Abschied auf Raten

Ich habe die USA immer gemocht. Nicht als Macht, nicht als Projekt, sondern als Idee. Als Versprechen von Weite, von Bewegung, von dem Glauben, dass man anders sein darf, ohne sich entschuldigen zu müssen. Dieses Land fühlte sich lange an wie ein offenes Fenster: laut, widersprüchlich, manchmal anstrengend, aber immer von Luft durchzogen.

Heute wirkt alles enger. Nicht, weil sich die Landschaft verändert hätte, sondern weil sich der Ton verengt hat. Der Staat spricht lauter, aber nicht klarer. Uniformen treten vermummt auf, Gewalt wird zur Gewohnheit, und was Ordnung heißen soll, riecht nach Einschüchterung. Man sagt Sicherheit und meint Kontrolle. Man sagt Stärke und erzeugt Angst.

Schade um Grönland, schade um die USA – schade um eine politische Kultur, die einmal neugierig war auf die Welt und nun alles als Verhandlungsmasse betrachtet. Der große Deal steht über allem, und er produziert Verlierer auf beiden Seiten. Wut wird zur Währung, Kränkung zum Treibstoff. Wer fragt, gilt als schwach, wer zweifelt als Gegner.

In Deutschland denken manche beim Blick über den Atlantik an die 1930er Jahre. Nicht aus Geschichtslust, sondern aus Beklemmung. Weil sich Muster ähneln: das Abwerten von Institutionen, das Verächtlichmachen von Medien, das systematische Verschieben von Grenzen. Demokratie wird nicht abgeschafft, sie wird umgebaut, Stück für Stück, bis man sie kaum wiedererkennt.

Ich habe dieses Land gemocht, weil es sich immer wieder neu erfunden hat. Weil Vielfalt nicht als Gefahr galt, sondern als Motor. Weil Protest dazugehört hat, nicht als Störung, sondern als Ausdruck von Freiheit. Heute scheint selbst die Frage, ob es wieder echte Präsidentschaftswahlen geben wird, kein Tabu mehr zu sein, sondern eine offene, beunruhigende Möglichkeit.

Der Himmel über den USA ist derselbe geblieben, aber er hängt tiefer. Die Symbole stehen noch, doch sie tragen weniger. Vielleicht findet dieses Land zurück zu sich, vielleicht auch nicht. Vielleicht wird es sich erinnern, dass Demokratie nicht brüllt, sondern aushält.

Bis dahin ist es ein leiser Abschied. Kein Zorn, kein Spott. Nur Traurigkeit über etwas, das einmal Hoffnung war – und nun vor allem Verlust.


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Kommentare

Ein Kommentar zu „Abschied auf Raten“

  1. Avatar von Sabine M.
    Sabine M.

    Seien Sie mal nicht so pessimistisch! Die nähere Vergangenheit war nicht so rosig, wie Sie sie vielleicht sehen, und die Gegenwart ist nicht so düster, wie Sie meinen.

    Spätestens seit Obama war die Freiheit in den USA durch allerlei woke Übertreibungen bedroht und sogar eingeschränkt. Papst Leo hat das bei seinem Neujahrsempfang für das diplomatische Korps so ausgedrückt:
    “ … Gleichzeitig entwickelt sich eine neue Sprache im Orwell-Stil, die in dem Versuch, zunehmend integrativ zu sein, diejenigen ausschließt, die sich nicht an die Ideologien halten, die sie antreiben.“
    Diese Freiheitsbedrohungen führten letztlich zu den Wahlsiegen Trumps, der nun auf Gegenkurs geht. Dabei verlieren natürlich die grünwoken Eliten Europas ihren Anker auf der anderen Seite des Atlantiks und entsprechend wütend sind ihre Reaktionen. Die von ihnen kontrollierten Medien lassen keine Gelegenheit aus, Trump herabzuwürdigen, wobei Trumps etwas polternde Art deren Bemühungen zugegebenermaßen etwas in die Hände spielt.
    Der Übergang, den Trump durchführt, verläuft naturgemäß etwas ruckelig, aber nur so kann Bewegung aus einer festgefahrenen Situation heraus entstehen. Manchmal erfordert diese Dynamik etwas mehr Zeit wie z.B. beim Ukrainekrieg, aber die Dinge kommen Dank Trump in Bewegung. Auf das Geschrei der Beteiligten sollte man dabei nicht allzusehr achten, warten wir, die wir weit entfernt am Katzentisch sitzen, lieber ab, was am Ende herauskommt.
    Auch in die Grönlandfrage scheint Bewegung zu kommen. Warten wir auch hier mal ab, was passiert.
    Trump ist einfach anders. Das fängt schon damit an, daß er seine Wahlversprechen erfüllt, was der europäischen Politikerkaste, zu der auch Merz gehört, zutiefst suspekt ist.

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