
Drei Stunden und dreißig Minuten – das reicht normalerweise gerade mal für eine ordentliche russische Oper, aber für den Weltfrieden muss das wohl genügen. In Moskau saßen sie also zusammen: Die US-Gesandten mit ihren glänzenden Lebensläufen und der Herr im Kreml, der gerade mal wieder ein kleines Liquiditätsproblem hat. Wenn die Kasse für Panzer und Raketen langsam leer wird, entdeckt man eben plötzlich sein Herz für die Diplomatie. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Die Stimmung war laut offiziellen Angaben „inhaltlich konstruktiv“. Das ist Diplomatendeutsch für: Man hat sich freundlich angelächelt, während draußen die Welt weiter brennt. Putin zeigt sich vordergründig verhandlungsbereit, weil das Zerstören der Nachbarschaft auf Dauer eben doch ordentlich ins Geld geht. Sein Plan bleibt dabei so simpel wie grausam: Erst alles in Schutt und Asche legen, wie man es damals so erfolgreich in Tschetschenien praktiziert hat, und dann das Trümmerfeld feierlich übernehmen. Ein zerstörtes Land leistet schließlich keinen Widerstand mehr, und in Kyjiw ließe es sich in einer Geisterstadt ohnehin viel ruhiger regieren.
Aber warum beim direkten Nachbarn aufhören, wenn die Landkarte nach Westen hin noch so viel Platz bietet? Wenn man erst einmal den Geschmack von Größenwahnsinn im Mund hat, wirken das Baltikum und Polen nur noch wie ein kleiner Snack für zwischendurch. Das langfristige Ziel ist ohnehin viel ehrgeiziger: Ein russisches Reich, das sich ganz entspannt bis nach Portugal ausdehnt. Der Atlantik ist schließlich eine viel schönere Grenze als irgendwelche mühsamen Linien in Osteuropa.
Dass man während dieser Ausdehnungs-Träume weiterhin fleißig Krieg führt, nennt das Präsidialamt eine „diplomatische Lösung“. Das ist wahrhaft optimistisch. Es ist diese ganz besondere Form von Zuversicht, bei der man dem Gegenüber die Hand schüttelt, während man im Kopf schon mal die neuen Grenzpfosten in Lissabon einrammt. Wirklich sehr offen, diese Gespräche.
Ein Ausblick auf die neue Nachbarschaft
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass gute Gespräche vor allem eines sind: Zeitgewinn. Während die Unterhändler ihre Notizbücher zuklappen, bleibt der eigentliche Plan unverändert. Man trifft sich, man redet, man lächelt – und währenddessen wird die Zerstörung einfach so lange weitergeführt, bis das Geld eben wirklich alle ist. Bis dahin träumt man im Kreml weiter vom Sonnenuntergang an der Algarve, natürlich unter russischer Flagge. Ein Schnäppchen, das man sich aus reinem Optimismus nicht entgehen lassen will.
Quelle ZEIT
Hintergrund:
Dmitri Medwedew hat die Vision eines Raumes von Lissabon bis Wladiwostok mehrfach aufgegriffen, wobei sich der Tonfall über die Jahre drastisch gewandelt hat – von einer wirtschaftlichen Kooperationsidee hin zu einer imperialen Drohkulisse.
Die Kernzitate und Zeitpunkte
- 5. April 2022 (Der „Eurasia“-Post): In einem vielbeachteten Post auf seinem Telegram-Kanal schrieb der stellvertretende Leiter des russischen Sicherheitsrates während des laufenden Angriffskrieges gegen die Ukraine: „Das Ziel ist der Frieden für künftige Generationen der Ukrainer selbst und die Möglichkeit, endlich ein offenes Eurasien von Lissabon bis Wladiwostok aufzubauen.“ Dieser Satz fiel im Kontext seiner Behauptung, Russland müsse die „ukrainischen Nazis“ vernichten. Während westliche Politiker die Formel früher als Friedensprojekt verstanden, wurde sie hier als großrussische Expansionsfantasie umgedeutet.
- Frühere Jahre (Die wirtschaftliche Vision): Die Idee eines „gemeinsamen Wirtschaftsraums von Lissabon bis Wladiwostok“ stammt ursprünglich nicht von Medwedew, sondern wurde von Wladimir Putin in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung im November 2010 populär gemacht. Medwedew unterstützte diese Vision während seiner Zeit als Präsident und Ministerpräsident (z. B. beim Business Forum 2013) regelmäßig als diplomatisches Angebot an die EU.




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