Wunsch und Wirklichkeit

Kann die EU Donald Trump die Stirn bieten?

Dieser Artikel bezieht sich auf den Kommentar „Genug ist genug“ von Ulrich Ladurner, erschienen am 5. Januar 2026 auf ZEIT. Ladurner entwirft darin ein Szenario, in dem Europa nach der US-Intervention in Venezuela eine harte Kante gegen die Annexionsabsichten Donald Trumps in Bezug auf Grönland zeigen muss.

In unserer aktuellen Lage, in der machtpolitische Stärke zunehmend das Völkerrecht verdrängt, steht Europa vor einem Scherbenhaufen. Dieser Scherbenhaufen begann jedoch nicht mit Donald Trump, sondern mit dem russischen Angriffskrieg, der die europäische Friedensordnung grundlegend zertrümmert hat.

Dass Donald Trump nun die geopolitischen Machtverhältnisse massiv verschiebt – etwa durch den Militäreinsatz in Venezuela oder Ansprüche auf Grönland –, mag radikal wirken, besitzt jedoch eine gewisse Sinnhaftigkeit: Er passt die globale Ordnung an eine neue, rücksichtslose Realität an, in der nur noch knallharte Interessen zählen. Für Europa stellt sich nun die drängende Frage, ob es in diesem Spiel der Kräfte bestehen kann oder zwischen den Mächten zerrieben wird.

Zentrale Thesen und ihre Bewertung

​Bevor man die einzelnen Punkte betrachtet, muss man sich fragen: Sind diese Forderungen überhaupt machbar oder handelt es sich um bloße Träumerei? In der Theorie klingt ein geschlossenes Europa stark, doch in der Praxis scheitern solche Ideen oft an den vielen verschiedenen Interessen der Mitgliedstaaten. Während einige Länder den Konflikt mit Trump scheuen, sehen andere darin die letzte Chance für eine echte europäische Unabhängigkeit. Ob diese Schritte wirklich sinnvoll sind, hängt davon ab, ob man glaubt, dass Europa ohne den Schutz der USA überhaupt überleben kann. Es ist ein Spiel mit hohem Einsatz, bei dem die Durchsetzbarkeit an der mangelnden militärischen Kraft und dem politischen Zank innerhalb der EU hängen bleibt.

Hier ist die detaillierte Analyse der Aussagen:

1. Die Forderung nach einer geschlossenen „Bastion der Staatschefs“

​Der Autor schlägt vor, dass die wichtigsten europäischen Köpfe – von Kanzler Friedrich Merz über Emmanuel Macron bis hin zu Ursula von der Leyen – eine gemeinsame Botschaft („Genug ist genug“) unterzeichnen.

  • Politische Sicht: Dies wäre ein symbolisch mächtiges Signal der Einigkeit. Allerdings ist das Problem eine gewisse Spaltung der EU und infolgedessen das Auftreten einzelner Akteure, die sich entweder verdeckt oder ganz offen auf die russische Seite gestellt haben. Vor allem Regierungen wie die von Viktor Orbán in Ungarn oder Robert Fico in der Slowakei haben einen Riss in die europäische Geschlossenheit getrieben. Diese gezielten Blockaden durch Regierungen, die eigene Interessen verfolgen oder unter dem Einfluss Moskaus stehen, machen eine echte Einstimmigkeit gegen einen Akteur wie Trump extrem schwierig.
  • Strategische Sicht: Ein Brief allein schreckt einen Akteur wie Trump nicht ab. Ohne militärische oder ökonomische Druckmittel wirkt eine solche Geste eher wie ein Zeichen der Schwäche, da sie die Hilflosigkeit hinter den Worten offenbart.
  • Juristische Sicht: Politische Erklärungen sind rechtlich nicht bindend, aber sie setzen den Rahmen für diplomatische Konsequenzen.
  • Ethische Sicht: Es besteht eine moralische Pflicht, die Souveränität kleinerer Partner gegen übergriffige Ambitionen zu verteidigen. Schweigen würde als Zustimmung zum Unrecht gewertet werden. Zudem geht es um die Glaubwürdigkeit der Politik: Wer Werte wie Freiheit predigt, muss auch dann zu ihnen stehen, wenn der Gegner ein mächtiger Verbündeter ist. Es ist eine Frage der Solidarität innerhalb der europäischen Familie, die Schwächeren nicht dem „Recht des Stärkeren“ zu überlassen.

