
„Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“
Als Max Liebermann diesen Satz im Januar 1933 sprach, sah er vom Fenster seiner Villa am Brandenburger Tor aus die Fackelzüge der Nazis vorbeimarschieren. Ein Satz wie ein Magenschlag. Ein Satz aus schierer Verzweiflung, Ekel und Fassungslosigkeit.
Fast ein Jahrhundert später schnürt sich derselbe Kloß im Hals wieder zu.
In Magdeburg ist gestern das passiert, was viele bis zuletzt für unvorstellbar hielten: Ein Abgeordneter der rechtsextremen AfD wurde an die Spitze des Parlaments gewählt – getragen von Stimmen ausgerechnet jener bürgerlichen Abgeordneten, die jahrelang geschworen hatten, eine Brandmauer zu sein. Kurz darauf folgt ein völkischer Scharfmacher als Vizepräsident. Die sogenannte Brandmauer? Sie ist nicht heroisch gefallen. Sie wurde klammheimlich, feige und opportunistisch im Hinterzimmer abgeräumt. Und die Rechtfertigungen aus der Mitte klingen wie Hohn: Man sei von den anderen Parteien quasi „dazu gezwungen“ worden.
Genau hier liegt die Tragödie der letzten Jahre: Während die Feinde der offenen Gesellschaft auf Social Media, auf Marktplätzen und an Stammtischen mit glühendem Hass, Ressentiments und hemmungsloser Leidenschaft auf Stimmenfang gehen, antworten die demokratischen Parteien mit gähnender Apathie. Mit Aktenordnern. Mit juristischem Klein-Klein, zähen Arbeitskreisen und bürokratischen Pressemitteilungen, die mit Phrasen wie „Wir verurteilen diesen Vorgang auf das Schärfste“ beginnen und im Nichts verpuffen.
Man besiegt Faschisten nicht mit Fußnoten. Wer Menschen für die Freiheit gewinnen will, muss ihr Herz erreichen.
Die Getränkekiste auf dem Bebelplatz
Wie es anders geht, zeigte Boris Pistorius in dem Moment, als die Berliner Politikblase noch in Schockstarre verharrte. Er hielt keine staubige Grundsatzrede vor Mikrofonwänden. Er zitierte Liebermanns Wut. Er packte seine Fraktion, marschierte schnurstracks zum Bebelplatz – dorthin, wo 1933 die Bücher brannten –, stieg auf eine schnöde Getränkekiste und sprach Klartext: Das hier ist kein Tag für betuliche Betroffenheit. Das ist ein Tag der Wut. Ein Tag, an dem Steigbügelhalter der Demokratie ins Gesicht gespuckt haben. Und am Ende stimmte er die Nationalhymne an – nicht aus dumpfem Nationalismus, sondern um den Rechten das Symbol zu entreißen, das für Einigkeit, Recht und Freiheit steht.
Manche nannten das pathetisch oder „cringe“. Aber genau dieses Naserümpfen ist das Problem. Wer glaubt, Politik sei bloß ein technokratischer Reparatur-Betrieb für Steuersätze und Formulare, hat die Seele des Menschen nicht verstanden. Demokratie ist kein Gesetzestext, der im Regal verstaubt. Demokratie ist ein Versprechen: Dass du lieben kannst, wen du willst. Dass deine Herkunft nicht über deinen Wert entscheidet. Dass du in Freiheit über dein eigenes Leben bestimmst. Dieses Versprechen verteidigt man nicht mit halblautem Gemurmel, sondern mit spürbarem Feuer.
Was jede und jeder Einzelne tun kann
Die größte Lüge, die uns gelähmt hält, ist das Gefühl von Ohnmacht. Niemand muss auf den nächsten Wahltag oder eine Rede aus Berlin warten, um den Kurs zu ändern:
- Das Schweigen am Esstisch brechen: Wenn rassistische Sprüche in der Familien-WhatsApp-Gruppe, in der WG-Küche oder im Verein fallen, kostet Widerspruch Mut. Doch jedes weggeduckte Schweigen signalisiert stillschweigende Zustimmung. Laut und klar zu sagen: „Nein, das ist nicht normal, und ich akzeptiere das hier nicht“, setzt Grenzen.
- Den Algorithmus stören: Hass und Hetze dominieren Feeds, weil Empörung Reichweite generiert. Wir müssen Gegenliebe und klare Kante mindestens genauso laut machen. Teilt die Wut, teilt die Hoffnung, widersprecht in den Kommentaren, lasst den Extremisten nicht die digitale Lufthoheit.
- Räume besetzen und sichtbar sein: Ob spontane Demo, die Initiative vor Ort oder das gemeinsame Singen gegen Rechts: Präsenz zeigt allen, die bedroht werden, dass sie nicht allein sind. Demokratie braucht Gesichter, Schultern und Stimmen auf der Straße.
- Politik wieder persönlich nehmen: Demokratie ist keine Dienstleistung, die man konsumiert und dann über den Service meckert. Bring dich ein – in Jugendorganisationen, Gewerkschaften, NGOs oder Kulturzentren. Mische dich dort ein, wo entschieden wird.
Wut ist kein Makel. Wut ist die gesunde, lebensnotwendige Reaktion darauf, dass uns jemand das nehmen will, wofür Generationen vor uns gekämpft haben:
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, oder um es nicht mit den Worten der französischen Revolution zu sagen, sondern so, dass man es bei uns versteht: für die Demokratie und den Rechtsstaat. Lasst uns diese Wut nicht in Resignation ersticken, sondern in Mut verwandeln.
Quellen:
- Pausch, Robert: SPD-Bundestagsfraktion: Ein Moment mit historischer Wucht – und Boris Pistorius erkennt ihn, DIE ZEIT (online), 7. Oktober 2026.
- Historischer Ausspruch von Max Liebermann, Berlin, 30. Januar 1933.



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