
Der Blick aus dem Fenster dieser Tage ist eine Lektion in Minimalismus. Kein Wölkchen, das sich vom anderen abhebt, keine Kontur, kein Kontrast. Der Himmel über München hat sich für einen einzigen Farbton entschieden und zieht ihn mit bewundernswerter Konsequenz durch. Das Ergebnis erinnert an eine frisch gestrichene Raufasertapete, die niemand abgeholt hat.
Man muss der Wetterlage allerdings eines lassen: Sie ist ehrlich. Wo andere Regionen mit dramatischen Wolkentürmen, Abendrot und Regenbögen angeben, liefert München im Oktober eine Gleichmäßigkeit, die schon wieder beruhigend wirkt. Man weiß, woran man ist. Die Sonne hat sich offenbar bis auf Weiteres krankgemeldet, ein ärztliches Attest liegt nicht vor.
Besonders beeindruckend ist die Nuancenvielfalt. Es gibt Taubengrau, Betongrau, Gewitterfast-Grau und das leicht hellere Grau, das sich um die Mittagszeit kurz für einen Aufheller hält. Wer jetzt noch behauptet, Grau sei nur eine Farbe, hat noch nie im Herbst zwischen Isar und Marienplatz auf einen Sonnenstrahl gewartet.
Die Münchner nehmen es gelassen. Man trägt Jacke, schaut kurz nach oben und seufzt wie jemand, der ein Dauerabo für schlechte Aussichten besitzt. Der Biergarten ist inzwischen in die Winterpause gegangen, nicht aus Frust, sondern aus realistischer Einschätzung der Lage. Auch die Berge, sonst verlässlicher Hintergrund jeder Postkarte, haben sich diskret hinter dem Dunst zurückgezogen. Vermutlich wollen sie das Spektakel nicht mitansehen.
Trotzdem gilt: Schlimmer geht immer, aber grauer eigentlich nicht mehr. Wir haben den Zenit der Farblosigkeit erreicht. Ab hier kann es nur noch bunter werden, und sei es durch den ersten Schnee oder, realistischer, durch die Lichterketten auf dem Christkindlmarkt.
Bis dahin hilft ein bewährtes Rezept: Kaffee, Decke, Fensterplatz. Und die feste Überzeugung, dass der Himmel irgendwann wieder blau wird. Spätestens im Mai. Wahrscheinlich.



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