Es ist kein „Ukrainekrieg“. Es ist Russlands Angriffskrieg.

Wörter sind keine Etiketten. Sie sind Türen. Und manche führen in ein Haus, in dem die Wahrheit nicht mehr wohnt.

Wenn wir „Ukrainekrieg“ sagen, passiert etwas Unmerkliches und zugleich Gewaltiges: Das Land, das überfallen wurde, steht plötzlich im Zentrum des Satzes. Die Ukraine wird zum Namensgeber, zum Subjekt, fast zum Verursacher. Der, der angegriffen hat, verschwindet. Kein Täter, kein Befehl, kein Entschluss. Nur ein Krieg, der irgendwie „in der Ukraine“ stattfindet, wie ein Unwetter, wie ein Erdbeben, wie etwas, das eben geschieht.

Aber dieser Krieg ist kein Naturereignis. Er wurde gewollt. Geplant. Befohlen. Am 24. Februar 2022 hat ein Staat die Grenze eines anderen überschritten, um ihn zu unterwerfen. Dahinter steht kein Schicksal, sondern eine Entscheidung. Und wo es eine Entscheidung gibt, gibt es Verantwortung.

Wer „russischer Angriffskrieg“ sagt, spricht aus, was ist. Drei Wörter, die jeweils etwas leisten: Russisch nennt den, der handelt. Angriff nennt die Richtung der Gewalt. Krieg nennt, was es ist, ohne Verharmlosung. Ja, es sind mehr Silben. Aber Wahrheit war noch nie kurz, weil sie sich nicht abkürzen lässt, ohne etwas zu verlieren. Und hier verlieren wir mit der Kürze den Täter.

Denken Sie an die Menschen, um die es geht. An die Mutter in Charkiw, die nachts im Keller sitzt. An das Kind, das den Unterschied zwischen Drohne und Rakete am Geräusch erkennt. An die Frau, die ihr Haus nicht mehr findet, weil dort nur noch Staub liegt. Sie leben keinen „Ukrainekrieg“. Sie erleiden einen Krieg, den ihnen jemand gebracht hat. Wenn wir ihnen die Benennung des Täters verweigern, nehmen wir ihnen ein Stück ihrer Würde: die Anerkennung, dass ihnen Unrecht geschieht.

Wie Sprache unsere Wirklichkeit baut

Die Psychologie und die Sprachwissenschaft sind sich seit Langem einig: Wir erleben die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir sie in Worte fassen. Sprache ist kein Fenster, durch das wir neutral hinausschauen. Sie ist die Brille, die bestimmt, was wir überhaupt sehen.

Framing. Der Linguist George Lakoff hat gezeigt, dass jedes Wort einen ganzen Deutungsrahmen mitbringt. Der Begriff „Ukrainekrieg“ ruft einen Rahmen auf, in dem das Land selbst das Problem ist: ein „Konfliktgebiet“, ein „Krisenherd“, ein Schauplatz. „Russischer Angriffskrieg“ ruft einen anderen Rahmen auf: Aggression und Verteidigung, Recht und Unrecht, Täter und Opfer. Wer den Rahmen setzt, setzt die Schlussfolgerungen gleich mit.

Agency und Passivierung. Unser Gehirn sucht in Sätzen nach einem Handelnden. Fehlt er, füllt es die Lücke nicht mit dem Täter, sondern mit Diffusität. Studien zur Sprache von Gewalt zeigen, dass passivische oder täterlose Formulierungen („Es kam zu Gewalt“) Schuldzuschreibungen abschwächen und Empathie mit den Opfern verringern. Ein Krieg, der „ausgebrochen“ ist, hat keinen, der ihn begonnen hat.

Kognitive Entlastung. Das Gehirn liebt Kürze, weil sie Energie spart. Gerade deshalb setzen sich bequeme Begriffe durch, selbst wenn sie ungenau sind. Der kurze Begriff ist der leichtere Weg. Aber Bequemlichkeit ist selten ein guter Ratgeber, wenn es um Wahrheit geht. Wer bewusst die längere Formulierung wählt, trainiert sein Denken: Er entscheidet sich gegen die Abkürzung.

Soziale Konstruktion der Wirklichkeit. Berger und Luckmann beschrieben, dass das, was wir „Realität“ nennen, immer auch ein gemeinsames Gespräch ist. Wirklichkeit entsteht, indem wir sie benennen, wiederholen und teilen. Jedes Mal, wenn wir einen Begriff benutzen, stimmen wir stillschweigend für die Weltsicht, die in ihm steckt. Sprache ist eine tägliche Abstimmung über das, was wahr sein darf.

Gewöhnung. Und genau hier liegt die Gefahr. Was wir hundertmal hören, wird normal. Was normal ist, wird nicht mehr hinterfragt. Wer täglich „Ukrainekrieg“ liest, gewöhnt sich an eine Erzählung, in der niemand schuld ist. Wer täglich „russischer Angriffskrieg“ liest, behält im Kopf, dass hier jemand etwas getan hat und dass es hätte unterbleiben können.

Der Preis der Genauigkeit

Man kann sagen: Es sind doch nur Wörter. Aber die Geschichte lehrt das Gegenteil. Jede Gewalt beginnt zuerst in der Sprache, die sie rechtfertigt, und jede Straflosigkeit beginnt mit der Sprache, die den Täter unsichtbar macht. Russland selbst spricht von einer „militärischen Spezialoperation“. Das ist kein Zufall, sondern Strategie: Wer das Wort kontrolliert, kontrolliert die Wahrnehmung. Wenn wir die Wörter der Täter übernehmen oder ihre Verschleierung unbewusst mittragen, helfen wir ihnen, ohne es zu wollen.

Deshalb zwei Wörter statt einem. Deshalb die Mühe. Weil jede Silbe davon ein kleiner Akt der Gerechtigkeit ist.

Sagen wir es, wie es ist: Das ist kein Krieg der Ukraine. Das ist kein Krieg in einem fernen Land. Das ist ein Krieg, den Russland begonnen hat, gegen ein Nachbarland, das nichts getan hat, außer frei sein zu wollen.

Und wer das ausspricht, steht auf der Seite der Wahrheit. Und der Menschen, die sie mit ihrem Leben bezahlen.


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