Das Lied, das sie nicht töten konnten … | Червона калина

​Es beginnt leise, fast wie ein Gebet, und schwillt dann an zu einem Sturm, der nicht mehr aufzuhalten ist. Es ist nur eine Melodie, doch für Millionen von Menschen ist es der Herzschlag des Überlebens. Wenn heute in den Schützengräben des Donbass oder in den U-Bahn-Schächten von Kyjiw gesungen wird, dann geht es um weit mehr als Musik. Es geht um die Seele eines Volkes, das sich weigert, ausgelöscht zu werden.

​Ein Busch, rot wie Blut

​Der Titel des Liedes, «Ой у лузі червона калина» (Oy u luzi chervona kalyna), bedeutet übersetzt: „Oh, auf der Wiese steht ein roter Schneeball“. Die Kalyna, der Schneeballstrauch mit seinen blutroten Beeren, ist das heilige Symbol der Ukraine. Sie steht für die Verbindung zu den Ahnen, für das vergossene Blut und für die unverwüstliche Schönheit der Heimat.

​In dem Lied lässt der Dichter die Pflanze „den Kopf hängen“, weil eine trübe Traurigkeit über das Land gekommen ist. Doch der Refrain ist ein brüllendes Versprechen:

​„Und wir werden diese rote Kalyna aufrichten,

und wir werden unser rühmliches Ukraine, hey, hey, aufheitern!“

​Die Geschichte wiederholt sich grausam

​Das Lied ist nicht neu. Es wurde bereits 1914 zur Hymne der Sitscher Schützen (Sichovi Striltsi), einer ukrainischen Militäreinheit, die schon damals für die Unabhängigkeit kämpfte. Es ist gespenstisch, wie sehr sich die Geschichte wiederholt.

​Schon vor über hundert Jahren standen ukrainische Patrioten einem übermächtigen russischen Imperium gegenüber, das ihre Sprache, ihre Kultur und ihre Existenzberechtigung leugnete.

Während der Sowjetzeit war das Singen dieses Liedes streng verboten. Wer es summte, riskierte Gefängnis oder Sibirien. Die Sowjets wussten genau: Dieses Lied ist gefährlich, weil es den Geist der Freiheit weckt. Dass es heute wieder aus jeder Kehle schallt, ist der ultimative Beweis dafür, dass man ein Volk vielleicht besetzen, aber seinen Willen niemals brechen kann.

​Ein Schrei in die Stille der Welt

​In den ersten Tagen des Angriffs im Februar 2022 stand der Sänger Andriy Khlyvnyuk in Uniform auf dem leeren Sophienplatz in Kyjiw. Mit einem Gewehr über der Schulter sang er acapella die ersten Strophen in die kalte Luft. Dieses Video ging um die Welt. Es war ein Weckruf.

​Doch heute, Monate und Jahre später, mischt sich in den Gesang eine bittere Note. Die Ukrainer singen gegen den Lärm der Artillerie an, aber auch gegen die dröhnende Stille und das Zögern ihrer Freunde.

Sie blicken nach Europa, das oft zögerlich wirkt, das abwägt, während in Charkiw Kinder sterben. Sie blicken über den Atlantik auf einen wankelmütigen US-Präsidenten und eine gespaltene Politik, bei der die Hilfe für das Überleben eines Volkes zum Spielball des Wahlkampfes wird.

​Für die Menschen in der Ukraine fühlt sich das an wie ein Verrat in Zeitlupe. Sie spüren, dass sie am Ende vielleicht wieder das tun müssen, was sie in ihrer Geschichte immer tun mussten: Allein stehen.

​Die rote Kalyna wird sich erheben

​Es ist eine Tragödie, dass die Welt die Lektionen der Geschichte ignoriert. Doch die Botschaft von «Червона калина» (Chervona kalyna) richtet sich nicht primär an den Westen. Sie ist eine Beschwörung der eigenen Kraft.

​Das Lied sagt den Menschen: Egal, wie sehr Europa zaudert, egal wie unberechenbar Amerika wird – wir heben die Kalyna selbst wieder an. Wir richten uns auf.

