
In einem kleinen Dorf am Rande eines dichten Waldes wurden Emil und Jonas nur wenige Wochen auseinander geboren. Ihre Eltern waren Nachbarn, und so wuchsen sie wie Brüder auf. Schon als Kleinkinder krochen sie gemeinsam durch die Gärten, bauten Sandburgen und erforschten jedes Versteck im nahegelegenen Wald.
Mit sechs Jahren schworen sie sich, immer beste Freunde zu bleiben – ein feierlicher Handschlag unter ihrer selbstgebauten Baumhütte besiegelte das Versprechen. Kein Tag verging, ohne dass sie gemeinsam durch Felder rannten, Bäche überquerten oder sich in Fantasiewelten verloren. Emil war der Mutigere, Jonas der Nachdenklichere – zusammen ergänzten sie sich perfekt.
Doch als sie älter wurden, führte das Leben sie auf unterschiedliche Wege. Jonas zog mit seiner Familie in die Stadt, während Emil im Dorf blieb. Der Abschied war tränenreich, aber sie schrieben sich Briefe – richtige Briefe, auf Papier, mit selbst gezeichneten Karten und Geschichten über ihr Leben.
Jahre vergingen. Die Briefe wurden seltener, aber wenn sie sich sahen, war es, als hätte sich nichts geändert. Sie sprachen über alles, lachten über alte Streiche und erzählten sich von ihren Sorgen. Als Emil eine schwierige Zeit durchmachte, war Jonas da – und als Jonas kurz vor einer wichtigen Prüfung in Panik geriet, war es Emil, der ihn ermutigte.
Dann kam der Tag, an dem Jonas heiratete – und es war selbstverständlich, dass Emil sein Trauzeuge wurde. Jahre später, als Emil sein erstes Kind bekam, wurde Jonas der Patenonkel. Ihre Leben verliefen unterschiedlich, doch die Freundschaft blieb.
Eines Tages, viele Jahrzehnte später, saßen sie auf einer alten Parkbank, mit Falten im Gesicht, aber noch immer dem gleichen Funkeln in den Augen. „Weißt du noch, unser Schwur unter der Baumhütte?“ fragte Emil lachend.
Jonas nickte. „Beste Freunde – ein Leben lang.“
Und so war es geblieben.



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