
Während sich in den prunkvollen Sälen von Paris die Koalition der Willigen um Kanzler Friedrich Merz, Emmanuel Macron und Keir Starmer versammelt, um die Zukunft der Ukraine auf Hochglanzpapier zu entwerfen, scheint die Realität draußen vor der Tür bereits lautstark mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen. Man einigt sich auf Sicherheitsgarantien, plant multinationale Truppen und schmiedet Friedenssicherungs-Architekturen, als wäre die Geopolitik ein Lego-Bausatz für Fortgeschrittene.
Der Kreml lacht am lautesten
Dass Wladimir Putin bei diesen Plänen am Ende einfach „Njet“ sagen wird, scheint in der Pariser Euphorie fast wie eine unhöfliche Randnotiz. Für Putin ist dieser Krieg kein lästiges Hindernis, das man wegverhandeln kann; er ist sein Lebenselixier. Der Krieg in der Ukraine dient ihm als perfektes Ablenkungsmanöver von seinem kolossalen Versagen im Inneren. Solange die Kanonen donnern, fragt in Russland niemand nach der maroden Wirtschaft oder den schwindenden Freiheiten. Ein Frieden wäre für Putins Machtanspruch gefährlicher als jede westliche Sanktion. Wer glaubt, er würde freiwillig den Rückzug antreten, nur weil Merz jetzt laut über Bundeswehrsoldaten in Kyjiw nachdenkt, hat das Wesen der russischen Autokratie schlichtweg nicht begriffen.
Trump: Der Partner, der Grönland zum Frühstück isst
Besonders pikant ist die Hoffnung auf den amerikanischen „Backstop“. Merz betont, dass alles von einer „stark rechtlich bindenden Sicherheitsgarantie der USA“ abhängt. Derselbe Donald Trump, der gerade erst in Venezuela einmarschiert ist, um dort nach dem Rechten (und dem Öl) zu sehen, soll nun der verlässliche Anker für Europa sein? Trump, der zwischen zwei Tweets über die Annexion Grönlands philosophiert und die Arktis wie ein Filetstück auf einem Immobilienmarkt betrachtet, wird als Garant für die europäische Stabilität gehandelt.
Hier zeigt sich die vertrackte Lage der Europäer: Sie bauen ihr gesamtes Kartenhaus auf einen Partner, der gerade bewiesen hat, dass ihm nationale Souveränität nur dann etwas bedeutet, wenn es die eigene ist.
Das bittere Ende der Wunschliste
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass schöne Pläne in Paris wenig wert sind, wenn man sie ohne den Wirt macht. Merz kann noch so oft betonen, dass er „grundsätzlich nichts ausschließt“ – am Ende entscheiden nicht die Absichtserklärungen in Frankreich, sondern die nackte Gewalt und der politische Überlebenswille in Moskau und Washington. Die europäischen Staatschefs verhalten sich wie Architekten, die ein prächtiges Haus planen, während der Grundstücksbesitzer bereits die Abrissbirne schwingt und der Nachbar gerade versucht, den Garten zu stehlen.
Quelle: DIE ZEIT (Stand: 06.01.2026)



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