2. Die Aktivierung des EU-Beistandsartikels 42 Absatz 7

​Hinter diesem Artikel steckt die Beistandsklausel der EU. Sie besagt, dass alle Mitgliedstaaten verpflichtet sind, einem anderen Land mit allen Mitteln zu helfen, wenn dieses auf seinem eigenen Gebiet militärisch angegriffen wird. Die Idee dahinter ist eine totale Solidarität. Was dieser Artikel leisten kann, ist vor allem die politische Abschreckung: Ein Angreifer muss wissen, dass er es nicht mit einem Land, sondern mit 27 Partnern zu tun bekommt.

​Die große Schwäche ist jedoch, dass es keine gemeinsame europäische Armee gibt, die sofort ausrückt. Jedes Land entscheidet selbst, was diese „Hilfe“ genau bedeutet – das kann von Munition bis hin zu nur Decken und Medikamenten reichen. Zudem fehlt der EU die militärische Führung, die im Ernstfall die Befehle gibt.

  • Politische Sicht: Dies wäre die faktische Abkehr von der NATO als alleinigem Sicherheitsgaranten. Es würde das Verhältnis zu den USA endgültig zerrütten.
  • Strategische Sicht: Europa fehlt die militärische Ausrüstung, um diesen Beistand ohne US-Hilfe (Satelliten, Fernaufklärung, Transport) glaubhaft umzusetzen. Eine Drohung, die man nicht wahrmachen kann, ist gefährlich.
  • Juristische Sicht: Der Artikel greift im Falle eines „bewaffneten Angriffs“. Ob bloße Drohungen oder „Annexionsfantasien“ ausreichen, um diesen Mechanismus rechtssicher auszulösen, ist fragwürdig.
  • Ethische Sicht: Hier prallen zwei moralische Grundsätze aufeinander. Einerseits das Recht auf Selbstverteidigung und die Pflicht, die Bürger vor fremder Willkür zu bewahren. Anderseits die Verantwortung für den Frieden: Eine militärische Drohung könnte eine Spirale der Gewalt in Gang setzen, die am Ende weit mehr Opfer fordert. Ethisch schwierig ist auch die Frage der Verhältnismäßigkeit. Ist ein diplomatischer Streit über eine Insel den Einsatz von Soldatenleben wert? Dennoch wiegt das Argument schwer, dass Einknicken vor Erpressung langfristig zu noch mehr Leid und Instabilität führen könnte.

3. Die Übernahme der Hauptlast für Kyjiw und die Ukraine

​Europa müsse lernen, die Ukraine auch ohne US-Hilfe zu halten, um die eigene Souveränität zu beweisen.

  • Politische Sicht: Hier zeigt die EU bereits Ansätze von Stärke, wie die jüngsten Milliardenhilfen beweisen. Doch der politische Wille, auch Truppen oder massiv schwerere Waffen zu senden, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt.
  • Strategische Sicht: Ohne die US-Rüstungsindustrie ist die Versorgung der Ukraine langfristig kaum zu stemmen. Europa müsste auf Kriegswirtschaft umstellen, was enorme soziale Verwerfungen bedeuten könnte.
  • Juristische Sicht: Es gibt keine vertragliche Pflicht der EU zur Verteidigung der Ukraine, es handelt sich um eine politische Entscheidung, auch zur Sicherung der eigenen Grenzen.
  • Ethische Sicht: Die Unterstützung der Ukraine ist eine Frage der Menschlichkeit und der Abwehr von Tyrannei. Es wäre moralisch verwerflich, ein Volk, dem man Beistand versprochen hat, aus Bequemlichkeit oder Angst „vor den Bus zu werfen“. Es geht um die Verlässlichkeit Europas als Partner. Ein Verrat an Kyjiw würde das Fundament der europäischen Wertegemeinschaft zerstören. Zudem trägt Europa eine Mitverantwortung für die Sicherheit auf dem Kontinent, die man nicht einfach an eine ferne Macht in Washington delegieren kann.

Perspektiven für die Zukunft

Wir befinden uns in einer Ära des Neoimperialismus, in der die EU nicht mehr nur Wladimir Putin abschrecken muss, sondern auch mit einem schwer einzuschätzenden Partner in Washington umgehen  muss. Die Idee einer militärischen Souveränität klingt in der Theorie logisch, scheitert in der Praxis aber an der jahrelangen Vernachlässigung der Verteidigung.

