
Warum die Rede von der „Zwangschristianisierung“ der Germanen nur die halbe Wahrheit ist.
Im Oktober begeht die Katholische Kirche traditionell den Monat der Weltmission. Dabei hat Mission heute einen schlechten Ruf. Mission steht heute für eine unglückselige Verquickung von Religion und Politik zur Unterwerfung ganzer Völker, der Begriff steht für Druck, Zwang, Gewalt.
Dass dies nicht dem biblischen Ideal entspricht, ist klar. In seiner „Anweisung für die Mission“ (vgl. Mt 10,5-15) knüpft Jesus seinen Missionsauftrag an eine doppelte Bedingung: die Friedlichkeit der Glaubensweitergabe (vgl. Mt 10,12-13) und die Freiwilligkeit der Glaubensannahme (vgl. Mt 10,14). Jesus fordert eine Mission in Liebe und durch Überzeugung, die ihre Abbruchbedingung im freien Willen des zu Missionierenden findet, denn: Mission geschieht in Liebe, und Freiheit ist ein wesentlicher Ausdruck von Liebe. Also: Jesus fordert zwar Mission, doch eine Mission, die ihre Grenze in der Toleranz gegenüber den Andersgläubigen findet.
Entspricht es denn der historischen Realität, die ja vom Ideal abwich? Teilweise. Schauen wir mal auf die Christianisierung Mitteleuropas im 8. Jahrhundert. Zwei Namen sind dafür wichtig: Winfried (Bonifatius) und Karl der Große.
Bonifatius
Der „Apostel der Deutschen“, Winfried, genannt Bonifatius stammte aus England und hat wirklich einiges getan für die Verbreitung des christlichen Glaubens in Friesland, Thüringen, Hessen und Bayern, also in Nord-, Ost- und Süddeutschland. Er kam nach einem ersten gescheiterten Versuch im Jahr 716 und zeitweiliger, wohl nicht immer so leichter Zusammenarbeit mit Willibrord, dem „Apostel der Friesen“, drei Jahre später zurück (mittlerweile hochoffiziell von Papst Gregor II. beauftragt und unter neuem Namen, eben: Bonifatius, der „Wohltäter“, „der gutes Schicksal Bringende“) und hat es noch mal probiert, diesmal erfolgreich.
Nach einigen Jahren Missionstätigkeit in den deutschen Landen, in Begleitung seines Schülers Wigbert, kommt es zu dem Ereignis, das heute vielleicht die bekannteste Geschichte ist, die man mit Bonifatius verbindet, nämlich zum Fällen einer Eiche, die dem heidnischen Gott Thor oder Donar geweiht war. 723 war das. Bonifatius fällt die Donareiche und verwendet das Holz für einen Kirchbau. Ein ganz bekanntes Bildmotiv ist das – manchmal fällt er die Eiche selbst (die Axt noch in der Hand haltend), manchmal steht er daneben und sieht zu, wie ein jüngerer Mann die Axt schwingt.
Diese Aktion kann man aus verschiedenen Perspektiven ganz unterschiedlich beurteilen. Die Einschätzungen reichen von intoleranter Übergriffigkeit bis hin zu genialer Tat, weil er damit die Macht, die Donar zugeschrieben wurde, entzauberte. Er fällt einfach die Eiche (oder: lässt sie fällen) – und es passiert, genau: nichts. In der religiösen Vorstellung der Menschen damals müsste die Gottheit unmittelbar eingreifen, dürfte Donar/Thor sich das nicht gefallen lassen. Es sei denn, der neue Gott ist mächtiger und „unser“ Gott Donar/Thor erkennt das an. Das Motiv des „stärkeren Gottes“, die Vorstellung, der neue Gott der Christen bringt uns noch mehr als unsere Götter, war auch damals schon ein fragwürdiges Motiv für die Glaubensannahme (es geht im christlichen Glauben schließlich nicht um Nutzen, sondern um Wahrheit), doch gerade über solche Machtdemonstrationen wurden die Stämme Europas von der Wahrheit des Christentums überzeugt. Die ließen sich nämlich weniger von der Ohnmacht der Liebe des Gekreuzigten überzeugen als vielmehr von der Macht eines übermenschlich starken Heerführers, der sie zu ungeahnten (militärischen) Erfolgen führen könnte. Darauf setzt Bonifatius.
Und baut dann aus dem Holz der Eiche eine Kirche. Das ist zum einen tatsächlich maximal demütigend, zum anderen auch missionsstrategisch sehr geschickt: das Alte, die überkommene Ordnung nicht nur zu zerstören, sondern sie einzusetzen für den Aufbau des Neuen, hier ganz konkret: einer christlichen Kirche, also eines Kirchengebäudes. Das Motiv dieser „Theologie des Triumphes“ kommt öfter in der Missionsgeschichte vor; das Dominikanerkloster in Cusco etwa steht auf den Überresten des wichtigsten inkaischen Heiligtums, Coricancha („Goldhof“). Es ist zwar nicht unproblematisch, aber durchaus typisch, was Bonifatius hier macht, eben auch ganz konkret architektonisch den Sieg des Christentums zu manifestieren.
