
Es war ein ganz normaler Nachmittag in einem kleinen Café am Rande der Stadt. Die Kellnerin, eine freundliche junge Frau mit einem Dutt, der viel zu streng für ihre lockere Art wirkte, brachte gerade die zweite Runde Cappuccino zu einem Mann, der in ein Notizbuch kritzelte. Als sie die Tasse vor ihm abstellte, fragte sie beiläufig:
„Alles gut?“
Der Mann, ein schmaler Kerl mit einem leicht wirren Blick, legte den Stift ab, hob die Augenbrauen und schaute sie an, als hätte sie ihm soeben die Existenz von Außerirdischen bestätigt.
„Alles gut?“, wiederholte er langsam, fast ehrfurchtsvoll. „Wie können Sie das fragen? Nichts ist doch wirklich gut. Haben Sie sich mal die Inflation angesehen? Oder die Klimakrise? Oder, ganz banal, das Brötchen da drüben – viel zu trocken!“
Die Kellnerin blinzelte irritiert. „Äh… ich meinte nur, ob der Cappuccino schmeckt.“
„Der Cappuccino ist in Ordnung“, sagte der Mann und lehnte sich zurück. „Aber ‚alles gut‘ impliziert, dass es keine Probleme gibt. Dabei gibt es immer Probleme. Zum Beispiel, warum kostet ein Cappuccino mittlerweile 4,50 Euro? Und warum sind die Zimtstreuer in Cafés immer so schlecht? Haben Sie darüber mal nachgedacht?“
„Ich… ähm…“, begann die Kellnerin, aber der Mann ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Und was ist mit der Sprache? ‚Alles gut‘ – das ist doch eine völlig leere Floskel! Ist es wirklich alles gut, wenn wir täglich von Krisen und Konflikten hören? Oder meinen Sie vielleicht, dass das Gute relativ ist?“
„Ich… ich wollte nur nett sein“, sagte die Kellnerin, während sie sich nervös eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich.
„Nett sein? Ah, ein weiterer gesellschaftlicher Zwang! Warum müssen wir immer nett sein? Warum nicht ehrlich? Zum Beispiel, ich finde die Musik hier im Café grauenhaft. Dieser Fahrstuhl-Jazz – eine Beleidigung für die Ohren! Und überhaupt, was macht Jazz überhaupt zu Jazz? Improvisation? Emotion? Das könnten wir stundenlang diskutieren!“
„Ähm… vielleicht wollen Sie mit jemand anderem darüber reden?“
„Mit wem denn? Niemand redet mehr, alle starren nur auf ihre Smartphones! Aber das ist auch so ein Thema, die Technik! Haben Sie bemerkt, wie die Digitalisierung unsere sozialen Strukturen zerfrisst? Früher hatten die Leute Gespräche, jetzt schicken sie Emojis! Apropos Emojis, was halten Sie eigentlich von der Ästhetik des Lach-Smiley?“
„Ich… ich denke nicht oft darüber nach“, stotterte die Kellnerin und wich einen Schritt zurück.
„Das sollten Sie aber! Alles ist miteinander verbunden! Der Lach-Smiley ist ein Symbol für unsere kulturelle Verflachung. Und das bringt mich zur Philosophie. Kennen Sie Kierkegaard? Der Typ hat mal gesagt, dass der Mensch immer zwischen Verzweiflung und Hoffnung schwankt. Und genau das erleben wir hier! Ich verzweifle an diesem Zimtstreuer, aber ich hoffe, dass es eines Tages bessere geben wird!“
„Ich… ich hole mal meinen Chef“, sagte die Kellnerin und floh hektisch in Richtung Tresen.
Der Mann nahm einen Schluck von seinem Cappuccino und murmelte: „Alles gut… was für ein Unsinn.“
Hinter ihm seufzte ein anderer Gast. „Darf ich kurz einwerfen, dass ‚alles gut‘ eigentlich aus der Philosophie des Stoizismus stammt?“
Und so begann die nächste Diskussion.



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