„Unverzüglich“, oder: Was heißt hier eigentlich „deutsch“?

Wenn es ein Wort gibt, das für mich ganz eng mit der deutschen Wiedervereinigung vor 35 Jahren verbunden ist, dann ist es das Wort „unverzüglich“. Dieses etwas veraltete Wort hat durch Günther Schabowskis unbeholfene Antwort auf die Frage nach dem Geltungsbeginn der neuen DDR-Reiseregelung eine ganz beachtliche Renaissance erfahren. Als er am 9. November 1989 gegen 19 Uhr seinen berühmten Satz „Das tritt… nach meiner Kenntnis… ist das sofort… unverzüglich“ stammelte, war wohl niemandem klar, dass er damit die Mauer zu Fall bringen und Deutschland nicht einmal ein Jahr später wiedervereinigt sein würde. Am 3. Oktober 1990 war es soweit – vor 35 Jahren.

Unverzüglich ging es dann auch weiter Richtung Einheit. Bundeskanzler Helmut Kohl drückte auf’s Tempo, um die „historische Stunde“ zu nutzen. Es war der politisch gewendete Kairos-Gedanke, der Gedanke des rechten Zeitpunkts im laufenden Weltgeschehen, im universalen Chronos.

Unverzüglich begannen die Verhandlungen zum Einigungsvertrag. Für die Bundesrepublik führte neben Kanzler Kohl dessen Innenminister Wolfgang Schäuble die Verhandlungen, für die DDR stiegen de Maizière und der Parlamentarische Staatssekretär Günther Krause federführend in den Ring.

Unverzüglich nahm Helmut Kohl auch zu den vier Alliierten des Zweiten Weltkriegs Kontakt auf, die 1990 in Sachen Deutschland noch mitzureden hatten. Das waren Georg Bush und James Baker (USA), John Major und Douglas Hurd (Großbritannien), François Mitterrand und Roland Dumas (Frankreich) sowie für die UdSSR Michael Gorbatschow und Eduard Schewardnadse.

Die Verhandlungen zum Einigungsvertrag und die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen ebneten im Sommer 1990 den Weg zur Deutschen Einheit. Statt ans Meer oder in die Berge zu fahren, saßen die Politiker in Konferenzzimmern und berieten über strittige Fragen, die der Einheit Deutschlands noch im Wege standen. Mit Erfolg, wie wir heute wissen und wie wir heute feiern dürfen. Am Ende der Verhandlungen stand der „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“, unterschrieben am 12. September 1990 in Moskau. Parallel dazu liefen die innerdeutschen Verhandlungen zum Abschluss eines Einigungsvertrags, der am 29. September 1990 unterzeichnet wurde. Vier Tage danach, also: unverzüglich, konnte Deutschland die Wiedervereinigung feiern, am 3. Oktober 1990.

Unverzüglich. So könnte man den griechischen Begriff εὐϑύς (euthus) übersetzen. Er gehört zu den Lieblingsausdrücken des Evangelisten Markus – er benutzt ihn insgesamt 41mal. Allein im ersten Kapitel des Markusevangeliums kommt er neunmal vor. Er steht zumeist am Anfang eines Verses als markante Kennzeichnung der Unmittelbarkeit, mit der die darauf beschriebene Handlung in einer bestimmten Situation einsetzt. In deutschen Bibelübersetzungen wird εὐϑύς manchmal mit „sofort“, „alsbald“ oder „sogleich“, oft auch nur mit „darauf“ oder „dann“ wiedergegeben, was ein wenig die Spannung aus der Szene nimmt.

Unverzüglich. Markus will damit andeuten, wie kraftvoll und dynamisch das Auftreten Jesu ist. Hier verändert jemand die Geschichte. Mit sofortiger Wirkung. „Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam“ (Mk 1,10). „Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm“ (Mk 1,18). „Im gleichen Augenblick verschwand der Aussatz und der Mann war rein“ (Mk 1,42). Mit einem Wort: Unverzüglich.

