Trumputin

Schattendiplomatie: Wenn Geschäftsleute das Schicksal der Welt aushandeln

​Es ist ein Dienstagabend in Moskau, der in die Geschichtsbücher eingehen könnte – allerdings nicht wegen eines offiziellen Staatsakts. In einem Sternerestaurant gegenüber dem Bolschoitheater treffen sich keine Außenminister oder Botschafter. Es sind Privatleute in geheimer Mission, die später in Limousinen direkt in den Kreml zu Wladimir Putin gefahren werden.

​Während die offizielle Politik noch über Völkerrecht und Bündnisse diskutiert, wird hier eine neue Realität geschaffen. Am Tisch sitzen Steve Witkoff, ein Immobilienunternehmer und enger Vertrauter von Donald Trump, und Kirill Dmitrijew, ein russischer Investmentbanker mit besten Drähten zur russischen Führung. Was wie ein Geschäftstreffen wirkt, ist in Wahrheit die Neuordnung der Weltpolitik – vorbei an Parlamenten, Experten und der Öffentlichkeit.

​Der Abschied von den Regeln

​Was wir hier beobachten, ist eine grundlegende Verschiebung. Die klassische Diplomatie, die auf Verträgen, Protokollen und institutioneller Erfahrung basiert, wird systematisch ausgehebelt. An ihre Stelle tritt ein Netzwerk aus persönlicher Loyalität und geschäftlichen Interessen.

​Steve Witkoff bekleidet kein gewähltes Amt. Seine Qualifikation ist eine über 40-jährige Freundschaft zu Donald Trump. Er agiert als persönlicher Sonderbeauftragter, der dem gewählten US-Außenministerium keine Rechenschaft schuldig ist. Bei den Gesprächen im Kreml gibt es keine US-Protokollanten, Witkoff macht sich kaum Notizen und verlässt sich auf die Dolmetscher der Gegenseite. Diese Vorgehensweise ist für staatliches Handeln höchst ungewöhnlich und gefährlich, denn sie entzieht sich jeder Kontrolle. Es zählt nur das Wort zwischen zwei Männern, nicht das Interesse des Staates.

​Eine Hand wäscht die andere

​Das System funktioniert über familiäre und finanzielle Verflechtungen, die Politik und privates Gewinnstreben untrennbar machen.

  • Auf amerikanischer Seite: Die Familie Trump und die Familie Witkoff sind geschäftlich eng verbunden, etwa über das Krypto-Unternehmen „World Liberty Financial“. Wer hier investiert, könnte sich theoretisch Zugang zum Weißen Haus erkaufen. Auch Witkoff selbst ist durch frühere Geschäfte, etwa mit Katar, nicht frei von Einflussnahme.
  • Auf russischer Seite: Kirill Dmitrijew, der ironischerweise aus der Ukraine stammt und in den USA (Stanford, Harvard) ausgebildet wurde, verdankt seinen Aufstieg im Kreml weniger seinem Fachwissen als seinen Beziehungen. Seine Frau ist eng mit Putins Tochter befreundet. In diesem System öffnen Verwandtschaft und Nähe zum Machthaber die Türen, nicht Kompetenz.

​Der Deal: Rohstoffe statt Recht

​Der Kern dieser neuen Beziehungen ist transaktional. Es geht um Geben und Nehmen, wie bei einem Immobilien-Deal. Der diskutierte „Friedensplan“ für die Ukraine trägt deutlich diese Handschrift. Es geht nicht primär um eine gerechte Friedenslösung, sondern um eine faktische Aufteilung des Landes.

Hinter den Kulissen locken massive Gewinne. Russland und die USA – genauer gesagt, Kreise um Trump und Putin – planen offenbar, gemeinsam Rohstoffe auszubeuten, die bisher durch Sanktionen tabu waren. Es geht auch um Öl, Gas und Seltene Erden in der Arktis. Sogar eine Wiederbelebung der Pipeline Nord Stream 2 unter amerikanischer Führung wird erwogen.

​Die Botschaft ist klar: Die USA und Russland machen die Geschäfte unter sich aus. Europa und die Ukraine werden dabei zu bloßen Verhandlungsmasse degradiert. Die Interessen der Europäer stören bei dieser Art der „Zusammenarbeit“ nur.

​Die Demontage der Institutionen

​Diese Art der Politik ist ein direkter Angriff auf die etablierten Strukturen. Fachleute im US-Außenministerium oder im russischen Außenministerium werden zu Statisten. Selbst erfahrene Diplomaten wie Sergej Lawrow haben kaum noch Einfluss, wenn der „Chef“ sich lieber auf inoffizielle Kanäle verlässt.

​Wir erleben eine Rückkehr zu einer Politik der Einflusssphären, in der wenige mächtige Männer die Weltkarte neu zeichnen. Völkerrecht und Souveränität spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Es gilt das Recht des Stärkeren – oder besser gesagt: Das Recht derer, die den besseren Deal anbieten können.

​Was auf dem Spiel steht

​Diese Entwicklung ist deshalb so beunruhigend, weil sie Unberechenbarkeit zum Prinzip erhebt. Wenn staatliche Beziehungen von persönlichen Freundschaften und geschäftlichen Aussichten abhängen, gibt es keine Sicherheit mehr für Dritte. Bündnispartner können jederzeit fallen gelassen werden, wenn ein lukrativeres Angebot auf dem Tisch liegt. Die Ordnung der Welt wird privatisiert – und wir alle müssen hoffen, dass wir im Businessplan der Mächtigen noch vorkommen.

Quelle: Basierend auf dem Artikel Diplomatie: Unter Mobstern von Jörg Lau und Michael Thumann, erschienen in DIE ZEIT Nr. 52/2025 (3. Dezember 2025).


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Kommentare

Ein Kommentar zu „Trumputin“

  1. Das war schonmal während Trump ersten Jahren in der Heute Show zu hören. Aber es passt noch immer.

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