
Es gibt diese Momente. Der Kopf ist leer, die Motivation im Keller, und die Hand zuckt fast automatisch in Richtung Hosentasche. Wir wollen „nur mal kurz schauen“. Ein bisschen digital abhängen. Doch wohin die Daumen steuern, ist längst keine zufällige Wahl mehr. Es ist eine bewusste Entscheidung für den seelischen Zustand, den wir uns als Nächstes verabreichen wollen.
Das Smartphone ist unsere Stimmungs-Apotheke, und jede App ist eine Kapsel mit garantierten Nebenwirkungen.
Haben wir leichte Melancholie und das diffuse Bedürfnis, uns daran zu erinnern, dass die Zeit vergeht? Dann öffnen wir Facebook. Es ist das digitale Wartezimmer der Vergangenheit. Der Algorithmus, ein digitaler Gerontologe, spült uns zuverlässig Inhalte vor die Augen, die uns milde nostalgisch stimmen. Hier, zwischen den Kochrezepten der Schwiegermutter und Werbung für Treppenlifte, taucht er plötzlich auf: ein alter Bekannter. Man sieht das Foto seines neuen Hundes. „Aha“, denken wir. „Der auch.“ Es ist ein sanftes Rauschen, das Gefühl, noch irgendwie verbunden zu sein, ohne den Aufwand echter Kommunikation.
Völlig anders die Stimmungslage „Hirn aus, Flimmern an“. Dafür ist Instagram zuständig. Wer sich hier verliert, sucht nicht nach Verbindung, sondern nach Betäubung. Es ist die unerschöpfliche Quelle der mittelmäßigen haha-Effekte. Ein Tsunami aus Kurzvideos: Hunde, die komisch schauen. Menschen, die tanzen, obwohl sie es nicht sollten. Tricks, die fehlschlagen. Jedes Video ein Mini-Schmunzler, gerade genug Dopamin, um den Daumen zur nächsten Dosis schnippen zu lassen. Man lacht nicht richtig, man konsumiert visuelles Fast-Food, bis man zwei Stunden später benommen aufblickt und sich fragt, ob man heute schon gegessen hat.
Und dann, ja dann gibt es die Tage, an denen der Blutdruck einfach zu niedrig ist. An denen man das Gefühl hat, die Welt sei zu friedlich. Man braucht einen Reibungspunkt, man will gestresst werden. Man will sich aufregen. Willkommen bei X (ehemals Twitter). Dies ist die Adrenalin-Spritze unter den Apps. X ist der Ort, an dem man garantiert unangenehme Typen trifft, und zwar sofort. Es ist die globale Bühne für jeden, der morgens aufsteht und beschließt, dass die Welt seine schlechteste Meinung jetzt sofort ungefiltert braucht. Man öffnet die App, liest drei Kommentare und spürt, wie die Halsschlagader pocht. Es ist herrlich destruktiv. Man geht nicht zu X, um sich zu informieren. Man geht zu X, um zu fühlen, dass man noch lebt – meistens durch reine, unverfälschte Wut.
So wählen wir also nicht mehr die App nach dem, was wir tun wollen, sondern nach dem, wie wir uns fühlen wollen. Ob sanft eingelullt, hypnotisch betäubt oder eben voll auf Krawall gebürstet. Das Smartphone ist der Katalog, wir sind der Kunde. Und der Akku ist oft das Einzige, was uns vor uns selbst rettet.



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