
Die Tyrannei des Nützlichen oder: Warum Bodo keinen Rembrandt an die Wand schraubt
Es gibt Orte in diesem Land, Oasen der Baukultur, in denen Licht und Stein eine überlegte Ehe eingegangen sind. Wohnanlagen, die nicht einfach nur gebaut, sondern komponiert wurden. Hier leben Menschen, die den Unterschied zwischen einem Zuhause und einer bloßen Unterkunft verstehen. Sie haben für Symmetrie, für eine durchdachte Farbgebung und für das unbezahlbare Gefühl bezahlt, in etwas Schönem zu wohnen.
In eine solche Oase zog Bodo Effizienz.
Bodo ist kein schlechter Mensch. Er ist ein Mann der Zahlen, ein Jünger der Excel-Tabelle. Für ihn besteht die Welt aus optimierbaren Prozessen. Ein Sonnenstrahl ist für Bodo kein poetischer Moment, sondern ungenutztes Photonen-Potenzial. Die elegante, in makellosem Weiß gehaltene Fassade seines neuen Heims war für ihn daher auch kein architektonisches Statement, sondern primär eine „unrentable vertikale Fläche“.
Eines Tages, beim Durchscrollen eines Gadget-Blogs, hatte Bodo eine Erleuchtung, wie sie nur ein Mann seines Schlages haben kann: das Balkonkraftwerk. Ein schwarzes, rechteckiges Stück purer Logik. Die Rechnung war bestechend einfach: Anschaffungskosten geteilt durch Sonnenscheindauer minus Strompreis ergibt eine Amortisationsrate, die Bodos Herz höherschlagen ließ als jeder Sonnenuntergang.
Die bevorstehende Eigentümerversammlung war für ihn nur eine Formsache. Er bereitete eine Präsentation vor, die vor Effizienz nur so strotzte: Diagramme, Amortisationskurven, CO₂-Einsparungs-Matrizen. Er würde den Miteigentümern das Evangelium der Nützlichkeit predigen.
Doch er traf auf Frau Dr. von Schöngeist.
Frau Dr. von Schöngeist ist Kunsthistorikerin. Sie sieht die Welt nicht in Zahlen, sondern in Kompositionen. Als Bodo seine Vision von der „Optimierung der Fassaden-Nutzfläche“ darlegte, verzog sie keine Miene. Nachdem er geendet hatte, ergriff sie das Wort, nicht laut, aber mit dem Gewicht von Jahrhunderten der Kulturgeschichte.
„Herr Effizienz“, begann sie sanft, „Ihre Kalkulationen sind beeindruckend. Aber sie beantworten die falsche Frage. Sie haben uns exakt vorgerechnet, was wir gewinnen. Sie haben nur leider nicht verstanden, was wir dabei verlieren.“
Ein Raunen ging durch den Raum.
„Wir leben hier“, fuhr sie fort, „in einem preisgekrönten architektonischen Entwurf. Der Wert dieses Hauses bemisst sich nicht nur an seiner Bausubstanz, sondern an seiner Schönheit. An der Harmonie der weißen Fassade, die durch das Spiel von Licht und Schatten lebt. Was Sie vorschlagen, ist, als würde man einer griechischen Statue eine praktische, aber hässliche Digitalkamera um den Hals hängen. Es ist, als würde man auf ein Rembrandt-Gemälde ein Post-it mit dem aktuellen Goldpreis kleben.“
Bodos Gesicht war eine Mischung aus Verwirrung und Ungeduld. Man konnte sehen, wie sein Gehirn versuchte, den Begriff „Schönheit“ in eine Zelle seiner Tabelle einzusortieren. Er fand keinen passenden Spaltennamen.
„Aber… es ist doch nützlich!“, platzte es aus ihm heraus. „Es macht Strom!“
Frau Dr. von Schöngeist lächelte milde. „Mein Herr, ein Vorschlaghammer ist auch nützlich. Dennoch benutzen wir ihn nicht als Briefbeschwerer auf einem Schreibtisch aus Glas. Die höchste Form menschlicher Intelligenz besteht nicht darin, alles dem reinen Nutzen zu unterwerfen, sondern zu erkennen, wann der Nutzen hinter die Ästhetik zurücktreten muss. Das ist der Unterschied zwischen Zivilisation und Barbarei.“
Bodo verstand nicht. Für ihn war das Gerede von „Harmonie“ und „Komposition“ intellektueller Nebel, eine obskure Störvariable in seiner ansonsten perfekten Gleichung. Er sah in den Gesichtern der anderen Eigentümer, dass die seltsame Magie dieser Frau funktionierte. Man nickte. Man murmelte zustimmend. Man hatte verstanden, dass der Wert ihres Eigentums untrennbar mit seiner Schönheit verbunden war.
Der Antrag wurde abgelehnt. Man beschloss stattdessen, die unsichtbare Solaranlage auf dem Dach zu erweitern. Eine Lösung für alle, die niemandem wehtut.
Bodo Effizienz sitzt seitdem auf seinem makellosen Balkon, blickt auf die unberührte weiße Brüstung und murmelt in sein Smartphone: „Ineffizient. Völlig ineffizient.“ Er hat bis heute nicht verstanden, dass es Dinge gibt, deren Wert sich nicht in Kilowattstunden messen lässt. Und dass ein Zuhause mehr ist als nur eine Maschine zum Wohnen.






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