Der respektlose Respekt-Kanzler

Symbolbild: Olaf Scholz


Olaf Scholz, der als Bundeskanzler einst ein Image der Zurückhaltung und des kühlen Pragmatismus pflegte, hat nach seiner vor wenigen Tagen verlorenen Vertrauensfrage einen irritierenden Kurswechsel vollzogen. Er, der Gescheiterte, will ja frohgemut erneut Kanzler werden und schreibt schon seit längerem „Respekt“ auf die Fahnen. Sein jüngstes Auftreten aber lässt Zweifel an ebenjener von ihm für sich selbst behaupteten Tugend aufkommen, die er so beharrlich propagiert. Nach der verlorenen Vertrauensfrage keilte er nämlich öffentlich in einem Fernsehinterview gegen seinen Mitbewerber Friedrich Merz mit der Aussage „Fritze Merz erzählt gern Tünkram.

Ein Kanzler, der öffentlich und gezielt in einen rhetorischen Straßenkampf auf respektlosem Level mit dem Oppositionsführer Friedrich Merz beginnt, wirkt wie ein schlecht gelaunter Hafenarbeiter, der kurz vor Feierabend noch einmal grob austeilt. Nicht das von ihm verwendete Schimpfwort „Tünkram“ als solches, den Merz angeblich von sich gebe, ist dabei das Problem – Plattdeutsch für dummes Zeug oder Unsinn – und für sich allein genommen noch nicht so drastisch, wie manch anderer verbaler Seitenhieb. Nein, es ist das herablassende „Fritze“, mit dem Scholz den CDU-Spitzenkandidaten Merz abkanzelt, und der dabei völlig ironiefreie, unversöhnliche Ton, der den fatalen Eindruck erweckt: Hier haut einer um sich, der es besser wissen müsste.

Wenig hilfreich ist dieser Giftspritzerei-Modus in einer Lage, in der der demokratische Diskurs schon gefährlich schlingert. Kurz nach dem Zerbrechen der Ampelkoalition ist der politische Wettstreit längst zum verbalen Bodenkampf mutiert, anstatt ein notwendiges Kräftemessen ums bessere Konzept für die Zukunft zu sein. Vom selbsternannten Respekt-Kanzler dürfte man erwarten, dass er sich nicht auf das Niveau einer Schulhofrauferei herablässt, sondern das Land mit Souveränität, Klugheit und zumindest einem Rest an Anstand führt.

Immerhin ist die Weltlage ernst. Der nächste US-Präsident, Donald Trump, steht in den Startlöchern, Deutschland ächzt unter realen Herausforderungen, und die AfD hält sich in Umfragen hartnäckig auf hohem Niveau. Wer den Populisten wirklich etwas entgegensetzen will, tut gut daran, sich nicht in ihren rauen Ton hineinziehen zu lassen. Wenn Scholz tatsächlich Respekt einfordert, dann soll er ihn auch zeigen, statt hämisch nachzutreten und nebenbei die politische Debatte zu verrohen.

Vielleicht fände es Herr Scholz auch nicht so respektvoll, wenn es – vielleicht sogar zu Recht – hieße: Der Scholze erzählt gerne Tünkram?

Quelle und mehr Infos: ZEIT vom 19.12.24, Titelseite.


Entdecke mehr von god.fish

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

1 Arbeit Architektur Bayern Berlin Beziehung Beziehungen Bibel Bilder blau Blumen Christen Christentum Corona Coronavirus demokratie Details Deutschland Donald Trump EKD Essay Essen Ethik EU Europa Evangelisch Farben Flüchtlinge Fotografie Fotos frieden funny.casa Gedanken Gedichte gelb Gemeinde Geschichte Gesellschaft Gesundheit Glaube Gott grün Herbst Highlight Hoffnung Humor Impressionen italien Jesus Jesus.casa Katholisch kinder Kirche Klimaerwärmung krankheit Krieg Kultur Kunst Leben Lebenshilfe Liebe Medien menschen Menschenrechte Musik Musikgeschichte münchen München inside Nachgedacht Nato Natur neu Olaf Scholz Ostern Pandemie philosophie photography Politik Psychologie Putin Religion Russland Satire Sprache sunshine.casa Theologie Tod Toleranz Ukraine Universum Urlaub usa verantwortung video Weihnachten winter Wirtschaft yellow.casa Zivilcourage Zukunft


Kommentare

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von god.fish

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen