
Hand aufs Herz: Die Idee klingt erstmal super. Jedes Kind ein iPad, alle die gleiche Technik, die gleichen Apps, die gleichen Möglichkeiten. Für gestresste Lehrerinnen und Lehrer, die sich neben Unterricht, Korrekturen und Elternabenden auch noch um die IT kümmern sollen, ist das der wahrgewordene Traum. Kein Gefrickel mit hundert verschiedenen Geräten, keine Kompatibilitätsprobleme, keine Ausreden à la „Bei mir geht das aber nicht“. Es funktioniert einfach. Das ist das große „es-funktioniert-einfach-Argument“, und es ist verdammt überzeugend.
In ganz Deutschland, von Bayern bis Schleswig-Holstein, folgen Schulträger und Ministerien dieser Sirene der Einfachheit. Sie investieren – beziehungsweise lassen die Eltern investieren – massiv in das Ökosystem eines einzigen, amerikanischen Tech-Giganten. Die Verwaltung der Geräte über ein zentrales System ist ein Kinderspiel, die Sicherheit im geschlossenen „Garten“ von Apple ist hoch und die Bedienung ist intuitiv. Pädagogisch wird argumentiert, dass der Unterricht reibungsloser läuft, wenn die Technik in den Hintergrund tritt. Das ist die eine Seite der Medaille, die so schön glänzt.
Drehen wir die Medaille aber mal um. Was wir da sehen, ist weniger glänzend, sondern wirft ernste Fragen auf. Die wichtigste lautet: Bilden wir unsere Kinder zu digital mündigen Bürgern aus oder trainieren wir sie nur zu perfekten Anwendern eines einzigen, kommerziellen Systems? Echte digitale Kompetenz bedeutet doch, Probleme lösen zu können, egal auf welcher Plattform. Sie bedeutet, die Logik hinter Systemen zu verstehen, flexibel zu sein und nicht aufzugeben, wenn mal etwas nicht auf Anhieb klappt. Wenn wir aber eine ganze Generation nur noch darin schulen, auf einem iPad zu wischen, ist das so, als würde man in der Fahrschule nur noch Automatikautos erlauben. Man lernt, das Fahrzeug zu bedienen, aber nicht unbedingt, das Autofahren in all seinen Facetten zu verstehen.
Und dann ist da die Sache mit dem Geld. Hier wird es besonders konkret. In Bayern beispielsweise versucht man, die finanzielle Last für die Familien mit einer staatlichen Förderung von bis zu 350 Euro pro Gerät abzufedern. Das klingt auf dem Papier gut, ist aber oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Bei Gerätepreisen, die häufig weit über 500 Euro liegen, bleibt für die Eltern nicht selten ein erheblicher Eigenanteil übrig. Das schafft eine massive soziale Schieflage. Was ist mit Familien, für die auch dieser Eigenanteil eine riesige Belastung ist, oder die mehrere schulpflichtige Kinder haben? Zudem ist dieses bayerische Modell nicht deutschlandweiter Standard. Anderswo fällt die Unterstützung geringer aus oder die Kosten müssen komplett privat getragen werden. Die viel gepriesene Chancengleichheit bekommt da einen ordentlichen Kratzer. Das Ganze wird als Modernisierungsoffensive verkauft, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen aber als Mogelpackung, bei der der Staat sich aus seiner Verantwortung zur vollständigen Lernmittelfreiheit stiehlt.
Schließlich ist das Ganze ein gigantisches Marketingprogramm, finanziert mit öffentlichen Geldern oder dem Geld der Eltern. Kinder und Jugendliche werden über Jahre an ein einziges Ökosystem gewöhnt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie später privat zu Produkten desselben Herstellers greifen, ist enorm hoch. Ein besseres Kundenbindungsprogramm kann man sich kaum ausdenken. Das Prinzip der Wettbewerbsneutralität, dem die öffentliche Hand eigentlich verpflichtet ist, wird hier mit Verweis auf pädagogische und administrative Zwänge mal eben über Bord geworfen.
Die Entscheidung für die Einfachheit ist verständlich, aber sie ist kurzsichtig. Sie opfert langfristige pädagogische Ziele und gesellschaftliche Verantwortung auf dem Altar der administrativen Bequemlichkeit.
Der bessere Weg wäre ein plattformoffener Ansatz. Anstatt ein Produkt vorzuschreiben, sollten Schulen technische Standards definieren: Das Gerät muss eine Stifteingabe unterstützen, eine bestimmte Akkulaufzeit haben und webbasierte Anwendungen flüssig darstellen können. Ob das Gerät dann von Apple, Samsung, Microsoft oder einem anderen Hersteller kommt und mit iOS, Android oder Windows läuft, wäre zweitrangig. Das würde echten Wettbewerb ermöglichen, die Preise senken, die soziale Last fairer verteilen und vor allem die Schülerinnen und Schüler zu dem machen, was sie sein sollen: anpassungsfähige und kritische Nutzer in einer vielfältigen digitalen Welt – und nicht nur perfekt trainierte Kunden für den nächsten Apple Store.



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