Körperkult im Wellness-Kosmos: Wenn die Produktvielfalt die Anatomie überholt

In einer Welt, in der jedes Zehenglied seinen eigenen Feuchtigkeitsbalsam und jede Augenbraue ihr spezifisches Wachstumsserum verdient, hat der moderne Wellness-Store eine ganz besondere Botschaft für uns: „Der menschliche Körper ist unglaublich und jeder Teil braucht seine eigene Pflege.“ Ein Slogan, der uns fröhlich empfängt, als wäre er der Türsteher zu einem exklusiven Club, in dem nur diejenigen Einlass finden, die bereit sind, ihrem Körper die ultimative Huldigung zu erweisen. Doch während wir durch die Gänge dieses Tempels der Totalpflege schreiten, keimt ein leiser Zweifel auf: Haben wir überhaupt genug Körperteile, um dieser unendlichen Vielfalt an Pflegeprodukten gerecht zu werden?

Man könnte meinen, die Evolution hätte irgendwo eine geheime Vereinbarung mit den Produktentwicklern von Wellness getroffen, um sicherzustellen, dass für jedes neu entdeckte Bedürfnis unserer Haut, Haare oder Nägel prompt eine Lösung aus dem Ärmel geschüttelt wird. Ein Balsam für die linke Ellbogeninnenseite? Ein Tonikum ausschließlich für die rechte Ohrmuschel? Kein Problem, die Regale bieten eine Antwort auf Fragen, von denen wir nicht einmal wussten, dass wir sie haben.

In diesem Dschungel aus Tuben, Tiegeln und Fläschchen wird der Einkaufsbummel schnell zur spirituellen Sinnsuche. Welcher Teil von mir wurde bislang vernachlässigt? Gibt es vielleicht eine verborgene Zone zwischen dem dritten und vierten Zeh, die nach Erlösung durch eine spezielle Lotion schreit? Die Produktvielfalt im Wellness-Store lässt keinen Zweifel: Die menschliche Anatomie ist offensichtlich ein unerschlossenes Land, reich an Nischen und Winkeln, die nur darauf warten, entdeckt und gepflegt zu werden.

Doch während wir uns bemühen, dem Slogan treu zu bleiben und jedem Körperteil seine verdiente Aufmerksamkeit zu schenken, kommen wir nicht umhin, uns zu fragen, wo das alles enden soll. Wird es eines Tages eine Nachtpflege geben, die speziell auf die Bedürfnisse unserer Augenlider zugeschnitten ist, während sie von 22 Uhr bis Mitternacht geschlossen sind? Oder vielleicht eine revitalisierende Creme für die Kniekehlen, die besonders auf die Herausforderungen von langen Sitzungen im Bürostuhl abgestimmt ist?

Die Antwort auf all diese Fragen liegt wohl irgendwo zwischen den Regalen des Wellness-Stores verborgen, zusammen mit der Erkenntnis, dass in einer Welt, in der jeder Körperteil seine eigene Pflegelinie verdient, die wahre Kunst darin besteht, nicht den Überblick zu verlieren. Oder noch wichtiger: sich selbst nicht zu verlieren, zwischen all den Produkten, die uns versprechen, jeden noch so kleinen Teil von uns zu etwas Wunderbarem zu machen. Denn letztendlich, so scheint es, ist das größte Wunder vielleicht einfach die Fähigkeit, bei all dieser Auswahl noch lachen zu können.


Entdecke mehr von god.fish

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

1 Arbeit Architektur Bayern Berlin Beziehung Beziehungen Bibel Bilder blau Blumen Christen Christentum Corona Coronavirus demokratie Details Deutschland Donald Trump EKD Essay Essen Ethik EU Europa Evangelisch Farben Flüchtlinge Fotografie Fotos frieden funny.casa Gedanken Gedichte gelb Gemeinde Geschichte Gesellschaft Gesundheit Glaube Gott grün Herbst Highlight Hoffnung Humor Impressionen italien Jesus Jesus.casa Katholisch kinder Kirche Klimaerwärmung krankheit Krieg Kultur Kunst Leben Lebenshilfe Liebe Medien menschen Menschenrechte Musik Musikgeschichte münchen München inside Nachgedacht Nato Natur neu Olaf Scholz Ostern Pandemie philosophie photography Politik Psychologie Putin Religion Russland Satire Sprache sunshine.casa Theologie Tod Toleranz Ukraine Universum Urlaub usa verantwortung video Weihnachten winter Wirtschaft yellow.casa Zivilcourage Zukunft


Kommentare

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von god.fish

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen