug könnte Russland auf Gebiete in Saporischschja verzichten.
- Die Ukraine will dafür echte Sicherheitszusagen von den USA.
Was das jetzt bedeutet
Selenskyj spielt ein riskantes Spiel. Er greift seine einzigen verbliebenen Unterstützer in Europa frontal an. Sein Ziel: Er will die EU-Staaten endlich wachrütteln, damit sie eine echte globale Macht werden und nicht nur ein „Salat aus kleinen Ländern“, die sich gegenseitig im Weg stehen. Er schlägt sogar eine gemeinsame europäische Armee vor, in der die kampferprobten Ukrainer der harte Kern sind.
Ob die europäischen Regierungschefs diesen Weckruf hören oder lieber weiter in der Warteschleife bleiben, wird darüber entscheiden, wie viel von der Ukraine nach diesem Winter noch übrig ist. Eines ist klar: Mit netten Worten allein lässt sich keine neue Weltordnung bauen.
Quelle: Alexander Eydlin, ZEIT ONLINE, 23. Januar 2026.



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