
In der Welt der deutschen Bahninfrastruktur gibt es eine Besonderheit, die bis heute für Stirnrunzeln sorgt: die Bahnsteigkarte. Dieses kleine Stück Papier, das einem den Zugang zum Bahnsteig gewährt, ohne dass man selbst eine Reise antritt, ist eine echte deutsche Eigenheit. Besonders im Münchner Outback, sprich den etwas abgelegenen S-Bahn-Stationen, kann dieses Konzept zu einer absurden Erfahrung werden.
Die Bahnsteigkarte ist ein Relikt aus Zeiten, in denen die Bahnsteige noch exklusiver Zugangsorte für Reisende waren. In einer Ära, in der Sicherheit und Ordnung über allem standen, war sie das Tor zu den Zügen. Heutzutage, in einer Welt, in der digitale Tickets und offene Bahnsteige in vielen Ländern zur Norm geworden sind, wirkt die Bahnsteigkarte wie ein Anachronismus. Dennoch hält man in München und anderen Teilen Deutschlands an dieser Tradition fest.
Die Suche nach der Bahnsteigkarte kann sich als kleine Odyssee entpuppen. An den Ticketautomaten, die mit einer Vielzahl von Optionen und Untermenüs ausgestattet sind, wird die Geduld auf die Probe gestellt. Es erfordert fast detektivisches Gespür, die richtige Option für den Kauf einer Bahnsteigkarte ausfindig zu machen. Hat man diese Herausforderung gemeistert, hält man ein Ticket in den Händen, das eher symbolischen als praktischen Wert besitzt.
Ironischerweise ist die Kontrolle am Bahnsteig, für die die Bahnsteigkarte eigentlich gedacht ist, normalerweise auch gar nicht vorhanden. So steht man da, mit einem Papierfetzen, der einem das Gefühl gibt, für einen Moment Teil eines längst vergangenen Bahnerlebnisses zu sein.
Und da steht man dann mit seinem Anachronismus in der Hand und wartet auf die anachronistische Bahn.
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass man sich draussen im Outback eine solche Bahnsteigkarte tatsächlich gekauft haben sollte, würde man natürlich keinem davon erzählen. Viel zu peinlich.



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