​In diesem Lied liegt der ganze Schmerz und der ganze trotzige Mut der Ukraine. Es erinnert daran, dass Tyrannen kommen und gehen, dass Imperien zerfallen, aber das Streben nach Freiheit so unsterblich ist wie die Wurzeln des Schneeballstrauchs.

​Ein Schwur gegen das Vergessen

So lange auch nur ein einziger Mensch diese Melodie summt, ist die Ukraine nicht besiegt. Das Lied ist der Anker in stürmischer See. Es mahnt uns alle, nicht wegzusehen. Denn wenn die Ukrainer singen „Hey, hey, wir werden sie aufrichten“, dann tun sie das nicht nur für sich. Sie tragen die Last der Freiheit für uns alle auf ihren Schultern. Und die Geschichte wird hart über jene urteilen, die die Kalyna haben verwelken lassen.

Die erste Strophe: Wort für Wort

«Ой у лузі червона калина похилилася,»

(Oy u luzi chervona kalyna pokhylylasya,)

Übersetzung: Oh, auf der Wiese hat sich die rote Kalyna (der Schneeballstrauch) geneigt.

Bedeutung: Die Kalyna steht aufrecht und stolz. Dass sie sich „neigt“ (похилилася), ist ein Bild für Trauer, Unterdrückung und Schwäche. Die Pflanze lässt den Kopf hängen, so wie das Volk unter der Last des Krieges oder der Fremdherrschaft leidet.

«Чогось наша славна Україна зажурилася.»

(Chohos nasha slavna Ukrayina zazhurylasya.)

Übersetzung: Aus irgendeinem Grund ist unsere rühmliche Ukraine traurig geworden (hat sich betrübt).

Bedeutung: Hier wird die Parallele gezogen. Die geneigte Pflanze ist die Ukraine. Das Wort «славна» (slavna) bedeutet rühmlich oder glorreich – ein Erinnern an die stolze Geschichte der Kosaken, die nun durch den Kummer (зажурилася) überschattet wird.

«А ми тую червону калину підіймемо,»

(A my tuyu chervonu kalynu pidiymemo,)

Übersetzung: Aber wir werden jene rote Kalyna anheben (aufrichten).

Bedeutung: Das ist der Wendepunkt. Das «А ми» (Aber wir) markiert den Übergang von der passiven Trauer zur aktiven Tat. „Aufrichten“ bedeutet hier nicht nur Gärtnerarbeit, sondern Wiederaufbau, Rettung und Widerstand. Man lässt nicht zu, dass das Symbol am Boden liegt.

«А ми нашу славну Україну, гей, гей, розвеселимо!»

(A my nashu slavnu Ukrayinu, hey, hey, rozveselymo!)

Übersetzung: Und wir werden unsere rühmliche Ukraine, hey, hey, aufheitern!

Bedeutung: Das Wort «розвеселимо» (rozveselymo) kommt von „veselo“ (fröhlich). Es bedeutet wörtlich „aufheitern“, aber im Kontext dieses martialischen Liedes bedeutet es: Wir werden die Freiheit zurückerobern, damit wieder Freude herrscht. Das «гей, гей» ist ein rhythmischer Ausruf, typisch für Kosakenlieder, der Energie und Marschbereitschaft signalisiert.

​Die Symbolik der Tat

​In diesen vier Zeilen steckt die gesamte Psychologie des aktuellen Widerstands.

​Es beginnt mit der Anerkennung des Schmerzes (die Pflanze neigt sich, das Land ist traurig).

​Aber es endet nicht dort. Es folgt sofort die kollektive Verpflichtung zur Handlung: „Wir heben sie an.“

​Es ist kein Warten auf Hilfe von außen, kein Warten auf ein zögerliches Europa. Es ist das Versprechen, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und die Dunkelheit durch eigene Kraft in Licht zu verwandeln.

Die historischen Hintergründe

Die Sitscher Schützen (Ukrajinski Sichovi Striltsi, kurz USS) waren weit mehr als nur eine militärische Einheit. Sie waren der erste organisierte Versuch der Ukraine im 20. Jahrhundert, eine eigene Armee aufzustellen und für einen eigenen Staat zu kämpfen. Man kann sie als die Urväter der modernen ukrainischen Armee betrachten.

