Unplattbar platt

Es gibt Momente im Leben, da zeigt einem das Material der Moderne, wo der Hammer hängt. Oder in meinem Fall: wo der Platten ist. Mein Fahrradreifen, angeblich unplattbar, hat sich entschieden, diese Bezeichnung eher als Lebensphilosophie zu betrachten – „unplattbar“ im Sinne von „ich hab keinen Bock mehr“. Statt ihn zu reparieren, sitze ich hier und schreibe. Denn warum sich mit Gummi, Werkzeug und schmutzigen Händen abmühen, wenn man das Dilemma auch in blumige Prosa verpacken kann?

Natürlich weiß ich, dass es schneller gehen würde, den Reifen einfach zu reparieren. Schlauch raus, neuer Schlauch rein, aufpumpen, fertig. Eine Sache von, sagen wir, 20 Minuten. Aber wo bleibt da die Persönlichkeitsentwicklung? Was wäre ich für ein Mensch, wenn ich Probleme einfach löse, anstatt sie erst intellektuell zu verarbeiten?

Stattdessen sinniere ich darüber, wie absurd es ist, dass der Reifen überhaupt platt ist. Ist er nicht ein Symbol für das große Versagen moderner Technologieversprechen? Hatte ich nicht fest damit gerechnet, nie wieder einen Tropfen Schweiß in diese Sache zu investieren? Doch hier bin ich, mit einem Fahrrad, das mich wortlos daran erinnert, dass Marketing-Slogans keine physikalischen Gesetze ersetzen.

Natürlich könnte ich jetzt aufstehen, die Ärmel hochkrempeln und das Problem in Angriff nehmen. Aber es fühlt sich so viel sinnvoller an, den epischen Kampf zwischen mir und einem Stück Gummi erst einmal aufzuschreiben. Der wahre Held dieses Dramas ist schließlich nicht der Schraubenschlüssel, sondern mein Durchhaltevermögen, mich vor der eigentlichen Aufgabe zu drücken.

Doch während ich so tippe, merke ich: Das Schreiben ist nur eine Flucht. Der Reifen bleibt platt, egal wie viele Worte ich darüber verliere. Also gut. Laptop zu, Flickzeug raus. Es mag unplattbare Reifen geben – aber den unaufhaltsamen Schub, den ein repariertes Fahrrad verleiht, den gibt’s nur mit sauberen Händen und einem Hauch von Talkumpuder. Bye bye, Komfortzone !


Nachtrag 17:15 Uhr:

okay, war ein bisschen optimistisch gerechnet. Es waren jetzt keine 20 Minuten, sondern 45. Dafür fährt das Ding nun wieder. Unplattbar forever.


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