Harald Martenstein, Demagoge?

Ein melancholischer Song über die Schönheit Europas, brennende Barrikaden in Paris und Mailand – und plötzlich sind die Schuldigen ausgemacht: „Gotteskrieger“, „strenge Muslime“ und eine bösartige „Einheitsfront der Plünderer“. In seiner WELT-Kolumne vom 25. Oktober 2026 holt der Publizist Harald Martenstein zum ganz großen Schlag aus. Er nimmt Bilder von vermummten Jugendlichen, die Schaufenster einwerfen, und verwebt sie zu einer apokalyptischen Erzählung vom Untergang des Abendlandes. Doch wer den Text Satz für Satz seziert und mit den realen Ermittlungen der französischen Justiz abgleicht, stößt nicht auf messerscharfe Gesellschaftskritik, sondern auf ein Lehrstück gezielter Ressentiment-Schürung.

Der Welt-Artikel im Überblick: Apokalypse am Sonntag

Martenstein steigt mit einem Rückzug ins Private ein: Um sich von Bildern randalierender Jugendlicher in Paris, Marseille und Mailand zu erholen, hört er ein Lied über die europäische Seele. Von dieser sentimentalen Rampe aus schwenkt er direkt in den Angriffsmodus: Er diagnostiziert einen „Vernichtungsangriff auf Europas schöne Städte“. Verantwortlich dafür sei kein gewöhnlicher Mob, sondern eine weltanschauliche Verschwörung: die sogenannte „Islamlinke“.

Sein Text zeichnet das düstere Bild einer Gesellschaft, die von arbeitsscheuen Müßiggängern ausgeplündert werde. Das Ganze gipfelt in der Warnung vor künftigen Berliner Machtverhältnissen, bei denen es bald „deutsche Pässe regnen“ werde und das wichtigste Einwanderungskriterium laute: „Muslime müssen kommen“.

Das Arsenal der Unterstellungen: Wie Martenstein den Islam ins Visier nimmt

Martenstein behauptet nicht offen, dass jeder gläubige Muslim ein Krimineller sei. Seine Methode ist raffinierter: Er arbeitet mit sprachlichen Kurzschlüssen, assoziativen Brücken und der Methode der Kontaktschuld. Er montiert den Islam systematisch in das Bild von Plünderung und Zerstörung:

  • Die bösartige Allianz: Er fantasiert über eine „sonderbare Koalition aus Linksextremen, Gangstern, Gotteskriegern und migrantischen Antisemiten“. Damit stellt er gewöhnliche Straftäter und religiöse Fanatiker auf eine Stufe.
  • Der moralische Brückenschlag: Er behauptet: „Es gibt bekanntlich kaum Berührungspunkte zwischen den Moralvorstellungen strenger Muslime und queerer Linker. Das, was sie zusammenhält, sind ihr Hass und ihre Gier.“ Aus einer theologisch-konservativen Lebensweise wird hier kurzerhand ein Treibstoff für Kriminalität.
  • Die Gleichsetzung von Religion und Raubzug: Er schreibt: „Die extreme Linke und der politische Islam hassen die Freiheit des Denkens (…) Bei der neuen, jungen Islamlinken spielt der Gedanke des schnellen Reichtums durch Plünderung eine entscheidende Rolle. Die Islamlinke ist im Kern eine Einheitsfront der Plünderer und Diebe.“
  • Das Zerrbild von Politik und Migration: Martenstein raunt über angebliche Pläne der Bundespolitik: „Das wichtigste Kriterium: Muslime müssen kommen. Es könnte sehr schnell gehen, und es soll unwiderruflich sein. Möge es deutsche Pässe regnen in Gaza.“
  • Der Schein-Gegensatz Dubai: Am Ende verweist er auf Dubai: „Der Islam ist Leitkultur (…) Wer straffällig wird, fliegt raus.“ Die Botschaft dahinter: Muslime bräuchten harte autoritäre Zucht, sonst brächten sie Verfall und Gesetzlosigkeit über europäische Städte.