Bis heute gibt es Ärger um diese Aktion vor über 1300 Jahren. Es gibt in Fritzlar, wo sich das Ganze damals abgespielt hat, eine Statue – Bonifatius mit einer Axt in der Hand – und eine Gedenktafel, 1999 wurde das Denkmal enthüllt. 2012 gab es gegen die Darstellung einen öffentlichen Protest, und in den Folgejahren immer wieder Demonstrationen mit hunderten von Teilnehmern. Also, kein Massenprotest, aber doch ein Hinweis darauf, dass diese Fällung der Donareiche als Symbol einer „Zwangschristianisierung“ begriffen wird, von der man glaubt, sich auch 1300 Jahre danach noch distanzieren zu müssen.
Karl der Große
Kommen wir noch zu Karl dem Großen. Zehn Jahre nachdem Karl der Große 772 gegen die Sachsen in den Krieg gezogen war und das heidnische Heiligtum Irminsul zerstört hatte, eine Säule, dazu gibt es ein Fresko im Krönungssaal des Aachener Rathauses (also ganz ähnliche Geschichte wie die von Bonifatius mit der Donareiche), also zehn Jahre danach erließ er 782 in der Capitulatio de partibus Saxoniae Vorschriften für die militärisch besiegten Sachsen. Dieses Sondergesetz wird häufig auf die Todesstrafe für alle, die sich nicht taufen lassen wollten, reduziert. In Wirklichkeit ging es um allgemeine Bestimmungen und Strafen bei Missachtung der christlichen Reichsordnung – u. a. die Verunglimpfung eines Priesters oder einer Kirche, die bei den Heiden übliche Feuerbestattung oder das Essen von Fleisch an Fastentagen. All das wurde mit der Todesstrafe bedroht. Hört sich dramatisch an. Allerdings schloss sich der Franke Karl mit der Capitulatio nur dem geltenden sächsischen Gewohnheitsrecht an, das die Todesstrafe kannte und bereits für Pferdediebstahl und Bienenraub verhängte. Die Capitulatio wird bald darauf durch eine mildere Regelung ersetzt und schon bald waren die Sachsen ein gleichberechtigtes Volk im Reich.
Man muss also wissen, dass die Todesstrafe damals „völlig normal“ war, selbst für Bagatelldelikte. Wir dürfen also dieses Sondergesetz nicht an unserem heutigen Rechtsverständnis messen. Was aber bleibt, ist die Frage, wie man zur Todesstrafe aus religiösen Gründen stand. Der theologischen Rechtmäßigkeit der Alternative „Taufe oder Tod“ hat Karls Hoftheologe Alkuin entschieden widersprochen. Alkuin – angelsächsischer Gelehrter, ab 796 Abt des Klosters Saint-Martin de Tours und enger Vertrauter des Frankenkönigs, auch Lehrer von Rabanus Maurus – mahnte in einem Brief Zurückhaltung an: Gemäß den Lehren der Heiligen Schrift und der Kirchenväter solle man das Wort Gottes mit Predigten und nicht mit dem Schwert verbreiten. Soweit die Sicht eines Kirchenvertreters.
Was hat Karl davon angenommen? Offenbar nicht viel, folgt man der deutschen Geschichtsschreibung aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die sich vor allem an einer winzigen Notiz als Quelle festbeißt, in der steht, Karl habe in besagtem Jahr 782 auf Grundlage der Capitulatio an einem Ort etwa 4500 Menschen hinrichten lassen, weil diese sich dem „Taufbefehl“ widersetzten. Dies ging als „Blutbad von Verden“ in die Geschichte, besser: in die Geschichtsschreibung ein.
Erst in den letzten rund vierzig Jahren ändert sich das Bild, wie der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt gezeigt hat. Vielleicht sind die 4500 nicht geköpft worden (decollati), sondern nur vertrieben worden (delocati). Also, vielleicht ist in der Quelle ein Schreibfehler. Vielleicht waren es auch nicht 4500, sondern nur 450. Vielleicht war es eine spontane Racheaktion, die Karl später bereut hat, wie Angenendt andeutet, vielleicht fand das ganze Massaker auch überhaupt nicht in der von der Quelle beschriebenen Weise statt. Der renommierte Mittelalterhistoriker Horst Fuhrmann hat so eine Deutung auf einer Fachtagung im Jahr 2003 erkennen lassen. Er sprach mit Bezug auf Karl den Großen von einer „Mär vom Sachsenschlächter“.
Fazit
Die Christianisierung Mitteleuropas lief alles andere als nach den Vorstellungen Jesu. Allerdings darf sie auch nicht auf Gewalt reduziert werden. Allein die kulturellen Fortschritte, die mit der Buchreligion Christentum verbunden waren, sind kaum zu überschätzen. Bibliotheken, Schulen, Universitäten – all das hätten wir heute nicht ohne die christliche Mission, ohne Missionare wie Bonifatius, die Europa nebenbei lesen und schreiben lehrten.
Josef Bordat



Schreibe einen Kommentar