
Wenn deutsche Medien zum Start der US-Präsidentschaftswahl „live“ berichten, könnte man fast glauben, der Wahlausgang würde in den ersten Minuten entschieden – als hätte sich ganz Pennsylvania spontan für den Lieblingskandidaten des ARD-Korrespondenten entschieden. Die Wahllokale öffnen, und mit ihnen die Liveticker, Analysen und Erklärungen, als wären sie alle aufgeregt zur ersten Stunde in der Turnhalle erschienen, bereit, das Ergebnis vom Basketballfeld abzulesen.
Was gibt es zu berichten? Dass die Wahl in den USA läuft? Dass das Wahllokal in North Carolina pünktlich geöffnet hat? Diese sensationelle Info, direkt geliefert aus der High School eines Vororts, treibt sicher den Puls in den deutschen Wohnzimmern in die Höhe. Wer wird gewinnen? Tja, bis die Ergebnisse da sind, bleibt uns die Live-Berichterstattung über das, was im Grunde seit über 200 Jahren dasselbe ist: Leute gehen rein, kreuzen was an und gehen wieder raus.
Doch keine Sorge, auch der kleinste Zwischenfall wird mit deutschem Ernst als politischer Showdown inszeniert. Ein überforderter Wahlhelfer konnte das Auszählgerät nicht sofort einschalten? Breaking News! Zwei Stimmberechtigte in Iowa haben eine hitzige Diskussion über Parkplätze? Titelseite! Und wenn sich doch etwas verändert, dann höchstens der Grad der Dramatik: „Historische Wahl“, „Richtungsweisend“, „Schicksalsstunde“. Man wartet nur darauf, dass endlich mal jemand den Applaus-Knopf drückt.
Aber gut, das Publikum will es ja so. Schließlich ist nichts so spannend wie das ewig gleiche Ritual von „Wahlen in den USA“ – zumindest wenn die Alternative ein ruhiger Dienstagabend in Deutschland ist.



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