
Zwischen Licht und Schatten
Liebe Leserinnen und Leser,
während wir in München heute das herrliche Wetter genießen – blauer Himmel, Sonnenschein, frühlingshafte Temperaturen – erreichen uns gleichzeitig Nachrichten von Krieg und Zerstörung. Die russische Armee wirft ihre Bomben in der Ukraine ab, in Israel herrscht weiter Anspannung, es wird um Geiseln gebangt und die Sicherheit des Landes ist ein ständiges Thema. Der Gazastreifen ist weitgehend zerstört und die Zerstörung setzt sich fort. Das Gute und das Böse, Licht und Schatten – all das existiert gleichzeitig in unserer Welt. Wie gehen wir mit dieser Koexistenz der Extreme um? Dazu möchte ich Ihnen heute einige Gedanken und Erkenntnisse dazu anbieten.
Die Dualität des Lebens akzeptieren
Eine der grundlegendsten Erkenntnisse der Psychotherapie ist die Akzeptanz der Dualität des Lebens. Wir Menschen neigen dazu, die Welt in „gut“ und „böse“, „richtig“ und „falsch“ einzuteilen. Doch die Realität ist oft viel komplexer und widersprüchlicher. Wie wir gerade erleben, können Freude und Leid, Schönheit und Schrecken, Hoffnung und Verzweiflung nebeneinander existieren.
Der bekannte Psychoanalytiker Carl Gustav Jung sprach viel über die Integration des Schattens. Er war der Ansicht, dass jeder Mensch eine „Schattenseite“ besitzt – Aspekte unserer Persönlichkeit, die wir verdrängen oder ablehnen. Aber auch im kollektiven Sinne existiert ein Schatten, der sich in Kriegen und Grausamkeiten manifestiert. Jung betonte, dass Heilung und Ganzheit nur entstehen können, wenn wir uns unseren Schattenaspekten stellen und sie integrieren, anstatt sie zu ignorieren oder zu verdrängen. Dies gilt sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft. Die Realität, dass es Leid gibt, muss anerkannt werden, auch wenn sie schmerzhaft ist.
Die menschliche Fähigkeit zur Resilienz
Inmitten des Schreckens und der Verzweiflung dürfen wir die unglaubliche Fähigkeit des Menschen zur Resilienz nicht vergessen. Resilienz ist die psychische Widerstandsfähigkeit – die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Es ist erstaunlich zu sehen, wie Menschen in den schlimmsten Situationen Hoffnung bewahren, Gemeinschaft aufbauen und Wege finden, weiterzuleben.
Der Psychologe Viktor Frankl, der die Gräuel des Holocaust überlebte, betonte in seinem Werk „Man’s Search for Meaning“ die Bedeutung der Sinnfindung selbst unter extremsten Bedingungen. Er stellte fest, dass diejenigen, die einen Sinn in ihrem Leiden sahen – sei es die Hoffnung auf Wiedersehen mit geliebten Menschen oder der Wunsch, anderen zu helfen – eine höhere Überlebenschance hatten. Die Frage ist nicht nur, was das Leben von uns erwartet, sondern auch, was wir vom Leben erwarten können. Wenn wir einen Sinn finden, können wir auch in schwierigen Zeiten Kraft schöpfen.
Wie können wir mit dieser Realität umgehen?
- Achtsamkeit und Bewusstheit: Es ist wichtig, sich der Realität bewusst zu sein, ohne sich von ihr überwältigen zu lassen. Achtsamkeit hilft uns, im Hier und Jetzt zu bleiben und die guten Momente wahrzunehmen, während wir die schwierigen nicht verleugnen.
- Umgang mit Gefühlen: Es ist völlig normal, Angst, Wut, Trauer oder Ohnmacht angesichts der Weltlage zu empfinden. Verdrängen Sie diese Gefühle nicht, sondern erlauben Sie sich, sie zu spüren. Sprechen Sie mit Vertrauten darüber oder suchen Sie professionelle Hilfe, wenn die Belastung zu groß wird.
- Grenzen setzen: Die ständige Konfrontation mit negativen Nachrichten kann unsere psychische Gesundheit stark beeinträchtigen. Es ist wichtig, bewusst Pausen einzulegen und sich von der Nachrichtenflut abzugrenzen.
- Sich engagieren – auch im Kleinen: Das Gefühl der Ohnmacht kann lähmend sein. Doch jeder von uns kann einen Beitrag leisten, sei es durch Spenden, ehrenamtliche Arbeit oder einfach nur durch das Zeigen von Empathie und Mitgefühl in unserem direkten Umfeld. Der Psychologe Albert Bandura sprach von der Selbstwirksamkeitserwartung – dem Glauben an die eigene Fähigkeit, eine Situation zu beeinflussen. Auch kleine Handlungen können dieses Gefühl stärken.
- Die guten Dinge wertschätzen: Gerade in Zeiten der Krise ist es essenziell, die positiven Aspekte des Lebens nicht aus den Augen zu verlieren. Das schöne Wetter, die Natur, liebevolle Beziehungen – diese Momente der Freude sind keine Verleugnung des Leidens, sondern eine wichtige Quelle der Kraft und des Ausgleichs.
Ein abschließender Gedanke
Die Co-Existenz von Gutem und Bösem ist eine fundamentale Bedingung des menschlichen Daseins. Sie fordert uns heraus, unsere eigene innere Haltung zu überprüfen und zu entwickeln. Indem wir die Realität anerkennen, unsere Gefühle zulassen, uns abgrenzen und uns engagieren, können wir einen Weg finden, mit diesen Extremen umzugehen, ohne an ihnen zu zerbrechen.
Was bedeutet diese Dualität für Sie persönlich, und wie gelingt es Ihnen, mit ihr zu leben?



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