Die Botschaft: Das Reich Gottes hat schon begonnen. Hier und jetzt.

Wenn uns also jemand fragt, wann Gott sich endlich in der Geschichte zeigt, können wir Günther Schabowski zitieren: „Das tritt… nach meiner Kenntnis… ist das sofort… unverzüglich“. Und als katholische Christen in Deutschland dürfen wird glauben, dass mit der Wiedervereinigung vielleicht nicht das Paradies auf Erden entstand, dass Gott sich aber in diesem großen Jahr der deutschen Geschichte – von November 1989 bis Oktober 1990 – besonders wohlwollend zeigte. Denn ohne Blutvergießen gelang es, zwei so unterschiedliche Staaten zusammenzuführen. Und das auch noch – unverzüglich!

Haben wir das wirklich verstanden? Wenn ja, dann sollten wir achtgeben auf unsere Demokratie. Dann sollten wir die Freiheit, die wir genießen, nicht für selbstverständlich nehmen. Und dann sollten wir darüber nachdenken, was es eigentlich heißt, „deutsch“ zu sein.

Die Definition des „Deutsch-Seins“ ist gar nicht so einfach. Gehört „Deutsch-Sein“ zum Wesen meiner Person? Ist es etwas Ontologisches, also ein Ausdruck meines Seins? Oder einfach ein So-Sein, eine Eigenschaft? Und ist es dann ein unveränderliches Konstitutionsmerkmal wie etwa die Blutgruppe oder ist es ein Distributionsmerkmal, das sich auch ändern kann?

Das hat eine individuelle (Gefühls-)Ebene (da geht es um Volk und Nation) und eine kollektive (Rechts-)Ebene (da geht es um Zugehörigkeit und Staatsbürgerschaft). Beides sollte man nicht durcheinanderbringen. Zu jemandem zu sagen, sie oder er könne keine Deutsche oder kein Deutscher sein, verlangt eine Erläuterung, welche Ebene damit angesprochen sein soll. Eigentlich ist es aber auch klar: Die rechtliche kann es nicht sein, weil „Deutsch-Sein“ ja gerade über den Besitz der Staatsangehörigkeit bestimmt wird (Art. 116 GG) und die Erteilung der deutschen Staatsangehörigkeit nach geltendem Recht auch Menschen gewährt wird, die vormals „Ausländer“ waren. 

Also wird bei einer solchen Meinung, Ausländer könnten keine „richtigen“ Deutschen werden, weil sie keine Deutschen sind, „Deutsch-Sein“ als Kategorie des Gefühlsempfindens in Anschlag gebracht. Mehr noch: Es muss zunächst eine wichtige Kategorie des Gefühlsempfindens sein, sonst würde man „Deutsch-Sein“ nicht (ständig) thematisieren, so als gäbe es nichts Anderes, zumindest aber nichts Wichtigeres in und auf dieser Welt.

Die vier Mütter und 61 Väter des Grundgesetzes schrieben in den Art. 116 GG nicht „Deutscher ist…“, sondern wesentlich bescheidener: „Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist…“. Solange dieses Grundgesetz gilt, läuft es freilich de facto auf das gleiche hinaus, nur depotenziert Art. 116 GG in seinem konventionalistischen Charakter die hehre Ontologie der Nationalität.

Die 30 Jahre zuvor verabschiedete Weimarer Reichsverfassung sprach noch vom „deutschen Volk, einig in seinen Stämmen“. Deutschland hatte damals einen ethnisch definierten Volksbegriff. Die Vorstellung eines „deutschen Volkes“, das aus „deutschen Stämmen“ besteht, ist eine Idee des 19. Jahrhunderts. Im 20. Jahrhundert trieb sie extrem krude Blüten. Im 21. Jahrhundert hat sie nichts mehr verloren.

Das Abstammungskriterium des ius sanguinis führt – wenn man es denn ernst nimmt – in einen unendlichen Regress, denn wenn derjenige Deutscher ist, der deutsche Eltern hat, dann ja nur deshalb, weil seine Eltern deutsch sind, was bedeutet, dass die Eltern der Eltern wiederum deutsche Eltern gehabt haben müssen usw. Entweder waren also Adam und Eva Deutsche (für die Kreationisten) oder „Lucy“ und ihr Mann (für die Evolutionisten).

Wer ein statisches Konzept von Zugehörigkeit vertritt (und wer sagt, jemand kann im Hinblick auf das „Deutsch-Sein“ nicht werden, was er nicht schon ist, gehört sicher dazu), muss eine Lösung finden. In der Tat behalf man sich hierzulande mit einem Stichtag: Eine nach dem 1. Januar 1975 geborene Person erhält die deutsche Staatsangehörigkeit qua Abstammung, wenn ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Eine Pragmatik, die mit der feierlichen Bedeutungsschwere eines ethnisch-biologistischen „Deutsch-Seins“ bricht. Und das Ende eines abstammungszentrierten Staatsangehörigkeitsrechts einleitete. Heute wird die deutsche Staatsangehörigkeit in den meisten Fällen erworben durch Geburt oder durch Einbürgerung. Beides führt gleichermaßen dazu, dass jemand „deutsch“ ist.

Das dynamische Konzept von Zugehörigkeit im Gemeinschaftskriterium des ius soli, das fast überall auf der Welt in Abstufungen gilt, sieht das verbindende Element eines Volk weniger in den Genen, sondern vielmehr in der Lebenswirklichkeit. Wer sich gemeinsam an einem Zusammenleben auf einem bestimmten Territorium interessiert zeigt (schon dadurch, dass er dort dauerhaft lebt) soll zum Volk gehören, wenn er bestimmte Mindestanforderungen an Sprach- und Kulturkenntnis erfüllt und sich mit den grundlegenden Bedingungen des Zusammenlebens, die auf dem bestimmten Territorium herrschen, einverstanden erklärt. 

Volk als Kategorie ethnisch-biologistischen Denkens wird von einem sozialen Volkskonzept abgelöst. Nicht die historische Verwandtschaft, sondern die gegenwärtigen und künftigen Aufgaben, die sich uns stellen, halten uns zusammen. Diese Perspektive ist schon deswegen sinnvoll, weil es andere Bindungskräfte zwischen Menschen gibt, die weit stärker prägen als die Nationalität. Ich denke an die Religion, die Weltanschauung oder die Zugehörigkeit zu einem Kulturkreis oder einer Kommunikationsgemeinschaft. Diese bilden sich heute kaum noch über feste ethnische Konstitutionen, sondern über frei gewählte Lebensformen. Und das ist gut so.

Josef Bordat


Entdecke mehr von god.fish

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

1 Arbeit Architektur Bayern Berlin Beziehung Beziehungen Bibel Bilder blau Blumen Christen Christentum Corona Coronavirus demokratie Details Deutschland Donald Trump EKD Essay Essen Ethik EU Europa Evangelisch Farben Flüchtlinge Fotografie Fotos frieden funny.casa Gedanken Gedichte gelb Gemeinde Geschichte Gesellschaft Gesundheit Glaube Gott grün Herbst Highlight Hoffnung Humor Impressionen italien Jesus Jesus.casa Katholisch kinder Kirche Klimaerwärmung krankheit Krieg Kultur Kunst Leben Lebenshilfe Liebe Medien menschen Menschenrechte Musik Musikgeschichte münchen München inside Nachgedacht Nato Natur neu Olaf Scholz Ostern Pandemie philosophie photography Politik Psychologie Putin Religion Russland Satire Sprache sunshine.casa Theologie Tod Toleranz Ukraine Universum Urlaub usa verantwortung video Weihnachten winter Wirtschaft yellow.casa Zivilcourage Zukunft


Kommentare

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von god.fish

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen