
Es gibt einen Ort, an dem die großen Fragen der Menschheit endgültig geklärt werden. Nicht an der Universität, nicht in der Kirche, sondern in der Münchner S-Bahn. Zwischen Werbung für Bestattungsinstitute und Dating-Apps prangt dort die ultimative Lebensweisheit: „Man kann im Leben auf vieles verzichten. Nur nicht auf Bücher und Katzen.“
Das klingt nett. Das klingt nach warmem Tee und heiler Welt. Tatsächlich ist es aber eine passive-aggressive Kriegserklärung an jeden, der sein Leben anders gestaltet.
Analysieren wir diese These. Bücher sind der einfache Teil. Sie sind geduldig, sie riechen gut (wenn sie alt sind) und sie widersprechen nicht, wenn man Unsinn redet. Vor allem aber dienen sie dazu, Besuchern vorzugaukeln, man hätte Interessen, die über Netflix und die nächste Mahlzeit hinausgehen. Bücher sind statische Requisiten für das Theaterstück, das wir „gebildetes Leben“ nennen.
Dann ist da die Katze.
Wer behauptet, man brauche eine Katze, leidet vermutlich unter einer fortgeschrittenen Form des Stockholm-Syndroms. Denn was dieses Plakat eigentlich sagt, ist: Dein Leben ist erst dann vollständig, wenn du es mit einem kleinen, arroganten Raubtier teilst, das dich verachtet. Die Katze ist keine Gesellschaft. Sie ist ein Mitbewohner, der keine Miete zahlt, ihr Geschäft in Kisten macht und erwartet, dafür noch am Ohr gekrault zu werden.
Aber die S-Bahn-Werbung hat gesprochen. Wer keine Katzenhaare im Morgenkaffee hat und wessen Hände nicht aussehen, als hätte er versucht, einen Kaktus zu umarmen, der führt anscheinend ein sinnentleertes Dasein.
Glück ohne Katze? Laut diesem Plakat ein Irrtum.
Freiheit ohne Kratzbaum? Eine Illusion.
Wir haben uns damit abzufinden: Der moderne Mensch strebt nicht mehr nach Erkenntnis oder Fortschritt. Er strebt nach der Unterwerfung durch das Flauschige. Wer sich dem verweigert, ist verdächtig – oder einfach nur allergisch gegen Bullshit.
Wenn Sie nun glauben, ich hätte irgendwas gegen Katzen, weit gefehlt. Ich mag sie sogar. Also nicht nur mit Soße und Beilagen, sondern auch, wenn sie einem so auf der Straße oder irgendwo begegnen. Ich habe nur keine. Trotzdem hoffe ich, dass es okay ist, dass wir auch ohne Katze ein glückliches Leben führen. Das scheint nämlich auch zu gehen. Theoretisch zumindest.



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