Der Faktencheck: Was Frankreichs Qualitätsmedien und Behörden wirklich wissen

Haben bei den Ausschreitungen tatsächlich strenggläubige Muslime die Fäden gezogen oder maßgeblich mitgemacht? Ein Blick in seriöse französische Leitmedien wie Le Monde, Libération und Le Figaro sowie in offizielle Untersuchungsberichte straft Martensteins Thesen schonungslos Lügen.

Sowohl bei den aktuellen Herbstprotesten 2026 als auch bei den schweren Unruhen im Sommer 2023 zeichnen die Justizdaten ein völlig anderes Profil:

  1. Keine religiöse Motivation: Der umfassende Untersuchungsbericht des französischen Senats (Rapport d’information du Sénat) sowie die Auswertungen des Innenministeriums betonen unmissverständlich: Weder Islamisten noch salafistische Netzwerke spielten bei der Organisation oder dem Ausbruch der Straßengewalt eine Rolle. Es fielen keine religiösen Parolen.
  2. Das reale Profil der Täter: Laut den Gerichtsakten von Paris, Lyon und Marseille handelte es sich bei den Festgenommenen zu fast 80 Prozent um französische Staatsbürger. Sie waren im Schnitt 17 bis 23 Jahre alt, zu über 60 Prozent zuvor strafrechtlich überhaupt nicht in Erscheinung getreten.
  3. Plünderung aus Beutelust, nicht für das Kalifat: Soziologen wie Marco Oberti und Fabien Truong analysierten in Le Monde, worum es wirklich ging: jugendliche Gruppendynamik, Frust über die Polizei, Suche nach dem Adrenalinkick und schlichter Konsum-Opportunismus. Geklaut wurden Turnschuhe, Smartphones und Luxusjacken für die Selbstdarstellung auf TikTok und Snapchat – ein zutiefst materialistischer Exzess, der jeder religiösen Lebensführung diametral widerspricht.
  4. Verurteilung durch muslimische Institutionen: Die Große Moschee von Paris (Grande Mosquée de Paris) und Imame im ganzen Land verurteilten die Zerstörungen unverzüglich und mahnten zur Besonnenheit.

Psychologie der Angst: Das Spiel mit dem Feindbild

Warum funktioniert Martensteins Text dennoch bei vielen Lesern? Psychologisch bedient er ein uraltes Muster: Othering und die Konstruktion eines bedrohlichen Außenfeinds.

Die Welt ist unübersichtlich, Großstädte stehen unter sozialem Druck, viele Menschen spüren Unsicherheit. Statt diese schwierigen Gemengelagen aus sozialer Spaltung, digitaler Enthemmung und Kriminalität rational aufzudröseln, liefert Martenstein eine bequeme Scheinerklärung: Ein klar definierter Feind ist schuld. Indem er verschiedene Reizwörter – queere Linke, militante Autonome, Muslime, Antisemiten – zu einem einzigen Monster namens „Islamlinke“ verklumpt, bedient er den Bestätigungsfehler (Confirmation Bias). Das Gehirn liebt einfache Erzählungen, besonders dann, wenn sie bestehende Ängste bestätigen. Aus profanen Dieben werden so ideologische Krieger gemacht, um das Gefühl einer existenziellen Bedrohung maximal anzuheizen.

Theologische Ethik: Vom Missbrauch der Religion

Aus theologischer und ethischer Sicht ist Martensteins Argumentation doppelt unredlich.

Erstens verkehrt er die ethischen Grundlagen des Islams in ihr Gegenteil. In der islamischen Rechts- und Morallehre gilt Diebstahl (Sariqa) als schwere Sünde und Vergehen gegen das göttliche Recht. Das Plündern von Geschäften für weltliche Statusgüter ist das genaue Gegenteil von religiöser Frömmigkeit. Einen „strengen Muslim“ mit einem plündernden Sneaker-Dieb gleichzusetzen, ist ein Hohn für jeden gläubigen Menschen, der Integrität und Rechtstreue ins Zentrum seines Alltags stellt.