​Hier ist ihre Geschichte, einfach und verständlich erklärt:

​1. Die Entstehung: Hoffnung durch Krieg

​Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, sah die Welt schwarz, aber viele Ukrainer sahen eine Chance. Die Ukraine war damals geteilt: Ein Teil gehörte zu Russland, der andere zu Österreich-Ungarn.

​Im russischen Teil war alles Ukrainische verboten (Sprache, Bücher, Schulen). In Österreich-Ungarn (Galizien) war es etwas lockerer.

Deshalb stellten sich ukrainische Patrioten auf die Seite Österreichs. Ihre Logik war simpel: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Sie wollten Russland besiegen, um die Ukraine aus dem „Völkergefängnis“ des Zaren zu befreien.

​2. Wer waren diese Leute?

​Das Besondere war: Das waren keine gewöhnlichen Soldaten, die eingezogen wurden. Es waren Freiwillige.

  • ​Es waren Studenten, Lehrer, Anwälte und Künstler.
  • ​Es war die junge Elite des Landes.
  • ​Sie waren hoch gebildet und extrem motiviert.

​Von 28.000 Freiwilligen durften die Österreicher nur 2.500 nehmen (sie hatten Angst vor zu viel ukrainischem Nationalstolz). Diese 2.500 bildeten die Legion der Sitscher Schützen.

​3. Der Name: Ein Rückgriff auf die Kosaken

​Der Name ist Programm. „Sitsch“ bezieht sich auf die Saporoger Sitsch, die legendäre Festung der freien Kosaken aus früheren Jahrhunderten.

Indem sie sich so nannten, sagten sie: Wir sind nicht einfach Soldaten des Kaisers in Wien. Wir sind die Erben der Kosaken. Wir kämpfen für uns.

​4. Eine Armee mit Gitarre und Stift

​Das ist der vielleicht wichtigste Punkt: Die Sitscher Schützen waren eine „Armee der Künstler“.

Weil so viele Intellektuelle dabei waren, haben sie im Schützengraben nicht nur gekämpft. Sie haben:

  • ​Schulen gegründet in den Dörfern, durch die sie zogen.
  • ​Zeitungen gedruckt.
  • ​Theaterstücke aufgeführt.
  • Lieder komponiert.

​Genau hier entstand das Lied «Ой у лузі червона калина» (Oy u luzi chervona kalyna). Der Komponist Stepan Charnetskyj und der Schütze Hryhoriy Trukh machten es zur Hymne ihrer Einheit. Sie haben die Kultur als Waffe gegen das Vergessen eingesetzt.

​5. Ihr Schicksal

​Militärisch haben sie sich extrem tapfer geschlagen, zum Beispiel in der berühmten Schlacht am Makivka-Berg gegen die russische Übermacht.

Nach dem Ersten Weltkrieg versuchten sie, die Unabhängigkeit zu verteidigen (in den Wirren um 1918-1920), wurden aber am Ende zerrieben – eingeklemmt zwischen Polen und den Bolschewiki (Sowjets).

​Was von ihnen bleibt

​Obwohl sie den Krieg damals militärisch verloren haben, haben sie den Geist der Nation gerettet. Ohne die Sitscher Schützen gäbe es heute vielleicht kein unabhängiges Kyjiw.

Sie haben bewiesen, dass Ukrainer bereit sind, für ihre Freiheit zu sterben. Ihr Erbe ist direkt spürbar: Wenn heute ukrainische Soldaten an der Front dichten, singen oder Videos machen, stehen sie in der direkten Tradition dieser Studenten in Uniform von 1914. Sie waren der Funke, der das Feuer entzündet hat, das bis heute brennt.

Wie es weiterging

Die Verbindung zwischen den Sitscher Schützen (Erster Weltkrieg) und der UPA (Zweiter Weltkrieg; Ukrainische Aufständischen Armee) ist nicht einfach nur eine lose historische Abfolge. Man kann es eher wie eine Staffelstab-Übergabe sehen – oder fast wie eine Beziehung zwischen Vater und Sohn.

​Die Sitscher Schützen lieferten den Mythos und die Erfahrung, die UPA lieferte später die radikale Härte.

​Hier ist die Brücke zwischen den beiden:

​1. Der Mann, der alles verbindet: Jewhen Konowalez

​Wenn man einen einzigen Namen kennen muss, um diese Verbindung zu verstehen, dann ist es Jewhen Konowalez.

  • ​Er war im Ersten Weltkrieg ein Kommandeur der Sitscher Schützen. Er erlebte das bittere Ende des Unabhängigkeitskampfes 1920, als die Ukraine aufgeteilt wurde.
  • ​Er wollte nicht aufgeben. Statt in den Ruhestand zu gehen, gründete er aus den Resten der Schützen die UVO (Ukrainische Militärische Organisation) und später die OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten).
  • ​Die OUN war sozusagen die politische Mutter der UPA. Konowalez war der „Vater“, der die Erfahrung der alten Schützen an die junge Generation weitergab.

​2. Vom regulären Soldaten zum Partisanen

​Hier liegt der große Unterschied, der oft übersehen wird:

  • ​Die Sitscher Schützen (USS) waren eine legale, reguläre Armee in Uniformen der österreichischen Monarchie. Sie kämpften an festen Frontlinien.
  • ​Die UPA (Ukrainische Aufständische Armee), die in den 1940ern entstand, war eine Guerilla-Armee. Sie hatten keinen Staat hinter sich, keine Verbündeten und keine Fabriken.

​Die UPA lernte von den Veteranen der Schützen, wie man militärisch denkt, musste aber Taktiken entwickeln, um im Untergrund zu überleben. Sie kämpften im Wald, nicht im Schützengraben.

​3. Das geistige Erbe: „Wir beenden, was ihr begonnen habt“

​Die Kämpfer der UPA waren oft die Söhne oder jüngeren Brüder der Sitscher Schützen. Sie wuchsen mit den Geschichten vom heldenhaften Kampf am Makivka-Berg auf.

Für die junge UPA-Generation waren die Sitscher Schützen Popstars und Heilige zugleich.

  • Die Lieder: Die UPA übernahm fast das gesamte Liedgut der Schützen. Auch «Червона калина» (Chervona kalyna) wurde von der UPA gesungen. Es war der Soundtrack, der beide Generationen verband.
  • Die Uniformen: Auch wenn sie im Wald lebten, versuchte die UPA, Elemente der Sitscher-Schützen-Uniform (wie bestimmte Mützenformen) zu tragen, um zu zeigen: Wir sind die legitimen Nachfolger.

​4. Ein tragischer Unterschied

​Die Sitscher Schützen galten (und gelten) als die „romantischen Ritter“ der ukrainischen Geschichte. Ihr Ruf ist meist makellos, sie waren Intellektuelle und Künstler.

Die UPA hingegen kämpfte einen viel schmutzigeren, brutaleren Krieg. Sie war eingekeilt zwischen den Nazis und den Sowjets (und kämpfte gegen beide) sowie gegen Polen. Die Geschichte der UPA ist daher deutlich blutiger und umstrittener, da es im Partisanenkrieg auch zu grausamen Übergriffen kam.

​Aber in der ukrainischen Selbstwahrnehmung ist die Linie klar: Die Schützen haben den Traum geträumt, die UPA hat versucht, ihn mit der Waffe zu erzwingen.

​Was bleibt am Ende?

​Man kann sagen: Ohne die Sitscher Schützen hätte es keine UPA gegeben. Die Schützen haben die Flamme entzündet, und die UPA hat sie durch die dunkelsten Stunden des 20. Jahrhunderts getragen.

​Wenn heute Soldaten in Kyjiw das Wappen der Ukraine tragen, dann tragen sie das Erbe beider Gruppen auf ihren Schultern. Die Sitscher Schützen gaben ihnen die Kultur und die Lieder, die UPA gab ihnen den bedingungslosen Willen zum Widerstand, selbst wenn der Feind übermächtig scheint.


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