Eine Welt, acht Milliarden Fremde?

​Es ist eines der größten Rätsel unseres Daseins: Wir teilen uns denselben Planeten, atmen dieselbe Luft und sehen dieselbe Sonne aufgehen. Rein körperlich sind wir uns alle nah. Und doch könnte der geistige Abstand zwischen uns kaum größer sein. Jeder Mensch lebt in seiner eigenen, oft hermetisch abgeriegelten Blase.

​Die Unterschiede sind gewaltig. Während der eine jung und voller Tatendrang seine Zukunft plant, blickt der andere auf ein langes Leben zurück und genießt seine Rente. Der eine ist umgeben von lachenden Freunden, der andere sitzt in drückender Einsamkeit zu Hause.

​Am schmerzhaftesten wird diese Trennung jedoch, wenn wir auf die Extreme schauen: Hier der rücksichtslose Diktator, der aus einem sicheren Palast heraus Befehle erteilt. Dort der Mensch im Schützengraben, der friert, zittert und sein Land verteidigen muss. Beide sind Menschen, beide leben im „Jetzt“ – und doch sind ihre Realitäten so verschieden wie Feuer und Wasser.

​Wo der Schlüssel liegt

​Warum fällt es uns so schwer, die Perspektive des anderen einzunehmen? Warum fehlt oft das Verständnis? Die Antwort finden wir meist nicht in der großen Politik, sondern ganz am Anfang eines Lebens.

​Es wäre gut, wenn wir als Menschheit viel mehr Energie in die frühkindliche Bildung und vor allem in bedingungslose Liebe investieren würden. Ein Kind, das lernt, geliebt zu werden, lernt auch, andere zu achten. Wer früh Geborgenheit erfährt, entwickelt die wichtigste Fähigkeit für ein friedliches Zusammenleben: Empathie.

​Empathie ist kein Luxusgut. Sie ist das Bindemittel, das verhindert, dass unsere individuellen Welten gegeneinander prallen. Wenn wir früh lernen, uns in das Gegenüber einzufühlen, wird es schwerer, rücksichtslos zu sein.

​Ein Hoffnungsschimmer

​Stellen wir uns eine Welt vor, in der Erziehung zu Mitgefühl wichtiger ist als Leistung. In einer solchen Welt würden wir vielleicht immer noch in unterschiedlichen Lebensphasen stecken – mal alt, mal jung, mal einsam, mal gesellig. Aber die Mauern zwischen uns wären niedriger.

​Wir würden verstehen, dass der Mensch im Schützengraben genauso fühlen, lieben und leben will wie wir selbst. Eine Welt, die auf Liebe und Verständnis im Kindesalter baut, hat die Chance, eine bessere Welt für alle Erwachsenen zu werden.


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