
Es ist wirklich rührend, wie manch einer – ganz vereinzelt – noch an den „Charme“ Russlands geglaubt hat. Eine Art exotischer Duft, der sich vielleicht nach Wodka, Verklärung und einer Prise staatlich verordneter Nostalgie anfühlte. Man dachte an Ballett, vielleicht ein paar goldene Kuppeln, und ignorierte geflissentlich die unangenehmen Details wie politische Morde, Korruption im Großhandel und das, was man früher als „Sowjetunion 2.0“ belächelt hätte.
Doch seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine ist dieser sogenannte Charme nicht nur im Keller. Nein, er hat sich selbst ein endgültiges Grab geschaufelt, irgendwo unter den Trümmern von Mariupols Theatern und den Leichenfeldern von Butscha. Er liegt jetzt da, tief begraben unter einer dicken Schicht aus Kriegsverbrechen, Propaganda und unverschämter Lügerei. Selbst die hartnäckigste Grabschänder-Sonde würde nichts mehr finden als den Geruch von Verwesung und die Erkenntnis, dass hier nichts mehr zu holen ist.
Man könnte Ihnen heute ein Schloss, ein ganzes Königreich in Russland anbieten. Mit persönlich zugewiesem Chefkoch, einem lebenslangen Abo für Staatsfernsehen und der Garantie, dass Ihr Essen immer frei von Novichock ist. Und was würden Sie tun? Sie würden nicht nur dankend ablehnen, Sie würden mit Entsetzen und vielleicht einem leichten Unwohlsein in der Magengegend reagieren. Denn selbst der prunkvollste Palast ist dort nur eine vergitterte Einbahnstraße in die Bedeutungslosigkeit, deren Endstation das russische Staatssystem ist. Freiheit? Ach, die ist in Russland eher ein Gerücht, das man nur noch in Geschichtsbüchern findet, und selbst die sind längst überarbeitet und zensiert worden.
Russlands Charme, so es ihn jemals gab, ist nicht nur tot; er wurde ermordet, zerstückelt, bombardiert, verschleppt und in den eigenen Permafrost verbannt. Und wer weiß, vielleicht ist das ja auch ganz gut so. Denn wo kein Charme mehr ist, da kann man auch nicht mehr getäuscht oder verführt werden. Und in der heutigen Zeit ist Täuschung bekanntlich die russischste aller Tugenden.



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