Zweitens erinnert Martensteins Methode an den Sündenbock-Mechanismus, den der Philosoph und Anthropologe René Girard beschrieben hat: Wenn Gemeinschaften in Aufruhr geraten, projizieren sie ihre Wut und Überforderung auf eine sichtbare Minderheit, um sich selbst zu entlasten. Und auf der Ebene der abendländischen Ethik verstößt der Text gegen eine der ältesten moralischen Grundregeln, die sich durch die Gebote zieht: Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten. Martenstein nimmt Menschen ihren ehrlichen Glauben und stempelt ihn zu krimineller Energie um.

Harald Martenstein, Demagoge? Eine eindeutige Antwort

Ist die Titelfrage positiv oder negativ zu beantworten? Kann man Martenstein mit Fug und Recht einen Demagogen nennen, oder ist er bloß ein zugespitzter Kolumnist?

Eine scharfe Glosse darf provozieren, übertreiben und nerven. Zur Demagogie wird ein Text aber genau dann, wenn er drei Grenzen bewusst einreißt:

  1. Die bewusste Verdrehung von Fakten: Wer nachweisbare Tatsachen ignoriert und strafrechtlich erfasste Gelegenheitskriminalität zu einem religiösen Kreuzzug umdichtet, betreibt keine Satire mehr, sondern Desinformation.
  2. Die Erzeugung von irrationaler Panik: Martenstein spricht von einem gezielten „Vernichtungsangriff“ und behauptet, das politische Ziel laute schlicht, dass „Muslime kommen müssen“. Das ist klassische Angstmacherei.
  3. Pauschale Diffamierung: Er erklärt eine religiöse Minderheit zur Speerspitze einer „Einheitsfront der Plünderer und Diebe“.

Nimmt man die gängige politikwissenschaftliche Definition von Demagogie als Maßstab – die gezielte Verführung der Massen durch Verfälschung von Tatsachen, moralische Verrohung und das Aufstacheln von Feindseligkeit gegen eine Gruppe –, dann lautet das Urteil: Ja, dieser Text ist in vollem Umfang demagogisch. Harald Martenstein nutzt sein publizistisches Talent hier nicht, um aufzuklären, sondern um Vorurteile zu befeuern und die Realität einem ideologischen Narrativ zu opfern.

Verwendete Quellen

  • Harald Martenstein: „Erst wenn alle eine Louis-Vuitton-Tasche haben, ist Palästina frei“ , erschienen in DIE WELT, Politik-Kolumne, 25. Oktober 2026.
  • Sénat de la République Française: Rapport d’information sur les émeutes urbaines de 2023 et les violences urbaines, Commission des lois, Paris.
  • Ministère de la Justice (Frankreich): Données statistiques et profils judiciaires des personnes condamnées lors des violences urbaines (IGA/IGJ).
  • Le Monde: Berichterstattung und soziologische Analysen von Marco Oberti und Fabien Truong zur Demografie der Banlieues und der Protestierenden.
  • Libération: Rechercheberichte zu den Unruhen, städtischer Gewalt und der Abgrenzung zu politischen/religiösen Strömungen.
  • Le Figaro: Gerichtsreportagen über die comparutions immédiates (Schnellverfahren) und Festnahmen in Paris, Nanterre und Marseille.
  • Grande Mosquée de Paris: Offizielle Stellungnahmen und Aufrufe zur Mäßigung durch Rektor Chems-Eddine Hafiz.
  • René Girard: Le Bouc émissaire (Der Sündenbock), Paris / Zürich (zur Theorie mimetischer Krisen und kollektiver Projektion).


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