
So ist es also. Man speist einmal ein paar kunstvoll zusammengerollte Maki und schlürft ein bisschen Miso-Suppe, und schon, puff! Ist man ein Japan-Experte. Ich beobachte dieses Phänomen schon seit geraumer Zeit und es scheint unaufhaltsam zu sein. So ist der Mensch eben. Es genügt ein winziger Happen Sushi, und schon reiht man sich in die Riege der leidenschaftlichen Nippon-Kenner ein. So einfach kann Weltkultur sein.
Viele Leute haben das Gefühl, wenn sie sich nur genügend Nigiri und Sashimi reinziehen, sind sie geistig schon auf den neonbeleuchteten Straßen Tokios unterwegs. Sie riechen den Duft der Kirschblüten, hören das leise Plätschern der Quellen in Kyoto und lassen sich vom Sumo-Ringer in der nächsten Eckkneipe eine Runde Sake ausgeben. Aber meine lieben Sushi-Samurais, wir müssen uns vielleicht mal ernsthaft unterhalten.
Es ist an der Zeit, dass wir diese logische Fehlleistung korrigieren, denn Japan ist natürlich mehr als nur ein riesiger schwimmender Sushi-Tresen. Es ist ein Land mit einer beeindruckenden Geschichte, einer lebendigen Kultur und einer Vielfalt, die von den schneebedeckten Gipfeln Hokkaidos bis zu den tropischen Stränden Okinawas reicht.
Betrachten wir doch mal diese „Ich mag Japan, weil ich Sushi mag“-Logik näher. Stellen Sie sich vor, Sie treffen einen Menschen und er sagt: „Ich mag Deutschland, denn ich mag Sauerkraut“. Sie würden wohl mitleidig lächeln, denn Sie wissen, dass Deutschland weit mehr zu bieten hat als fermentierten Kohl. Vielleicht denken Sie an Goethe und Schiller, an Beethoven und Bach, an die Berliner Mauer und den Schwarzwald. Sie denken an die deutschen Erfindungen und Errungenschaften, an die wechselvolle Geschichte und die wunderbare Vielfalt der Landschaften. Sie denken nicht nur an Sauerkraut.
Nicht anders verhält es sich mit Japan. Es wäre doch absurd zu glauben, dass die Liebe zu Ramen-Nudeln Sie irgendwie für den Shintoismus oder die Feinheiten der japanischen Teezeremonie qualifiziert. Oder dass Ihr Genuss an Pocky-Sticks Sie in die Komplexität der japanischen Gesellschaft, die Gleichzeitigkeit von Tradition und Moderne, einführt.
Nun gut, vielleicht bin ich zu streng. Sushi kann durchaus eine Eintrittskarte in die Welt der japanischen Kultur sein, ein kleiner Vorgeschmack auf die Tiefe und Vielfalt, die dieses Land zu bieten hat. Aber lasst uns bitte die Dinge in Perspektive halten. Genießen Sie Ihr Sushi, aber seien Sie nicht so vermessen zu glauben, dass Sie Japan kennen, nur weil Sie wissen, wie man mit Stäbchen isst. Machen Sie sich auf, Japan wirklich zu entdecken, jenseits der Sushi-Theke. Denn das Land der aufgehenden Sonne hat so viel mehr zu bieten, als Ihre nächsten zehn Bento-Boxen jemals zeigen könnten.
Lassen Sie uns, meine lieben Tempura-Touristen, das Land nicht auf seine kulinarischen Exporte reduzieren. Tauchen Sie ein in die Welt der japanischen Literatur, die von den epischen Geschichten der Heike bis zu den surrealen Romanen eines Haruki Murakami reicht. Besuchen Sie die alten Tempel und Schreine, die seit Jahrhunderten Zeugnis von Japans spiritueller Tiefe ablegen. Lernen Sie Ikebana, die Kunst der Blumenarrangements, oder Kintsugi, die Praxis, zerbrochene Keramik mit Gold zu reparieren, als Symbol für die Schönheit der Unvollkommenheit.
Begeben Sie sich auf eine Reise durch die verschiedenen Regionen Japans, von der Hektik Tokios bis zu den friedlichen Reisfeldern auf dem Land. Spüren Sie den Kontrast zwischen den riesigen Neonlichtern und den ruhigen Zen-Gärten, zwischen den hochmodernen Technologieunternehmen und den sorgfältig gepflegten Teepflanzen.
Und natürlich, essen Sie Sushi. Aber essen Sie es nicht, weil Sie glauben, dass es Sie irgendwie „japanischer“ macht. Essen Sie es, weil es lecker ist, weil es ein kleiner Teil eines großen, wunderbaren Ganzen ist. Schätzen Sie es als das, was es ist – ein köstlicher Happen aus einem Land, das so viel mehr ist als seine Menükarte.
Also, meine lieben Sushi-Samurais, das nächste Mal, wenn Sie sich ein Stückchen Thunfisch-Nigiri zwischen die Stäbchen klemmen, denken Sie daran: Japan ist mehr als nur ein Gericht auf Ihrem Teller. Es ist ein Land, das darauf wartet, entdeckt zu werden, jenseits von Wasabi und Sojasauce.
Sicher, Sushi mag die Eintrittskarte sein, aber es ist an Ihnen, die Reise anzutreten. Nur Sie können sich entscheiden, ob Sie ein lebenslanger Tourist in der Küche bleiben wollen, oder ob Sie sich auf die abenteuerliche Reise in die Tiefe der japanischen Kultur begeben wollen. Also, packen Sie Ihre Stäbchen ein und machen Sie sich bereit für das Abenteuer. Es warten noch viele Schüsseln Reis auf Sie.



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