Wo ist Jesus jetzt eigentlich?

Eine Spurensuche in Emmaus – und im Gesicht des Nächsten.

Nach großen, einschneidenden Ereignissen stellt sich oft eine seltsame Leere ein. Der Trubel ist vorbei, die Emotionen kühlen ab, und die Frage nach dem „Und jetzt?“ steht im Raum.

In einer ähnlichen Stimmung der Verwirrung und Enttäuschung müssen sich die Jünger nach der Kreuzigung und den ersten Gerüchten von der Auferstehung befunden haben. Jesus, der Mittelpunkt ihres Lebens, war weg. Hingerichtet. Und obwohl es Erzählungen von einem leeren Grab gab, war nichts davon wirklich greifbar.

In dieser Situation finden sich zwei Jünger auf dem Weg nach Emmaus wieder. Sie kehren Jerusalem, dem Ort des Geschehens, den Rücken. Sie gehen weg. Und genau in dieser Geschichte aus dem Lukasevangelium liegt eine Art Masterclass verborgen, wie die Gegenwart Jesu nach Ostern zu verstehen ist. Es ist eine Anleitung von bleibender Aktualität.

Das große Missverständnis: Wenn der Gesuchte direkt neben einem geht

Das Faszinierendste an der Emmaus-Geschichte ist zunächst, was nicht passiert. Jesus gesellt sich zu den beiden Jüngern, aber sie erkennen ihn nicht. Die Bibel formuliert diesen Zustand auf geniale Weise: „Ihre Augen waren wie gehalten“. Dies beschreibt mehr als eine einfache Verkleidung. Es ist ein tiefgründiger Hinweis darauf, dass die Jünger mit völlig falschen Erwartungen unterwegs waren. Sie suchten den Jesus von vor dem Karfreitag, den leibhaftigen Meister, so wie sie ihn kannten. Eine neue Form seiner Gegenwart konnten sie sich schlicht nicht vorstellen.

Darin spiegelt sich eine zutiefst menschliche Erfahrung. Oft wird das Göttliche in den großen, lauten Wundern gesucht, in den perfekten Momenten, und dabei im Alltäglichen übersehen – im Unscheinbaren, im Fremden, der den eigenen Lebensweg kreuzt. Die Jünger waren blind für die Realität, weil sie in ihrer Trauer und ihren alten Bildern gefangen waren.

Die Enthüllung in zwei Akten: Wie die Augen aufgehen

Die Geschichte zeigt dann aber ganz konkret, wo und wie die Gegenwart Christi erfahrbar wird. Es sind zwei zentrale Momente, die als die Grundpfeiler des christlichen Glaubenslebens bezeichnet werden können:

  1. Das brennende Herz beim Hören (Die Gegenwart im Wort): Jesus beginnt, ihnen die Schrift auszulegen. Er setzt die alten Worte in einen neuen Kontext und bezieht sie auf sich. Er redet. Und etwas geschieht mit den Jüngern. Später werden sie sagen: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns die Schrift erschloss?“ Hier findet die erste Form der Begegnung statt: im Wort. Wenn die Bibel nicht nur ein altes Buch bleibt, sondern zu einer lebendigen Ansprache wird, die das Herz berührt und wärmt, dann ist Christus real gegenwärtig.
  2. Die offenen Augen beim Teilen (Die Gegenwart im Sakrament): Der absolute Höhepunkt ist die Szene im Haus. Jesus nimmt das Brot, spricht den Lobpreis, bricht es und gibt es ihnen. In genau diesem Moment, in dieser Handlung, die aus dem Abendmahl oder der Eucharistie bekannt ist, „wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn“. Im gemeinsamen, rituellen Mahl, im Teilen des Brotes, verdichtet sich seine Gegenwart zu einer unmissverständlichen Erkenntnis.

Der eigentliche Clou: Christus im Anderen und die Theologie dahinter

Genau hier kommt der Punkt, der alles zusammenführt und für den Alltag so entscheidend ist. In dem Moment, als sie ihn erkennen, verschwindet er. Warum? Weil die Jünger ihre Lektion gelernt haben. Sie brauchen ihn nicht mehr als physisch fassbare Einzelperson vor sich. Sie wissen jetzt, wo sie ihn finden können: im Wort und im Mahl – und damit in der Gemeinschaft, die sich um Wort und Mahl versammelt.

Damit ist eines der kraftvollsten Konzepte der Theologie berührt: der „Leib Christi“. Der Apostel Paulus hat es immer wieder betont: Die Gemeinschaft der Gläubigen ist kein Fanclub, sondern der lebendige Körper, durch den Christus heute in der Welt handelt. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat dies radikal auf den Punkt gebracht mit seiner Formel von „Christus als Gemeinde existierend“. Für Bonhoeffer ist die Kirche die reale, gegenwärtige Gestalt Christi auf Erden. In der Begegnung mit einem Mitchristen findet also eine Begegnung mit einem Teil von Christus selbst statt.

Die Emmaus-Geschichte ist der narrative Beweis dafür. Die Jünger begegnen dem realen, auferstandenen Christus in der Gestalt eines fremden Mitmenschen. Seine Präsenz ist echt, aber eben vermittelt durch eine menschliche Erscheinung.

Dieser Gedanke geht sogar noch über die Kirchengrenzen hinaus. Jesus selbst sagt in der berühmten Rede vom Weltgericht (Matthäus 25): „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Die Begegnung mit dem Hungrigen, dem Fremden, dem Kranken ist eine direkte, reale Begegnung mit Christus.

Die Suche nach Jesus ist somit keine Suche nach einer verschwundenen Person. Sie ist die Einladung, die Augen des Herzens zu öffnen für seine vielfältige, aber sehr reale Gegenwart: im Gespräch über den Glauben, im gemeinsamen Mahl, in der Gemeinschaft der Glaubenden und ganz besonders in der unerwarteten Begegnung mit dem Menschen nebenan. So wird der Weg nach Emmaus zum Bild für jeden Lebensweg.


Entdecke mehr von god.fish

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

1 Arbeit Architektur Bayern Berlin Beziehung Beziehungen Bibel Bilder blau Blumen Christen Christentum Corona Coronavirus demokratie Details Deutschland Donald Trump EKD Essay Essen Ethik EU Europa Evangelisch Farben Flüchtlinge Fotografie Fotos frieden funny.casa Gedanken Gedichte gelb Gemeinde Geschichte Gesellschaft Gesundheit Glaube Gott grün Herbst Highlight Hoffnung Humor Impressionen italien Jesus Jesus.casa Katholisch kinder Kirche Klimaerwärmung krankheit Krieg Kultur Kunst Leben Lebenshilfe Liebe Medien menschen Menschenrechte Musik Musikgeschichte münchen München inside Nachgedacht Nato Natur neu Olaf Scholz Ostern Pandemie philosophie photography Politik Psychologie Putin Religion Russland Satire Sprache sunshine.casa Theologie Tod Toleranz Ukraine Universum Urlaub usa verantwortung video Weihnachten winter Wirtschaft yellow.casa Zivilcourage Zukunft


Kommentare

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von god.fish

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen