Genießen. Aber richtig.

Es gibt diesen Satz, der sich nach Freiheit anfühlt: „Du lebst nur einmal.“ Er schickt dich auf Reisen, in Clubs, zu deinem ersten Tattoo, ins Abenteuer. Und er hat einen wahren Kern. Aber er hat auch eine Schattenseite: Wenn ich das Zentrum bin, wird Genuss schnell zur Jagd. Mehr, intensiver, schneller. Und am Ende fragst du dich, warum du trotz allem so leer bist.

Die Bibel erzählt von einem, der genau das ausprobiert hat. Das Buch Prediger stellt einen König in Jerusalem vor, der alles hatte: Reichtum, Macht, Weisheit, Feste, Gärten, Musik. Die Tradition verbindet diese Figur mit Salomo. Nach heutigem Forschungsstand stammt das Buch aber nicht wirklich von ihm. Sprache und Gedankenwelt deuten auf eine deutlich spätere Zeit hin, wahrscheinlich auf die Jahrhunderte nach dem Exil. Der unbekannte Autor schlüpft in die Rolle des weisen Königs, um zu zeigen: Wenn jemand alles ausprobieren konnte, dann er. Der Text selbst nennt ihn „Kohelet“, den Versammlungsleiter oder Prediger.

Und was sagt dieser Kohelet? Er habe seinem Herzen keine Freude verweigert. Und dann zieht er Bilanz: alles Windhauch, wie dem Wind hinterherzulaufen. Genuss, der nur um mich selbst kreist, sättigt nicht.

Aber im selben Buch steht ein Satz, der überrascht: Iss dein Brot mit Freude und trink deinen Wein mit gutem Mut. Und: Genieße das Leben mit dem Menschen, den du liebst. Das Genießen ist also nicht das Problem. Es hängt davon ab, woher du es nimmst und wohin es dich führt.

Was sagt die Theologie dazu?

Zwei Dinge sind wichtig:

  • Genuss ist von Gott gewollt. Schon in der Schöpfungsgeschichte nennt Gott seine Welt „sehr gut“. Essen, Schönheit, Liebe, Lachen, Natur: Das ist kein Zugeständnis an unsere Schwäche, sondern Absicht. Paulus schreibt, Gott gibt uns alles reichlich, damit wir es genießen. Wer Freude verteufelt, wird dem Schöpfer nicht gerecht.
  • Genuss ist ein Geschenk, kein Besitz. Wenn ich etwas als Gabe sehe, richtet sich mein Blick automatisch auf den Geber und auf die Menschen um mich. Dann wird aus „Ich hole mir, was ich verdiene“ ein „Ich darf empfangen und weitergeben„.

Jesus selbst war übrigens ein Mensch, der gefeiert hat. Seine ersten Zeichen geschahen auf einer Hochzeit, wo er Wasser in Wein verwandelte. Seine Gegner nannten ihn „Fresser und Weinsäufer“. Und gleichzeitig war er der, der sich für andere verschenkt hat. Beides gehört bei ihm zusammen.

Wie sieht das im Alltag aus?

  • Das Essen mit Freunden. Handy weg, Zeit lassen, lachen. Aber auch: den Platz freihalten für die, die sonst allein am Tisch sitzen.
  • Der Urlaub. Ja, buch ihn, genieß ihn. Und vielleicht nimmst du jemanden mit, der sich so etwas nie leisten könnte, oder gibst etwas von dem, was du sparen konntest.
  • Der freie Samstag. Schlaf aus, geh raus, tanke auf. Ruhe ist keine Faulheit, sondern schon in der Bibel ein Gebot. Gott selbst hat am siebten Tag ausgeruht.
  • Der Erfolg. Feiere ihn, ohne dich dafür zu rechtfertigen. Und danke denen, die dich getragen haben.

Der Unterschied, der alles verändert

Egoistischer Genuss fragt: Was bekomme ich? Geschenkter Genuss fragt: Wofür bin ich dankbar, und wen kann ich daran teilhaben lassen? Das zweite Leben ist übrigens das intensivere. Freude, die geteilt wird, wird nicht kleiner, sondern größer.

Du musst dich also nicht entscheiden zwischen „Ich genieße mein Leben“ und „Ich denke an andere“. Beides zusammen ist genau das, wofür du gemacht bist.

Genieß es. Und lass andere mitfeiern.

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