Ein Plädoyer für Schlechterwisser

Warum falsches Wissen manchmal das beste ist

Jeder kennt ihn. Jeder fürchtet ihn. Den Besserwisser. Er lauert an Kaffeemaschinen, bei Familienfeiern und in Online-Foren, stets bereit, ungefragt zu korrigieren, zu optimieren und einem das Gefühl zu geben, man hätte die letzten Jahre intellektuell unter einem Stein verbracht. Der Besserwisser ist der Endgegner jedes entspannten Gesprächs.

Aber heute soll es nicht um ihn gehen. Heute widmen wir uns seinem sympathischen, chaotischen und herrlich nutzlosen Gegenstück: dem Schlechterwisser.

Ein Schlechterwisser ist das genaue Gegenteil. Er hat auch zu allem eine Meinung und einen Ratschlag, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Seine Informationen sind fast immer falsch. Und das ist seine Superkraft. Während der Besserwisser mit präzisen Fakten nervt, bezaubert der Schlechterwisser mit einem Feuerwerk an kreativer Ahnungslosigkeit. Er ist der Meister des gefährlichen Halbwissens, bei dem die Gefahr aber längst durch puren Unterhaltungswert ersetzt wurde.

Der Schlechterwisser in freier Wildbahn

Man erkennt ihn nicht sofort, denn er tritt mit dem gleichen felsenfesten Selbstvertrauen auf wie sein besserwisserisches Pendant. Der Unterschied offenbart sich erst im Detail.

Stellen wir uns eine typische Szene vor. Anna und Tom stehen ratlos vor einem neuen Regal des schwedischen Möbelgiganten.

Anna: „Ich glaube, diese Schraube hier ist eine U-7. Aber in der Anleitung sieht sie anders aus.“

Plötzlich tritt David, der Schlechterwisser des Freundeskreises, ins Zimmer. Er mustert die Szene mit der Miene eines erfahrenen Ingenieurs.

David: „Ach Quatsch, das ist doch ganz klar eine Z-9! Die haben sie nur in der Anleitung falsch abgedruckt, das passiert ständig. Die U-Schrauben sind für die Wandmontage in Altbauwohnungen aus den 1920er-Jahren gedacht. Weiß doch jeder.“

Tom: „Bist du sicher? Wir haben doch gar keinen Altbau.“

David: „Spielt keine Rolle! Vertrau mir. Nimm einfach den Hammer und klopf sie rein. Ein bisschen Schwund ist immer. Mein Onkel, der war ja Schreiner in Finnland, hat immer gesagt: ‚Was nicht passt, wird passend gemacht.‘ Oder war es mein Cousin in Dänemark? Egal, das Prinzip ist universell.“

Anna und Tom tauschen einen Blick. Sie wissen beide, dass Davids Onkel Briefträger in Bochum ist. Sie werden seinen Rat selbstverständlich ignorieren. Aber sind sie genervt? Kein bisschen. Sie sind amüsiert. David hat die angespannte Situation mit einer Welle herzlicher Inkompetenz aufgelockert.

Warum wir Schlechterwisser brauchen

Der Besserwisser will glänzen. Er nutzt Wissen als Waffe, um sich über andere zu erheben. Der Schlechterwisser hingegen will einfach nur helfen – auf seine ganz eigene, spektakulär ineffektive Art und Weise. Seine Ratschläge sind keine Korrekturen, sondern eher kreative Vorschläge, die man getrost ignorieren kann.

Er hat noch weitere Vorteile:

  • Er stärkt das eigene Ego: Nach einem Gespräch mit einem Schlechterwisser fühlt man sich sofort klüger. Man hat gerade gelernt, dass Paris die Hauptstadt von Spanien ist und Pinguine hervorragend fliegen können. Das hebt die Laune.
  • Er ist unterhaltsam: Die Geschichten, die aus den Ratschlägen eines Schlechterwissers entstehen, sind legendär. Wer erinnert sich nicht gerne an den Grillabend, als er erklärte, man könne Alufolie problemlos in die Mikrowelle legen, „um die Aromen zu bündeln“?
  • Er senkt den Erwartungsdruck: In einer Welt, die ständig nach Perfektion strebt, ist der Schlechterwisser ein wandelndes Plädoyer für das charmante Scheitern. Er zeigt uns, dass es völlig in Ordnung ist, mal keine Ahnung zu haben – und das mit Begeisterung.

Also, das nächste Mal, wenn Ihnen jemand mit leuchtenden Augen erklärt, dass der Eiffelturm eigentlich aus Holz gebaut wurde oder dass man einen Sonnenbrand am besten mit Senf behandelt, seien Sie nicht verärgert. Lächeln Sie. Sie haben soeben einen echten Schlechterwisser entdeckt. Schätzen Sie ihn, denn er macht die Welt zwar nicht klüger, aber definitiv viel, viel lustiger.


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