
Manche Architekturbüros scheinen eine besondere Vorliebe dafür zu haben, ihre Arbeitsweise als „Philosophie“ zu bezeichnen. Wenn wir uns eine derartige Selbstproklamation jedoch genauer ansehen, welche die „Philosophie“ eines solchen Büros darlegen soll, drängt sich der Eindruck auf, dass es sich hierbei vor allem um eine Meisterleistung im Gebrauch von Floskeln handelt, die den eigentlichen Sinn des Wortes „Philosophie“ gekonnt umgeht.
Beginnen wir mit der tiefsinnigen Erkenntnis, dass „Architektur für uns mit dem Begreifen von Bezügen beginnt“. Wer hätte das gedacht? Offenbar ist es für diese Vordenker der Baukunst eine revolutionäre Idee, dass ein Gebäude nicht einfach so aus dem Nichts entsteht. Die Aufzählung von „Ort, Bauaufgabe, Bedarf, Funktion, die passende Gestaltung, Angemessenheit und Wirtschaftlichkeit“ als „Grundlagen für das reibungslose Zusammenspiel aller Komponenten“ ist so bahnbrechend, dass man fast geneigt ist, sie mit den Thesen eines Aristoteles zu vergleichen. Oder vielleicht doch eher mit einer Checkliste für den Projektstart, die jedes halbwegs organisierte Büro pflegt.
Weiter geht es mit der cleveren Verknüpfung von „äußerer und innerer Form, dem Schaffen von Räumen und Raumsequenzen“ und der „Auswahl von Materialien im Einklang mit funktionalen, konstruktiven, gebäudetechnischen und energetischen Konzepten“. Man stelle sich vor, ein Architekt würde dies nicht intelligent miteinander verbinden! Das wäre ja, als würde ein Koch behaupten, er würde Zutaten nicht so mischen, dass sie schmecken. Die Rede von „anspruchsvollen Aufgabenstellungen, die mit Kompetenz analysiert, präzisiert, gesteuert und unter Einschaltung erforderlicher Spezialisten umgesetzt werden“, zeigt eine bewundernswerte Fähigkeit, Selbstverständlichkeiten in bedeutungsschwere Sätze zu verpacken. Es klingt fast so, als ob andere Büros einfache Aufgaben inkompetent unpräzise ungesteuert und ohne Spezialisten umsetzen würden.
Der Abschnitt über die qualifizierte Kostenermittlung und -steuerung sowie die ständige Kontrolle von Vorgaben ist ebenfalls ein Höhepunkt der Erleuchtung. Die kontinuierliche Überprüfung der „gesetzten Parameter“ ist zweifellos ein Indikator für höhere Einsicht, nicht nur für gewissenhaftes Arbeiten. Und die Entwicklung von „dauerhaften Ideen und Strukturen“ sowie deren „bauliche Umsetzung“ ist eine Erkenntnis, die vermutlich auch schon beim Bau der Pyramiden von Gizeh eine Rolle spielte – damals vielleicht noch ohne das Label „Philosophie“.
Den krönenden Abschluss bildet das „ganzheitliche“ Verständnis der Arbeit – vom Vorentwurf bis zur Fertigstellung. Welch ein Weitblick! Und die Krönung: Das Bewusstsein der „gesellschaftlichen Verantwortung“ zwischen „Kreativität, Vision und pragmatischer Bedarfserfüllung„. Hier wird deutlich, dass das Büro nicht nur Gebäude baut, sondern auch ein tiefes Verständnis für die Gesellschaft hat. Es jongliert gekonnt mit den großen Fragen des Seins, während es in Wirklichkeit bloß sicherstellt, dass die Toilette am richtigen Ort ist und die Heizung funktioniert.
Es lässt sich also feststellen, dass dieser Text eine faszinierende Fallstudie darüber ist, wie man alltägliche Büroprozesse in eine Aura von philosophischer Tiefe hüllt. Man könnte fast meinen, statt eines Bauplans würde hier die Kritik der reinen Vernunft für den nächsten Wohnkomplex entworfen. Am Ende bleibt die Frage: Wenn das die „Philosophie“ ist, was ist dann die eigentliche Arbeit?



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