
Wenn wir ehrlich sind, treibt uns alle zwischen 40 und 65 eine stille Sorge um: Was bleibt von dem, was wir aufgebaut haben? Und was kommt bei unseren Kindern an? Die Diskussion um die Erbschaftsteuer berührt uns tief, weil sie an die Substanz unserer Lebensleistung geht.
Doch Vorsicht: Wir führen hier vielleicht eine Scheindebatte. Auf den ersten Blick streiten wir über hohe moralische Werte. Aber im Hintergrund lauert eine ganz banale Wahrheit: Dem Staat geht das Geld aus. Es fehlen Milliarden für die Rente und die Verteidigung. Wenn jetzt über Gerechtigkeit gestritten wird, dann vielleicht nur, weil der Finanzminister dringend neue Einnahmequellen sucht, um Löcher im Haushalt zu stopfen. Ist die Moral also nur ein Mittel zum Zweck, um an unser Erspartes zu kommen?
Der Schutzraum Familie
Ethisch betrachtet wiegt das Argument der Familie schwer. Wer sein Leben lang hart gearbeitet hat, Verzicht geübt und klug gewirtschaftet hat, möchte diese Früchte an die eigenen Kinder weiterreichen. Das ist ein zutiefst menschlicher, fast archaischer Instinkt.
Aus dieser Perspektive fühlt sich der Zugriff des Staates falsch an. Das Vermögen wurde bereits versteuert – durch Einkommensteuer, Unternehmenssteuer und mehr. Es gehört zur Privatsphäre, zum innersten Zirkel. Dass der Staat beim Tod noch einmal die Hand aufhält, empfinden viele als Respektlosigkeit gegenüber der Lebensleistung der Eltern. Das Eigentum soll dem Schutz der Nachkommen dienen, nicht der Sanierung maroder Staatskassen. Es ist ein Akt der Fürsorge über den Tod hinaus.
Der Zufall der Geburt
Auf der anderen Seite steht ein ebenso starkes ethisches Ideal: die Leistungsgesellschaft. Wir versprechen unseren Kindern, dass sich Anstrengung lohnt. Aber stimmt das noch? Ein Erbe ist keine eigene Leistung. Es ist ein reiner Lottogewinn der Geburt.
Ist es gerecht, dass eine Krankenschwester oder ein Handwerker fast die Hälfte des Lohns an den Staat abgibt, während jemand, der Millionen erbt, oft völlig steuerfrei oder mit geringen Abgaben davonkommt? Wenn Arbeit so hoch belastet wird, aber leistungsloses Vermögenserbe kaum, gerät die soziale Balance ins Wanken. Dynastien entstehen, in denen Reichtum sich immer weiter anhäuft, ohne dass die Erben etwas dafür tun müssen. Das widerspricht dem Versprechen der Chancengleichheit. Wer mit 90 Metern Vorsprung startet, kann nicht behaupten, er hätte das Rennen allein durch Anstrengung gewonnen.
Ein neuer Generationenvertrag
Wir müssen raus aus den Schützengräben. Die Lösung kann nicht sein, das „Häuschen der Oma“ wegzubesteuern – das trifft die falsche Zielgruppe und verunsichert die Mittelschicht, die ihren Kindern nur etwas Sicherheit mitgeben will.
Ein ethisch sauberer Weg müsste differenzieren: Hohe Freibeträge, die das private Familieneigentum und den Mittelstand schützen, sind essenziell. Aber bei gigantischen Vermögen, die Macht und Einfluss bedeuten, muss die Gemeinschaft ihren Anteil fordern dürfen.
Wenn wir Arbeit steuerlich entlasten und dafür riesige, leistungslose Erbschaften stärker heranziehen, könnte das sogar die Leistungsbereitschaft fördern. Der Staat muss aber ehrlich sein: Wenn er das Geld für Aufrüstung oder Renten braucht, sollte er das nicht hinter einer Neid-Debatte verstecken, sondern offenlegen. Nur so entsteht Akzeptanz für einen Ausgleich, der weder die Familie bestraft noch den Fleiß verhöhnt.
Quelle: Basierend auf „Ist Erben gerecht?“ von Roman Pletter, DIE ZEIT Nr. 52/2025.



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