Die EU kann derzeit vor allem ökonomisch reagieren. Militärisches „Zähnezeigen“ gegenüber der Weltmacht USA ist aktuell eher ein Papiertiger. Dennoch ist der Prozess der Selbstermächtigung ohne Alternative, wenn Europa nicht zum Spielball zwischen den Großmächten werden will. Die größte Hürde ist dabei gar nicht so sehr Trump, sondern die interne Uneinigkeit der europäischen Regierungen.

Quelle: Basierend auf einem Kommentar von Ulrich Ladurner, ZEIT ONLINE, 5. Januar 2026.


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Kommentare

3 Kommentare zu „Wunsch und Wirklichkeit“

  1. Avatar von Sabine M.
    Sabine M.

    Die Kernaufgabe der EU besteht darin, den Exekutiven der Mitgliedsländer einen Hebel zu bieten, an ihren jeweiligen Legislativen vorbeizuregieren.
    Sämtliche Parlamente der EU haben Ermächtigungsgesetze verabschiedet, die dem Ministerrat und den EU-Bürokraten gestatten, Verordnungen und Regeln zu erlassen, die die Parlamente dann durchwinken müssen. Dabei greifen die brüsseler Bürokraten immer weiter in die persönlichen Freiheiten der Bürger ein und die EU verliert so jedwede Legitimität.
    Wenn Europa wieder ein Hort der Freiheit werden soll, geht das nur über stärkere Bande nach Washington und schwächere Bande nach Brüssel. Bis das passiert, wird das delegitimierte Europa zu Recht keine Rolle auf der internationalen Bühne mehr spielen.

  2. Hallo Sabine M,

    Ihr Kommentar enthält leider einige grundlegende Irrtümer über die Arbeitsweise der Europäischen Union. Es ist wichtig, hier bei den Fakten zu bleiben:

    Kein Vorbeiregieren: Die EU ist kein Werkzeug, um Parlamente zu umgehen. Das Europäische Parlament wird direkt von uns Bürgern gewählt und entscheidet bei fast allen Gesetzen gleichberechtigt mit. Zudem sind die Minister im Rat der EU ihren jeweiligen nationalen Parlamenten gegenüber verantwortlich.

    Der Begriff „Ermächtigungsgesetze“: Diese Wortwahl ist historisch extrem belastet und sachlich falsch. Die rechtliche Basis der EU sind Verträge, die von allen Mitgliedstaaten freiwillig und demokratisch unterschrieben und ratifiziert wurden.

    Freiheit und Gewicht: Viele EU-Regeln, wie etwa der Schutz unserer Daten oder das Ende von Roaming-Gebühren, sichern unsere persönlichen Freiheiten ab. Ohne die Gemeinschaft hätten einzelne europäische Länder gegenüber Großmächten wie den USA oder China kaum ein politisches Gewicht.

    Zudem fällt auf, dass solche Erzählungen oft von Portalen wie Nius (welches Sie ja verlinkt hatten) verbreitet werden. Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass Nius keine seriöse Nachrichtenquelle ist. Die Plattform ist dafür bekannt, Tatsachen stark verzerrt darzustellen und durch eine sehr einseitige Sichtweise Stimmung zu machen, statt sachlich aufzuklären.

    Eine echte Debatte über die Zukunft Europas sollte auf geprüften Informationen basieren, nicht auf Mythen.

  3. Avatar von Sabine M.
    Sabine M.

    Sie haben eine recht unkritische Meinung über die EU. Gestatten Sie mir bitte, eine andere Meinung zu haben, so wie ich Ihre Meinung respektiere. So ist das nun mal mit der Meinungsfreiheit: Zwei Menschen, drei Meinungen, aber das geht in Ordnung und ist kein Grund, daß sich da jemand von außen einmischt und meint, er hätte die Deutungshoheit über zulässige und unzulässige Meinungen.
    Die EU verfolgt hier einen deutlich restriktiveren Kurs als z.B. die USA. Das verspricht noch spannend zu werden, zumal die Amis ihre Erwartungen ganz klar artikuliert haben und offenbar keine Lust haben, sich auf Mätzchen einzulassen.

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